Zwischen Werten und zukunftsfähigen Strukturen – Balanceakte der Familienunternehmen

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Die TOP LEADER Stimme der Familienunternehmen: Ursula Simacek

14.09.2022 | 4 min

Zwischen Werten und zukunftsfähigen Strukturen – Balanceakte der Familienunternehmen

Müssen die österreichischen Familienunternehmen in einen Wandel gehen oder sind sie bereits auf natürlichem Wege dort angelangt?

Digitalisierung, Arbeitskräftemangel, Bewusstseinswandel durch COVID-19, Nachhaltigkeit und die Generation Z als Arbeitnehmer – Chancen, Herausforderungen und hochdynamische Veränderungen, vor denen Familienunternehmen und Nichtfamilienunternehmen stehen. Dabei prägt die Andersartigkeit von Familienunternehmen diese nachhaltig. Sie sind das Rückgrat der österreichischen Wirtschaft und überzeugen durch Stabilität, Krisenresilienz und Werte. Übrig bleibt die Frage: Müssen die österreichischen Familienunternehmen in einen Wandel gehen oder sind sie bereits auf natürlichem Wege dort angelangt? Braucht es überhaupt Veränderung oder sind viele von ihnen Oldies but Goldies?

Knapp 90% der österreichischen Unternehmen sind Familienunternehmen. Lässt man die Ein-Personen-Unternehmen einmal außen vor, so entsprechen knapp 50% der Klassifizierung Familienunternehmen im engeren Sinn. Sie beschäftigen rund 65% der Erwerbstätigen und erwirtschaften über die Hälfte der Umsätze. Mit 1,8 Millionen Beschäftigten und über 400 Mrd. Euro Umsatz schaffen sie einen Großteil der Arbeitsplätze. Sogar an der Börse werden familienkontrollierte Unternehmen oftmals besser bewertet. Damit werden sie zurecht häufig als „Motor der österreichischen Wirtschaft“ bezeichnet.

Was überzeugt?

Mit COVID-19 lässt sich eines ganz klar sagen: Der persönliche Antrieb und die persönliche Verantwortung gegenüber den Mitarbeiter:innen machen die Familienunternehmen ehrgeizig in Sachen Krisenresilienz. Zumeist ist die Existenzgrundlage eng mit dem Unternehmen verbunden, was das eigene Engagement, den eigenen Antrieb und den unbedingten Willen des Bestehens in einer Krise auf eine einzigartige Art und Weise befeuert. Damit einher gehen auch das Vorantreiben von Innovationen und Nachhaltigkeit. In ihnen verankert ist das tiefe Bedürfnis, das eigene Unternehmen dauerhaft und wettbewerbsfähig am Markt zu positionieren. Das schafft Stabilität, Sicherheit und eine Unternehmenskultur, die von der Familie oft über Jahrzehnte geprägt wird.

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In dieser Unternehmenskultur treffen dabei zwei soziale Systeme aufeinander: die Familie als emotionales und das Unternehmen als wirtschaftliches System. Ein Aufeinandertreffen mit Bestand: Existieren zahlreiche dieser Unternehmen doch schon über viele Generationen. Damit gehen Identität, Authentizität einher und langfristiges Denken und Handeln werden geformt. Auch eine besondere Verbundenheit mit den Unternehmensstandorten wird aufgebaut. Es existieren mit und unter den Mitarbeiter:innen familienähnliche Verbindungen, die für eine außergewöhnliche reziproke Loyalität stehen. Mitarbeiter:innen fühlen sich verantwortlich füreinander und für das Unternehmen und zeigen eine Einsatzbereitschaft, die deutlich über das hinausgeht, was man in anderen Unternehmen beobachtet. Im Gegenzug finden persönliche Anliegen von Mitarbeiter:innen verstärkt Gehör, oft bis hinauf zur Geschäftsführung. Ein Arbeitsplatz, an dem einer der wesentlichsten Faktoren fest verankert ist, den gerade die Generation Z sucht: persönliche Wertschätzung. Schon der Begriff „Familienunternehmen“ wird bei Bewerber:innen bereits positiv assoziiert. Und das unabhängig davon, ob das Unternehmen groß gewachsen – wie SIMACEK, das heuer 80-jähriges Bestehen feiert und zu den österreichischen Topbetrieben im Facility Management gehört – oder familiär geblieben ist wie der Hafnerbetrieb in 5. Generation. 

Genau hier wird es spannend: Wie schaffen Familienunternehmen die Transformation zu modernen, digitalisierten und ökologisch nachhaltigen Unternehmen ohne gleichzeitig ihre Stärken, Werte und Tradition zu verlieren und braucht es diese überhaupt?

Der Tanz auf dem eigenen Drahtseil

Die Herausforderungen sind vielfältig. Da ist die Challenge „Tradition“, also der Spagat zwischen Tradition und Moderne. Wie gut gelingt es einem Familienunternehmen, etablierte Stärken, Werte und Verhaltensweisen in ein neues, dynamisches, beschleunigtes und vielfach einfach anderes Umfeld zu übersetzen? Worin liegen die eigentlichen Stärken und der eigentliche innere Antrieb, der Purpose des Unternehmens? Und worauf gibt dieser heute Antwort(en)?

Steht man vor dem Sprung auf ein neues Niveau der Professionalisierung? Nicht selten sind dabei die Familienmitglieder stark im operativen Geschäft eingebunden. Das stellt eine besondere Herausforderung dar: Sie müssen nicht nur mehr an unternehmerischer Kernkompetenz mitbringen, sondern tragen auch ein höheres Maß an Verantwortung als in anderen Unternehmensformen. Mit jahrzehntelanger Bindung an das eigene Unternehmen – viele sind seit ihrer Kindheit ins Unternehmen „hineingewachsen“ –, mit Verantwortung gegenüber den „eigenen“ Mitarbeiter:innen und einem oft ausgeprägten unternehmerischen Antrieb schaffen diese Unternehmer gegenüber Kunden:innen und Mitarbeiter:innen vor allem eines: Vertrauen. Die Callenge liegt darin, Verantwortung aus der Familie in eine zunehmend professionalisierte Unternehmensorganisation und vernetzte Zusammenarbeit mit anderen Unternehmen abzugeben und gleichzeitig dieses Vertrauen und den Unternehmergeist zu stärken. In jahrzehntelang historisch gewachsenen Strukturen kann externe Begleitung und ein Blick von außen helfen, wenn ein Berater das Unternehmen in der Tiefe versteht – oder zum gefürchteten „Hilfe, die Berater kommen“ führen.

Professionalisierung in der Unternehmensführung und Generationenwechsel in der Familie sind sicher die wichtigsten Kriterien für den zukünftigen Erfolg vieler Familienunternehmen.

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Die Digitalisierung ist in aller Munde. So kann auch im Familienunternehmen Professionalisierung und Innovation ohne Digitalisierung nicht gelingen. Da geht es um viel mehr als nur darum, Prozessabläufe digital abzubilden – Innovation aus Kooperationen mit internen und externen Ressourcen, Ökosysteme, Beteiligungen an Start-ups und ein Miteinander der aktuellen mit der nächsten (Unternehmer-)Generation. 

Die vierte, große Herausforderung verbindet Familienunternehmen aktuell mit allen anderen Mitbewerber:innen: die Suche nach Arbeitskräften, Talenten und (High-)Performern. Ein sinnstiftender Unternehmenszweck, Langfristigkeit, Krisenresilienz, Wertorientierung und vertrauensvoller Umgang mit Mitarbeiter:innen können hier entscheidende Vorteile sein, wenn es gelingt, diese glaubwürdig, engagiert und aktiv zu vermitteln – auch gegen die Strahlkraft namhafter Weltkonzerne, die in Absolventenbefragungen häufig weit oben auf der Liste von Wunscharbeitsgebern stehen.

Die richtige Balance finden

Sind die österreichischen Familienunternehmen aus rein „natürlichen“ Gründen zukunftsfähig, weil sie es schon immer waren, oder braucht es einen geplanten Wandel? Die aktuelle Studie „The regenerative power of family businesses“ (KPMG Private Enterprise und STEP Project Global Consortium) bringt es mit der Formel „Strong entrepreneurial capabilities + the family’s positive influence = strong business, social and family performance“ auf den Punkt: Familienunternehmen haben das Zeug zum modernen Antrieb der Wirtschaft. Wie sich der Weg für jedes einzelne Familienunternehmen gestaltet, mag sehr unterschiedlich sein. Es wird sich jedenfalls lohnen, einen vertieften Blick auf die übergreifenden Challenges zu werfen, die den aktuellen Wandel am stärksten prägen.

https://home.kpmg/at/de/home/media/press-releases/2021/03/familienunternehmen-erweisen-sich-widerstandsfaehig.html

Autorin: Ursula Simacek