Kilian Kaminski hat refurbed vor knapp zehn Jahren mitgegründet und damit gezeigt, dass Kreislaufwirtschaft nicht nur ökologisch sinnvoll, sondern auch wirtschaftlich erfolgreich sein kann. Seither wurden auf dem Online-Marktplatz zehn Millionen generalüberholte Produkte verkauft. Aus dem einstigen Wiener Start-up ist ein internationales Unternehmen mit rund 270 Mitarbeitern in 24 Ländern geworden.
Im Interview spricht der Unternehmer des Jahres 2023, unter anderem, über den Weg dorthin, die Herausforderungen beim Aufbau eines nachhaltigen Geschäftsmodells und das Potenzial der Wiederaufbereitung gebrauchter Elektronik.
Herr Kaminski, refurbed feiert nächstes Jahr sein zehnjähriges Bestehen. Wo steht das Unternehmen heute?
Wir sind ein Online-Marktplatz für refurbished Elektronikgeräte – also Geräte, die vorher gebraucht waren und in bis zu 40 Schritten professionell wiederaufbereitet werden. Dafür arbeiten wir mit professionellen Refurbishing-Betrieben zusammen.

Das Sortiment reicht von Handys und Laptops über Konsolen und Audiogeräte bis zu Haushaltsgeräten wie Staubsauger und Kaffeemaschine, dazu Ski, Snowboards, Sportequipment und mittlerweile auch Kinder- und Babyausstattung – man kann bei uns sogar einen refurbishten Kinderwagen kaufen.
Wir sind längst nicht mehr nur in Österreich und Deutschland aktiv, sondern in 24 europäischen Märkten, also fast in ganz Europa. Über 10 Millionen Produkte haben wir bereits verkauft, an mehrere Millionen Kundinnen und Kunden, die regelmäßig bei uns kaufen. Über unser Trade-in-Programm können Kundinnen und Kunden ihre alten Geräte auch wieder zurückverkaufen und so das Handy aus der Schublade zurück in den Kreislauf bringen.
Mittlerweile arbeiten über 270 Kolleginnen und Kollegen europaweit für uns daran, Konsum nachhaltiger zu gestalten.
Sie haben Ihre Karriere als Manager bei Amazon Deutschland begonnen und sich später für den Aufbau eines Unternehmens im Bereich Kreislaufwirtschaft entschieden. Was hat Sie zu diesem Schritt bewogen?
Nach meinem Studium bin ich 2014 mit meinem ersten Vollzeitjob bei Amazon in den E-Commerce eingestiegen. Das war eine spannende Zeit, denn der Onlinehandel begann gerade, stark zu wachsen. Für mich war es eine intensive Lernphase. Amazon ist allerdings kein Unternehmen, das man als Vorreiter in Sachen Nachhaltigkeit bezeichnen würde.
Ich hatte aber die Chance, das Amazon-Renewed-Programm, also Amazons Angebot an generalüberholten Produkten, in Europa einzuführen. Dabei kam ich erstmals intensiver mit refurbished Produkten in Berührung und war sofort überzeugt, dass ihnen die Zukunft gehört: Sie sind nachhaltiger und günstiger und werden mit Garantie angeboten. Ich fand den Gedanken reizvoll, bei Amazon an etwas mitzuwirken, das einen positiven Beitrag für die Gesellschaft und die Umwelt leisten könnte.
Das erwies sich allerdings als Fehleinschätzung. Amazon hatte das Programm nicht ins Leben gerufen, um einen Beitrag zu einer besseren Welt zu leisten, sondern weil das Unternehmen eine entsprechende Nachfrage bei einer bestimmten Kundengruppe erkannt hatte.
Das war ernüchternd für mich, denn ich hatte inzwischen eine echte Begeisterung für diese Produkte entwickelt und musste feststellen, dass ich bei Amazon damit keinen wesentlichen Beitrag leisten konnte.
Gemeinsam mit meinen Mitgründern Peter und Jürgen – wir kennen uns vom gemeinsamen Studium in Shanghai – fasste ich schließlich den Entschluss: Wenn Amazon es nicht ordentlich macht, müssen wir es eben selbst tun.
Das war vor knapp zehn Jahren der Ausgangspunkt für die Gründung von refurbed.

Eine Zahl aus eurem Nachhaltigkeitsbericht verdeutlicht das Ausmaß des Problems: In Österreich fallen pro Person jährlich fast 20 Kilogramm Elektroschrott an – deutlich mehr als im EU-Durchschnitt. Warum gibt es in Österreich so viel Elektroschrott?
Das hängt vor allem mit dem hohen Wohlstand und den damit verbundenen Konsumausgaben zusammen. Österreich und Westeuropa zählen hier zu den Spitzenreitern. Ein Smartphone wird im Schnitt alle zwei bis drei Jahre ersetzt, obwohl es deutlich länger genutzt werden könnte. Der Wunsch, stets das neueste Modell zu besitzen, führt zu einer Form des Fast-Konsums, die angesichts der inzwischen oft nur noch geringen Innovationssprünge zwischen den einzelnen Generationen zunehmend kritisch zu hinterfragen ist.
In Europa liegen über 600 Millionen Smartphones ungenutzt in Schubladen, in Österreich allein knapp 13,7 Millionen. Um das greifbar zu machen: In diesen 13,7 Millionen Smartphones stecken rund 500 kg Gold – umgerechnet das Material für etwa 100.000 Eheringe.
Wir sitzen also buchstäblich auf kleinen Goldminen. Entscheidend ist, diese Geräte wieder in den Kreislauf zurückzuführen – idealerweise durch Refurbishment, zumindest aber durch Recycling. Mit unserem Trade-in-Programm bieten wir Kundinnen und Kunden die Möglichkeit, ihre Altgeräte an uns zurückzugeben und ihnen so ein zweites Leben zu ermöglichen.
Sie haben damit das Prinzip des Urban Mining beschrieben. In den ungenutzten Smartphones schlummern wertvolle Rohstoffe, zugleich könnten viele Geräte weiterverwendet werden. Wie viele der 13,7 Millionen Smartphones in Österreich ließen sich tatsächlich wiederaufbereiten oder recyceln?
Etwa zwei Drittel dieser Geräte könnten recycelt werden. Noch interessanter ist jedoch, dass sich rund ein Drittel wiederaufbereiten ließe. Diese Smartphones könnten damit in einen neuen Lebenszyklus eintreten und von einer anderen Kundin oder einem anderen Kunden weitere zwei bis drei Jahre genutzt werden.
Das entspricht rund vier Millionen Smartphones, die sich durch eine Wiederaufbereitung erneut nutzen ließen. Damit euer Marktplatz funktioniert, müsst ihr die Geräte zurückgewinnen, professionell aufbereiten lassen und Verkäufer und Kunden zusammenbringen. Wo liegen dabei die größten Herausforderungen?
Am Anfang hat man immer das klassische Henne-Ei-Problem. Wir arbeiten mit über 300 professionellen Refurbishing-Partnern in ganz Europa zusammen – nicht mit dem kleinen Reparaturshop am Hauptbahnhof, weil wir skalierbar aufbauen wollen und die Qualität durchgehend gleich gut sein muss.
Unser größter Fokus liegt darauf, Kundinnen und Kunden die Angst vor Secondhand-Elektronik zu nehmen. Vertrauen ist wichtig: Ist das Gerät wirklich so gut, wie versprochen? Wenn wir sagen, unsere Geräte sind günstiger, nachhaltiger und haben Garantie, wurden wir immer gefragt: Wo ist der Haken?

Wir zeigen, dass es keinen gibt. Deshalb kaufen bei uns schon über 50 Prozent der Kundinnen und Kunden aufgrund von Empfehlungen aus Familie und Freundeskreis, nicht über bezahlte Werbung.
Alle unsere Geräte werden mit einer Garantie von mindestens einem Jahr angeboten. Auch beim Datenschutz erfüllen wir hohe Standards: Unsere professionellen Refurbishing-Partner arbeiten mit zertifizierter Löschsoftware. Zu unseren Partnern zählen unter anderem Banken, die strengsten gesetzlichen Sicherheitsanforderungen unterliegen. Wenn diese uns ihre Geräte anvertrauen, können auch Privatkundinnen und -kunden sicher sein, dass ihre Daten geschützt sind.
In der Kreislaufwirtschaft müssen wir zunächst erklären, was wir eigentlich tun und welchen Mehrwert unsere Produkte bieten, bevor wir sie verkaufen können. Dass wir in Europa bereits mehr als zehn Millionen Produkte verkauft haben, zeigt, dass dieses Konzept funktioniert.
In eurem Nachhaltigkeitsbericht sprecht ihr davon, 474.000 Tonnen CO2 eingespart zu haben. Wie kommt ihr zu solchen Zahlen?
Wir ermitteln diese Werte nicht selbst, sondern arbeiten dafür mit Fraunhofer Österreich zusammen. Der größte Anteil der CO₂-Emissionen entsteht bei der Herstellung neuer Geräte und der Gewinnung der dafür benötigten Rohstoffe. Diese Schritte entfallen bei uns, da wir bestehende Geräte wiederaufbereiten. Dadurch lassen sich erhebliche Mengen an CO₂ und Wasser sowie Elektroschrott einsparen. Entscheidet sich eine Kundin oder ein Kunde bewusst gegen ein Neugerät und für ein refurbished Produkt, reduziert sich der CO₂-Ausstoß um rund 80 Prozent.
Wie sieht euer Geschäftsmodell konkret aus und womit erwirtschaftet ihr eure Umsätze?
Unser Geschäftsmodell basiert auf einem Marktplatz, über den wir für jedes verkaufte Gerät eine Provision von den Refurbishing-Partnern erhalten. Darüber hinaus erzielen wir Einnahmen aus Versicherungsangeboten und unserem Trade-in-Programm. Im Februar haben wir zwölf weitere Märkte erschlossen und sind mittlerweile in 24 europäischen Ländern aktiv. Wir könnten bereits morgen profitabel wirtschaften, stellen derzeit jedoch die Maximierung unseres ökologischen und gesellschaftlichen Impacts in den Vordergrund.
Ihr habt letztes Jahr 20 Prozent der Belegschaft gekündigt. Wie passt das zusammen?
Im Frühjahr war der Punkt erreicht, an dem unser Wachstum nicht schnell genug war, um profitabel zu sein – für ein investorenfinanziertes Unternehmen ein schwieriger Moment.
Wir mussten uns von rund 20 Prozent des Teams trennen, auch weil wir durch den Einsatz von KI effizientere Strukturen schaffen konnten. Inzwischen stellen wir in bestimmten Bereichen, etwa im Partnermanagement, wieder ein.
Wir haben in sechs Finanzierungsrunden insgesamt über 170 Millionen Euro aufgenommen, viele davon von Impact-Investoren. Unser zentraler Wert ist es, Profit und Impact zu verbinden: Je mehr refurbished Produkte wir verkaufen, desto größer unser Impact – und desto mehr Geld nehmen wir ein.
Was will ein Impact-Investor im Pitch hören?
Bei klassischen Finanzinvestoren hieß es früher: Die Folie mit der Elektroschrott-Müllhalde in Ghana interessiert niemanden, streicht sie. Impact-Investoren dagegen finden genau diese Folie besonders wichtig.

Was steht ganz oben auf Ihrer Wunschliste an die Politik?
Das Recht auf Reparatur ist zentral. Das Gesetz schreibt aktuell nur vor, dass Ersatzteile zu einem „angemessenen Preis“ verkauft werden müssen, ohne das zu definieren. Würde die Regierung festlegen, dass der Ersatzteilpreis maximal 20 Prozent des Neupreises betragen darf, wäre das viel wirksamer. Dazu käme das Thema Ecodesign für modulare Bauweisen.
Ein großes Problem ist, dass die meisten EU-Gesetzgebungen primär Recycling bevorzugen und Refurbishment benachteiligen. Recycling ist wichtig, sollte aber immer erst der allerletzte Schritt sein. Priorität muss die Verlängerung des Lebenszyklus haben.
Verfügen die Recycler in Brüssel über die stärkere Lobby?
Es sieht so aus – oder die Politik macht es sich mit dem bekannten Begriff Recycling einfach zu leicht.
Bei Kundinnen und Kunden bleibt der Preis der wichtigste Treiber. In der Politik argumentieren wir heute nicht mehr nur mit Klimaschutz, sondern damit, dass Kreislaufwirtschaft Europa unabhängiger macht. Am Ende ist mir das Argument egal – Hauptsache, die Umwelt wird gerettet.
