Martin Wrana: Die unterschätzte Macht der Wertschätzung

Gehalt, Benefits und Karrierechancen sind wichtig – doch echte Bindung entsteht an einer anderen Stelle.
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Martin Wrana: Die unterschätzte Macht der Wertschätzung
Martin Wrana, Herausgeber und Inhaber von TOP LEADER.

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Über Mitarbeiterbindung wird viel gesprochen. Über Gehälter, Zusatzleistungen, flexible Arbeitszeiten und Karrierechancen. All das ist wichtig. Dennoch glaube ich, dass wir häufig unterschätzen, was Menschen wirklich an ein Unternehmen bindet.

Es ist das Gefühl, dass ihr täglicher Einsatz gesehen und geschätzt wird und nicht als selbstverständlich gilt.

Gerade die besten Mitarbeiter laufen Gefahr, dieses Gefühl mit der Zeit zu verlieren. Sie leisten zuverlässig ihre Arbeit, übernehmen Verantwortung und lösen Probleme, bevor sie überhaupt bei der Führungsebene ankommen. Doch gerade deswegen, weil sie so verlässlich sind, erhalten sie oft weniger Aufmerksamkeit als jene, bei denen es Schwierigkeiten gibt.

Ausgerechnet die Menschen, auf die wir uns am meisten verlassen können, nehmen wir irgendwann als selbstverständlich wahr.

Eine Erfahrung, die mir geblieben ist

Viele Jahre lang hatte ich einen Redakteur, der inzwischen leider verstorben ist. Uns verband weit mehr als eine rein berufliche Zusammenarbeit. Wir sprachen viel miteinander, auch über das Tagesgeschäft hinaus. Ich interessierte mich für ihn als Menschen und wollte ihm zeigen, dass ich seine Arbeit und seinen Einsatz schätzte. Umgekehrt merkte ich immer wieder, wie viel ihm diese persönliche Wertschätzung bedeutete.

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Wie tief unsere Verbindung tatsächlich war, wurde mir erst zu Beginn der Corona-Pandemie bewusst.

Wie viele andere Unternehmer stand auch ich damals plötzlich vor einer Situation, für die es keinen verlässlichen Geschäftsplan gab. Zeitweise stand sogar die Frage im Raum, ob wir den Verlag vorübergehend stilllegen müssten. In dieser Situation erklärte mir mein Redakteur von sich aus, dass das für ihn nicht infrage komme. Er wolle weitermachen, notfalls sogar vorübergehend ohne Bezahlung.

Natürlich habe ich dieses Angebot nicht angenommen, und glücklicherweise war es auch nicht notwendig. Und genauso selbstverständlich darf daraus niemals die Erwartung entstehen, Loyalität müsse sich darin beweisen, unbezahlt zu arbeiten.

Trotzdem hat mich dieser Moment tief beeindruckt.

Nicht wegen des finanziellen Angebots, sondern weil hier jemand Verantwortung empfand, als wäre es auch ein Stück weit sein eigenes Unternehmen.

Wertschätzung verändert die Beziehung

Ich glaube nicht, dass sich eine solche Haltung kaufen lässt.

Ein höheres Gehalt hätte diesen Moment nicht herbeigeführt, ein Bonus vermutlich ebenso wenig. Was sich hier gezeigt hat, war etwas, das über Jahre entstanden war: gegenseitiger Respekt, Vertrauen und das Gefühl, als Mensch wahrgenommen und für die eigene Leistung geschätzt zu werden.

Menschen führen gewissermaßen ein Beziehungskonto. Nicht bewusst und schon gar nicht nach mathematischen Regeln. Aber sie nehmen sehr genau wahr, ob ihr Einsatz gesehen wird, ob sich jemand auch dann für sie interessiert, wenn gerade nichts von ihnen gebraucht wird, ob ein Vorgesetzter zuhört, sich Dinge merkt und Anerkennung ehrlich meint oder sie als Führungsinstrument einsetzt.

Und sie spüren, wenn ihre Arbeit allmählich als selbstverständlich gilt.

Fehlende Wertschätzung führt dabei nicht zwangsläufig zur sofortigen Kündigung. Oft geschieht zunächst etwas, das weit weniger sichtbar ist. Menschen ziehen sich innerlich zurück. Sie erledigen weiterhin ihre Aufgaben, nehmen an Besprechungen teil und liefern möglicherweise nach wie vor gute Ergebnisse. Doch das freiwillige Mehr verschwindet. Der Gedanke, den jemand noch am Abend weitergibt. Das Problem, für das er Verantwortung übernimmt, obwohl es formal gar nicht in seinen Aufgabenbereich fällt. Die Bereitschaft, in einer schwierigen Situation noch einen Schritt weiterzugehen.

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Wertschätzung ist keine Führungstechnik

Vielleicht wird Wertschätzung gerade deshalb manchmal missverstanden. Sie ist kein Mittel, um Menschen zu höheren Leistungen zu bewegen.

Ein routinemäßiges „Gut gemacht“ schafft noch keine Verbundenheit.

Menschen spüren ziemlich genau, ob ihnen echtes Interesse entgegengebracht wird oder ob jemand lediglich eine Methode anwendet, die er in einem Führungsseminar gelernt hat. Wertschätzung zeigt sich oft in unscheinbaren Gesten. In einem Gespräch, für das eigentlich keine Zeit wäre. In einer ehrlichen Nachfrage. Darin, gute Leistungen nicht einfach als selbstverständlich hinzunehmen. Oder darin, einem Mitarbeiter zu erklären, warum sein Beitrag für das Unternehmen wichtig ist.

Das kostet wenig. Es erfordert allerdings Aufmerksamkeit.

Und vielleicht ist gerade diese Aufmerksamkeit heute eine der knappsten Ressourcen in Führungsetagen.

Ich denke noch heute an meinen damaligen Redakteur und an diesen einen Moment zu Beginn der Pandemie. Nicht, weil ich sein Angebot hätte annehmen wollen, sondern weil mir damals bewusst wurde, welche Verbindung zwischen einem Menschen und einem Unternehmen entstehen kann, wenn eine berufliche Beziehung über Jahre von gegenseitigem Respekt geprägt ist.

Vielleicht sollten wir uns bei der Mitarbeiterbindung deshalb nicht nur fragen:

Was bieten wir unseren besten Mitarbeitern?

Sondern uns gelegentlich auch eine andere Frage stellen:

Wann haben wir ihnen zuletzt gezeigt, dass wir wahrnehmen und schätzen, was sie Tag für Tag für unser Unternehmen leisten?

Autor: Martin Wrana

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