Kapitalmarkt als entscheidender Baustein für Wachstum und Vorsorge

Wenn Österreich den Kapitalmarkt für die private Vorsorge attraktiver macht, hat das gleich mehrere positive Effekte. Vorsorgelücken ließen sich schließen, das staatliche System entlasten und nicht zuletzt den Kapitalmarkt zur Finanzierung von Innovation und Wachstum stärken.
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Kapitalmarkt als entscheidender Baustein für Wachstum und Vorsorge Wenn Österreich den Kapitalmarkt für die private Vorsorge attraktiver macht, hat das gleich mehrere positive Effekte. Vorsorgelücken ließen sich schließen, das staatliche System entlasten und nicht zuletzt den Kapitalmarkt zur Finanzierung von Innovation und Wachstum stärken.

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Im Sommer ist sie kurz aufgeflammt, die Debatte rund um eine Behaltefrist. Aufgebracht von der ÖVP, unterstützt von den Neos, allerdings gegen den Widerstand der SPÖ nicht durchsetzbar, zumal sie auch nicht im Regierungsprogramm steht. Fast überraschend startete die ÖVP nun mit dem „Zukunftsdepot“ in den politischen Herbst. Für alle Kinder bis zum 18. Lebensjahr soll ein spesen- und gebührenfreies Anlagedepot geschaffen werden, mit dem jährlich bis zu 5.000 Euro spesen- und gebührenfrei angelegt werden können. Das Kapital bleibt dabei aber ausnahmslos bis zum 18. Geburtstag des Kindes gesperrt, Kursgewinne bis zum 18. Geburtstag sind gänzlich von der Kapitalertragssteuer (KESt.) befreit – danach anfallende Gewinne müssen ganz normal versteuert werden. Auch bei vergleichsweise niedrigen Sparbeträgen von monatlich 50 Euro, würde bis zum 18. Geburtstag des Kindes ein Vermögen von 21.000 Euro anwachsen können.

Die budgetären Folgen des Zukunftsdepots wären gering: Die teilnehmenden Banken würden die Spesen und Gebühren nicht ersetzt bekommen, hier würden dem Staat jedenfalls keine Kosten entstehen, so ÖVP-Familienministerin Claudia Bauer – der Vorteil des Zukunftsdepots bestehe für die Banken in langfristiger Kundenbindung. Ministerin Bauer plant darüber hinaus ein „Startguthaben“ für das Zukunftsdepot. Zum Kostenpunkt von rund 40 Mio. Euro soll allen 2027 geborenen Kindern 500 Euro Guthaben bei Einrichtung eines Zukunftsdepots zuteilwerden.

Die Volkspartei will sich zwar weiterhin für die Wiedereinführung einer allgemeinen Behaltefrist einsetzen, in der derzeitigen Regierungskonstellation scheint das jedoch nicht möglich. Das Zukunftsdepot wäre aber bereits ein Schritt in diese Richtung, denn immerhin gäbe es dann eine Behaltefrist für Kinder und Jugendliche. „Und es könnte zu einem gesellschaftlichen Umdenken beitragen: Weg von der Wahrnehmung des Kapitalmarkts als Instrument für Spekulation, hin zu einem stärkeren Bewusstsein für dessen langfristige Ertragschancen und den Nutzen dieser Gewinne für die breite Gesellschaft. Die Wiedereinführung der allgemeinen Behaltefrist ist der nächste logische Schritt“, so IV-Generalsekretär Christoph Neumayer.

Deutschland: Vorsorgedepot für alle

In Deutschland geht das staatlich geförderte Vorsorgedepot bereits einen Schritt weiter als das Zukunftsdepot in Österreich. Mit Jahresstart 2027 gibt es in Deutschland ein gefördertes Altersvorsorgedepot für alle: Ohne Beitragsgarantie kann dann in ETFs, Fonds und ELTIFs investiert werden, die Anbieterkosten sind auf ein Prozent pro Jahr gedeckelt. Gefördert werden bis zu 1.800 Euro Jahreseinzahlung mit einer gestaffelten Zulage von bis zu 540 Euro, eine steuerbegünstigte Aufzahlung ist bis 6.840 Euro möglich. Für Kinder ab sechs Jahren zahlt der Staat über die geplante Frühstart-Rente zusätzlich zehn Euro monatlich ein. Parallel dazu empfiehlt die Alterssicherungskommission in ihrem Bericht eine kapitalgedeckte Komponente in der ersten Säule der gesetzlichen Rentenversicherung: Ab 2028 soll ein über zusätzliche Lohnnebenkosten finanzierter Beitrag in einen individuellen Kapitalstock fließen. Ob das wirklich kommt, ist noch offen, bisher gibt es zumindest ein klares Bekenntnis. Der Koalitionsausschuss beschloss Anfang Juli, alle 33 Kommissionsempfehlungen umzusetzen. Das Gesetzgebungsverfahren soll laut Bundeskanzler Merz noch 2026 abgeschlossen werden.

In eine ähnliche Kerbe schlägt der Vorschlag von Bundeskanzler Stocker, einen Staatsfonds einzurichten, der seine Gelder am Kapitalmarkt veranlagt und dessen Erträge die staatlichen Beiträge zu den Pensionen stützen sollen. Anders als in Deutschland, will Stocker das aber nicht über Lohnnebenkosten finanzieren und individuell gestalten, sondern den Fonds aus Dividenden der Staatsbeteiligungen speisen – als Vorbild dient Norwegen. „Das wäre allerdings keine Lösung des strukturellen Finanzierungsproblems, ein solcher Fonds kann ein Beitrag sein, begleitet von längst überfälligen Strukturreformen des Pensionssystems“, so der IV-Generalsekretär. Wäre er bereits 2015 nach norwegischem Vorbild gestartet worden, läge das Vermögen 2026 bei rund sieben Milliarden Euro, wie Berechnungen des Wirtschaftspolitik-Mediums Selektiv ergeben haben. Bei sechs Prozent Rendite ab 2027 läge das Vermögen 2032 bei 15,4 Milliarden Euro und 2041 bei rund 35 Milliarden. Derzeit schießt der Staat aus dem Bundesbudget rund 33 Milliarden Euro jährlich den Pensionen zu. 

Bei der zweiten Säule des Pensionssystems, der betrieblichen Vorsorge, konnte sich die Regierung bereits auf eine Reform einigen. Kernstück ist ein neues Standardprodukt der Pensionskassen: Beschäftigte können ihre Ansprüche aus der Abfertigung Neu künftig freiwillig und kostenfrei in eine Pensionskasse übertragen – unabhängig davon, ob der eigene Arbeitgeber eine entsprechende Lösung anbietet. Ergänzend entsteht ein neues, freiwilliges Veranlagungsmodell ohne Kapitalgarantie, das höhere Ertragschancen eröffnen soll. Der Nachholbedarf ist beträchtlich: Während hierzulande nur rund sieben Prozent des Bruttoinlandsprodukts in Pensionskassen veranlagt sind, liegt dieser Wert in Dänemark bei etwa 206 Prozent.

Fast jeder Dritte besitzt Wertpapiere

Das Interesse der Bevölkerung am Kapitalmarkt ist dabei durchaus vorhanden. Daten des Aktienforums zeigen, dass mittlerweile rund 2,4 Millionen Österreicher Wertpapiere besitzen, das ist fast jeder Dritte. Unter den Wertpapierbesitzern sind Investmentfonds und Aktien die beliebtesten Anlageformen, Anleihen sind weniger beliebt, der Anteil steigt jedoch in den letzten Jahren an. Weitere 1,4 Millionen Österreicher können sich grundsätzlich vorstellen, in Wertpapiere zu investieren. Im internationalen Vergleich zeigt sich jedoch, dass Verbesserungspotenzial besteht: Österreich liegt beim Aktienbesitz unter dem EU-Schnitt. Ein großes Hindernis dafür ist fehlendes Finanzwissen und die weitverbreitete Skepsis, der Kapitalmarkt sei zu risikoreich und rein spekulativ. Auch deshalb liegt weiterhin mehr Geld in Sparbüchern als in Wertpapieren.

„Ein tieferer Kapitalmarkt würde nicht nur der privaten Vorsorge der Österreicher zugutekommen, sondern auch den österreichischen Unternehmen, dem Wirtschaftswachstum und damit dem gesamten Standort“, sagt Neumayer. Österreichs Unternehmensfinanzierung ist stark kreditbasiert. Für Wachstums- und Technologieunternehmen, die Eigenkapital brauchen, ist das ein strukturelles Problem. In der EU lagen Venture-Capital-Investitionen zuletzt, laut der Europäischen Union, zehnmal niedriger als in den USA. Europäische Startups suchen Kapital oft im Ausland oder verlagern ihren Sitz dorthin. Die Kapitalmarktunion soll das ändern. „Ob der politische Wille dazu reicht, wird sich zeigen – sowohl in Österreich als auch auf EU-Ebene. Die Zeit drängt jedenfalls, denn ein starker Kapitalmarkt ist unabdingbar, wenn wir den nächsten Aufschwung finanzieren wollen“, sagt der IV-Generalsekretär abschließend.

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