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„Wir erschaffen eine fossilfreie Zukunft für unsere Kinder“

© Lukas Ilgner

Leonhard Schitter, CEO der Energie AG Oberösterreich.

29.01.2024 | 6 min

„Wir erschaffen eine fossilfreie Zukunft für unsere Kinder“

Exklusivinterview mit Leonhard Schitter, CEO der Energie AG Oberösterreich, über den Ausbau der Netzinfrastruktur, den Nachhaltigkeitstransformationsprozess, die hohen Energiepreise sowie die generellen Herausforderungen der Energieerzeugerbranche u.v.m.

Die Energie AG Oberösterreich entwickelte sich, seit der Gründung im Jahr 1892 vom regionalen Energieversorger zum international gefragten Infrastrukturkonzern. Heute erwirtschaftet der Konzern, mit seinen mehr als 5.000 Mitarbeiter:innen, einen Umsatz von mehr als 4 Milliarden Euro. Welche unmittelbaren, aber auch strategisch langfristigen Ziele haben Sie sich gesetzt?

Die strategische Ambition der Energie AG ist die Klimaneutralität bis 2035. Oberstes Gebot dabei ist weiterhin die Gewährleistung der Ver- und Entsorgungssicherheit. Übergeordnetes Ziel ist es, den Lifecycle der Energie AG von der Erzeugung über die Verteilung bis hin zur Verwertung zu dekarbonisieren – also den CO2-Ausstoß der Energie AG nachhaltig zu reduzieren.

In Bezug auf die Umsetzung dieser richtungsweisenden Strategie, steht vor allem der Ausbau der erneuerbaren Energieträger im Vordergrund. Im Fokus steht dabei vor allem Wasser, Wind und PV – unser neuer Purpose ist: Wir erschaffen eine fossilfreie Zukunft für unsere Kinder.

„Wir erschaffen eine fossilfreie Zukunft für unsere Kinder“

© PantherMedia / sdecoret

Sie sind seit Anfang des Jahres als CEO der Energie AG tätig, gelten als hochkarätiger Branchenprofi und sind für Ihre innovativen Ideen und Konzepte bekannt. Haben Sie spezifische Erfahrungen aus ihrer beruflichen Anfangszeit, die Ihnen, retrospektiv betrachtet, speziell geholfen haben, um ein so großes Unternehmen zu führen?

Persönlich haben viele inspirierende Menschen meinen Werdegang geprägt. Letztendlich haben alle Erfahrungen in meiner beruflichen Laufbahn eine Basis gelegt, die mir hilft, große Unternehmen erfolgreich zu leiten. Das gelingt uns aber nur gemeinsam. Ich bin davon überzeugt, dass eine entsprechende Vielfalt und Kultur im Unternehmen uns als Energie AG weiterbringt und wir so Innovationen positiv gestalten und vorantreiben können. Wir möchten Veränderungen antizipieren und nachhaltige Lösungen für die Zukunft und unsere Kundinnen und Kunden entwickeln. Dazu braucht es den Mut und die Bereitschaft, offen für Veränderungen zu sein.

Alles dreht sich momentan um das Thema Nachhaltigkeit und den sukzessiven und vehement geforderten Ausstieg aus fossiler Energie. Relativ knapp nach ihrem Antritt als CEO haben Sie angekündigt, dass die Energie AG Milliarden in die Hand nehmen will, um den Ausbau von Netzinfrastruktur und erneuerbarer Energien voranzutreiben. Welche größeren, aber auch kleineren Projekte können Sie einstweilen verifizieren?

Der Schwerpunkt liegt im Ausbau der Erzeugungsmöglichkeiten bei Wasser, Wind und Sonne sowie im massiven Ausbau der Netzinfrastruktur, um die Versorgungssicherheit zu gewährleisten. Dazu sind bereits einige Wind- und PV-Projekte im Inland und in den Nachbarländern in der Evaluierung bzw. Umsetzung.

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Für uns ist beispielsweise das Pumpspeicherkraftwerk Ebensee eine wichtige Investition in eine fossilfreie Energiezukunft. Das Kraftwerk und der damit verbundene Stausee sollen uns als ‚grüne Batterie‘ dabei unterstützen, Energie dann zur Verfügung zu stellen, wenn sie benötigt wird. Es ist mit einem Investitionsvolumen von rund 450 Millionen Euro die größte Einzelinvestition in der Geschichte der Energie AG. Ende September erfolgte der Beschluss im Aufsichtsrat und mit dem Spatenstich erfolgte im Oktober bereits der offizielle Baustart.

Darüber hinaus werden wir die Wärmewende u.a. durch die Elektrifizierung und den Einsatz von Biomasse aktiv vorantreiben. Zudem ist grüner Wasserstoff für die Energie AG ein wichtiges Zukunftsthema.

Wie sehen Sie persönlich den weiteren Ausbau der erneuerbaren Energien in der österreichischen Energielandschaft – gibt es nur Vorteile, welche Grenzen gibt es und kann überhaupt vollständige Energieautarkie erreicht werden?

Der massive Ausbau erneuerbarer Energien in Österreich hilft uns auf unserem Weg in Richtung Klimaneutralität und Unabhängigkeit. Uns muss aber auch bewusst sein, dass das eine Herkulesaufgabe ist, die wir nur gemeinsam schaffen können.

Es braucht daher einen Klimapakt zwischen Wirtschaft, Politik und Bevölkerung. Und wir müssen auch verstehen, dass es dazu den Netzausbau und den Ausbau der Speicherkapazitäten braucht. Eines ist aber klar: Die Energiewende wird sichtbar sein. Ich glaube aber, dass das Verständnis für eine nachhaltige Energiezukunft noch nie so groß war, wie heute. Entscheidend dabei ist, dass wir alle gemeinsam an einen Strang ziehen und wir als Gesellschaft gemeinsam in dieselbe Richtung gehen.

Werden beim Nachhaltigkeitstransformationsprozess, am Energiesektor, nicht auch strukturelle Probleme negiert, für die es schlicht noch keine Lösung gibt – anders formuliert – geht der künftige Infrastrukturausbau schnell genug oder wird der Strombedarf, überspitzt formuliert, das Netz überfordern?

Die Energienetze, also die Stromnetze und die Leitungen für die Erdgas-Nachfolge, werden eine wesentliche Rolle spielen, wenn wir die Energiezukunft erfolgreich bewältigen wollen. Wir weisen als Branche seit Jahren darauf hin, dass wir die entsprechend unterstützenden Rahmenbedingungen brauchen. Wir hatten bisher Bedingungen, die dazu geführt haben, dass wir ein Vielfaches – oftmals 15 Jahre oder gar noch länger – an Zeit für die Genehmigungsverfahren gebraucht haben als für die eigentliche Realisierung der Projekte.

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Hier müssen wir deutlich schneller und effizienter werden. Wir brauchen hier Rahmenbedingungen, die uns hier bestmöglich unterstützen und die den Projekten für die Energiezukunft entsprechende Prioritäten und Beschleunigungen einräumen.

Immer wieder wird auch darauf rekurriert, dass die hohen Energiepreise die Inflation weiter nach oben getrieben haben. Hätte man dies tatsächlich, durch einen Eingriff, verhindern können?

Im Jahr 2022 wurde in vereinzelten EU-Staaten darüber nachgedacht, in den liberalisierten Strommarkt einzugreifen, um temporäre, nationale Vorteile zu erreichen. Individuelle Eingriffe führen aber unweigerlich zu einem Abweichen vom europäischen Gesamtoptimum.

Erst der Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine und die vom Kreml gesteuerte Verknappung von Gas hat die jüngsten Marktverwerfungen ausgelöst; nicht aber die Strommarktliberalisierung in der EU. Durch die Liberalisierung ersparten sich die heimischen Haushalte in den letzten Jahren beispielsweise jährlich durchschnittlich 305 Millionen Euro pro Jahr bei Strom. Bei Gas wiederum konnten sich die österreichischen Haushalte in Summe jährlich rund 149 Millionen Euro pro Jahr ersparen.

Themenwechsel: Der anhaltende Krieg in der Ukraine und die noch immer strukturelle Abhängigkeit von russischem Gas bieten Zündstoff für künftige Entwicklungen. Ist die österreichische Wirtschaft in der Lage den Energieverbrauch ohne russisches Gas zu decken und arbeitet die Bundesregierung überhaupt an einem Plan B, falls es tatsächlich zu einem von der Ukraine angekündigten Lieferstopp von russischem Gas kommt?

Auch wenn die Versorgungslage aktuell beruhigend ist, bleibt eine gewisse Ungewissheit und Nervosität auf den Märkten bestehen. Daraus resultieren Preisschwankungen an den Großhandelsmärkten bei schlechten Nachrichten, wie zuletzt der Beschädigung einer Ostseepipeline. Auch ein langer, kalter Winter oder Eskalationen bei Kriegen könnten hier nochmals negative Auswirkungen zeigen.

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Es gibt aber auch erfreuliche Umstände: Derzeit ist die Gasversorgung in Europa gut gesichert und die Gasspeicher sind für die aktuelle Heizsaison, auch dank der milden Witterung im Herbst, mit mehr als 95 % sehr gut gefüllt. Zudem muss auch bedacht werden, dass Österreich mit ca. 80 TWh Verbrauch über Erdgasspeicher im Ausmaß von ca. 100 TWh verfügt.

Nichtsdestotrotz bleibt es weiter das Gebot der Stunde, sorgsam mit dem Gasverbrauch umzugehen und vor allem den Erneuerbaren Ausbau und die Substitution von fossilem Gas weiter voranzutreiben. Das macht uns unabhängiger und erhöht die Versorgungssicherheit.

Der Anteil an russischem Gas lag bei den Importen, Anfang des Jahres, bei durchschnittlich sechzig Prozent. Im September waren es dann schon wieder sogar fast achtzig Prozent – etwa so viel wie zu Kriegsbeginn. Ist dies ein Zeichen von Untätigkeit und/oder Naivität? Wie würden Sie diese Problematik angehen?

Die Importmengen aus Russland wurden deutlich reduziert und sind europaweit auf ca. 10 – 15 % gesunken. Davon profitiert auch Österreich durch eine höhere Verfügbarkeit von nicht-russischem Gas bei Handelspartnern und an den Energiehandelsbörsen.

LNG-Terminals wurden und werden errichtet und der Anteil an LNG wird laufend ausgebaut. Sollte es im „worst case“ trotzdem zu Gaslieferengpässen kommen, würde sich zwischenzeitlich durch die nunmehr etablierten europäischen Solidaritätsmechanismen eine deutliche Verbesserung der Situation für Österreich ergeben.

Worauf sollten sich auch Privatkunden in Österreich in den nächsten Monaten einstellen? Wie werden sich Gas- und Strompreise verändern und wie stehen Sie zur Strompreisbremse?

Wir sehen aktuell eine leichte Entspannung bei den Preisen für Energie an den heimischen Börsen. Abzuwarten ist, wie sich die Wintermonate entwickeln. Die Einspeicherung von Gas ist in Österreich derzeit auf einem historischen Höchststand und daher sind keine Verwerfungen zu erwarten.

Die Strompreise für die Endkunden werden 2024 höchstwahrscheinlich stabil bleiben und zu großen Teilen bis Ende 2024 durch die Strompreisbremse gestützt. Wir als Energie AG beschaffen für unsere Privatkunden Energie rollierend. Das bedeutet der Einkauf erfolgt über einen längeren Zeitraum und federt somit Spitzen ab. Mit dieser Strategie können wir unsere Privatkunden zu fairen Preisen beliefern und sorgen damit für Versorgungssicherheit und Planbarkeit.

Was sind die wichtigsten Herausforderungen, die auf Ihre Branche der Energieerzeuger zukommt und welche Maßnahmen plant die Energie AG, um diesen zu begegnen?

Die Herausforderungen sind für alle Unternehmen aus der Energiewirtschaft sehr ähnlich. Wir haben multiple Krisen zu managen. Uns beschäftigen die geopolitischen Entwicklungen, der fortschreitende Klimawandel und die Energiewende.

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Hinzu kommen große Herausforderungen demografischer Art. Allein bei der Energie AG geht in den nächsten zehn Jahren etwa ein Drittel der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Pension. Um diese Herausforderungen bewältigen zu können, haben wir als Energie AG eine umfassende strategische Neuausrichtung und die dafür notwendigen Maßnahmen beschlossen, mit dem Ziel der Klimaneutralität bis 2035 – bei Gewährleistung der Versorgungssicherheit.

Wir möchten Sie gerne auch als Privatperson etwas näher kennenlernen, abschließend daher noch ein paar persönlichen Fragen:

Welches berufliche Erlebnis hat sie am meisten geprägt?

Die Freude, mit der unsere Kolleginnen und Kollegen unsere neue Strategie und das Ziel „Klimaneutralität bis 2035“ erarbeitet haben und diese jetzt umsetzen wollen.

Mit wem würden Sie gerne einen Tag lang tauschen?

Nicht tauschen, sondern mich austauschen. Mit Satya Nadella, dem CEO von Microsoft, zu seiner Vision „digital first“.

Was inspiriert, was entspannt Sie und worauf sind Sie besonders stolz?

Meine großartigen Kolleginnen und Kollegen, wenn sie großartige Erfolge erzielen und diese von allen gesehen, wahrgenommen und wertgeschätzt werden.

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Welche Vorhaben möchten Sie unseren Lesern besonders ans Herz legen?

Werden Sie aktiver Teil der Klima- und Energiewende.

Welches Buch haben Sie zuletzt gelesen?

„Stadt, Land, Klima“ von Gernot Wagner.

Was macht Ihnen an Ihrem Job am meisten Spaß?

Die täglichen Begegnungen und persönlichen Gespräche mit wunderbaren Kolleginnen und Kollegen.

Sie können EIN globales Problem lösen – welches wäre das?

Die Klimaerwärmung nachhaltig hintanzuhalten.

Herr Schitter, wir wünschen Ihnen viel Erfolg für die Zukunft und herzlichen Dank für das Interview.

Danke Ihnen.

Geschrieben von:

TOP LEADER-Redaktion