„Technologie und Innovation sind mittlerweile die mächtigsten Mittel, um unsere Welt gut und nachhaltig weiterzuentwickeln“

© Infineon Austria

Sabine Herlitschka, Vorstandsvorsitzende der Infineon Technologies Austria AG

06.05.2022 | 6 min

„Technologie und Innovation sind mittlerweile die mächtigsten Mittel, um unsere Welt gut und nachhaltig weiterzuentwickeln“

Exklusivinterview mit Sabine Herlitschka, Vorstandsvorsitzende der Infineon Technologies Austria AG.

Frau Herlitschka, sind seit 2014 Vorstandsvorsitzende der Infineon Technologies Austria AG und engagieren sich für etliche gesellschaftspolitische Themen, unter anderem auch für mehr Frauen in der Technik und in Führungspositionen. Wie schwierig war es für Sie selbst, Ihren Weg zu verfolgen, verspürten Sie starken „Gegenwind“?

Ich engagiere mich für den Technologie-, Forschungs- und den Innovationsstandort Österreich und Europa, weil ich fest davon überzeugt bin, mit diesen Themen die Zukunft positiv und aktiv gestalten zu können. Ich trage gerne etwas bei, fachlich und persönlich. Zu einem Diskurs gehören auch andere Meinungen, Standpunkte und Herangehensweisen. Die Frage ist, Gegenwind immer auch konstruktiv im Sinne des gemeinsamen Zieles zu nutzen. Daher ist es mir ein Anliegen, andere und insbesondere Frauen zu ermutigen, ihren Weg konsequent zu gehen, auch wenn der Wind manchmal rauer weht. Auch wenn es in der Situation mitunter nicht angenehm war, aber mich persönlich hat jeder Gegenwind stärker gemacht, auf dieser Stärke habe ich Vieles aufbauen können.

Was war der größte berufliche Stolperstein Ihrer Laufbahn und wie haben Sie ihn überwunden?

Mir gelingt nicht alles und ich kann auch nicht alles, was ich gerne können würde. Insofern gehören Stolpersteine dazu. Wichtig ist es, diese „Blocking Points“ auch als Lernfelder zu nutzen. Für mich ist immer die große Ambition, ein großes Ziel wichtig, und der Anspruch zur Reflektion. Kurzum, nicht stehenzubleiben und sich weiterzuentwickeln – fachlich und persönlich.

Was macht Infineon zu einem attraktiven Arbeitgeber?

Technologie und Innovation sind mittlerweile die mächtigsten Mittel, um unsere Welt gut und nachhaltig weiterzuentwickeln. Insofern bieten wir Jobs mit „Purpose“ also mit einem gesellschaftlichen Wert und großem Sinnbezug. Mit unseren Produkten können wir ganz konkret Antworten auf die großen Themen unserer Zeit wie Umweltschutz, Energieeffizienz oder Sicherheit geben. Im Wettbewerb um die Fachkräfte zählt auch immer mehr das Gesamtpaket. Chancengleichheit, flexible Arbeitszeiten, umfassende Aus- und Weiterbildung, Angebote zur Kinderbetreuung, Homeoffice und Teilzeit-Möglichkeiten, Ferienbetreuungen oder auch eine Unterstützung bei der Ansiedelung sind bei uns selbstverständlich. Und wir engagieren uns sehr, wenn es darum geht, das Interesse von jungen Menschen an Technik so früh wie möglich zu fördern. Insgesamt setzen wir gezielt auf Diversität als Erfolgsfaktor.

Inwiefern unterstützen Sie speziell weibliche Beschäftigte?

Frauen in der Technik haben für uns ein großes Potenzial. Viele Unternehmen setzen konkrete Maßnahmen, das tun auch wir bei Infineon seit Jahren. Kinderbetreuung ist da ein ganz essenzielles Element, damit die Vereinbarkeit für beide Elternteile funktionieren kann, gerade in einem Land wie Österreich, wo noch immer in weiten Teilen ein sehr traditionelles Rollenbild vorherrscht. Mit unserem internationalen Kindergarten mit 190 Betreuungsplätzen, einem Schwerpunkt auf Technik und Naturwissenschaften, wenigen Schließtagen und einem hochqualitativen pädagogischen Konzept tun wir genau das. Für das besonders familienfreundliche Engagement wurde Infineon Austria mit dem Zertifikat „berufundfamilie“ ausgezeichnet.

„Diversität stärkt die Wettbewerbsfähigkeit, das zeigen mittlerweile viele Studien, Frauenförderung ist daher nicht ausschliesslich ein „Frauenthema“, sondern ein Thema für uns als Gesellschaft.“

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Was tut Infineon zur Förderung des Frauenanteils? Wie werden die Maßnahmen angenommen und was würden Sie sich in diesem Zusammenhang wünschen?

Als Technologieunternehmen ist es uns ein großes Anliegen mehr Frauen für die Technik zu gewinnen. Der Frauenanteil liegt aktuell bei rund 19 Prozent. Das ist für die Halbleiterbranche nicht untypisch, aber natürlich bei Weitem nicht zufriedenstellend. Wir tun daher viel, um Frauen hochattraktive Karrierepfade in der Technik zu ermöglichen – wie auch aktuell mit dem „Frauen-Förderpreis für Digitalisierung und Innovation“, den wir gemeinsam mit dem ORF gestartet haben. Der Preis soll junge weibliche Talente motivieren, sich im Rahmen ihrer Ausbildung mit technischen Fragen rund um Digitalisierung und Innovation zu beschäftigen.

Was ich mir noch wünschen würde? Das sich unsere Gesellschaft von den traditionellen Rollenbildern löst und dass sich auch Männer stärker bei diesem Thema engagieren. Diversität stärkt die Wettbewerbsfähigkeit, das zeigen mittlerweile viele Studien, Frauenförderung ist daher nicht ausschliesslich ein „Frauenthema“, sondern ein Thema für uns als Gesellschaft. Die Wirtschaft, speziell die Technik, braucht die Fähigkeiten und Kompetenzen von Frauen und Männern. Und die Technik bietet so viele Chancen für Frauen.

Wie und wo kann man sich für diesen Frauen-Förderpreis bewerben?

Alle Details zur Bewerbung und Teilnahmebedingungen gibt es unter https://extra.orf.at/frauenfoerderpreis/einreichen100.html. Wir holen Frauen vor den Vorhang, die mit ihren innovativen Ideen und Arbeiten die Herausforderungen unserer Generation wie die digitale Transformation und den Klimawandel mitgestalten. Es gibt attraktive Praktika im ORF, bei Infineon Austria und bei der APA, wie auch Geldpreise.

Welche Ziele hat Ihr Unternehmen mittelfristig?

Angesichts der beschleunigten Digitalisierung und Elektrifizierung erwarten wir, dass der Bedarf nach energieeffizienten Technologien in den kommenden Jahren weiter zunimmt und die Innovationen in vielen Wirtschaftsbereichen antreibt. Wir sind durch die Erweiterung unserer Kapazitäten gut aufgestellt und investieren auch zukünftig in Forschung und Entwicklung und in neue Halbleitermaterialien. Wir leisten damit einen deutlichen Beitrag zum Green Deal und zur Energiewende.

Was braucht der Wirtschaftsstandort Österreich um leistungsstark zu bleiben?

Für einen attraktiven Standort braucht es die richtigen Rahmenbedingungen. Forschungs- und innovationsfördernde Maßnahmen gehören da genauso dazu wie Investitionen in die digitale Infrastruktur, die Energieversorgung und ganz besonders die Bildung. Denn der Mangel an technischen Fachkräften spitzt sich weiter zu. Deshalb legen wir da bewusst den Finger drauf. Die Digitalisierung ist hier ein wesentlicher Ermöglicher, um in der Bildung, bei den Fachkräften, in der Energieverfügbarkeit und der Nachhaltigkeit weiterzukommen. Die Politik ist daher gefordert, zukunftsorientiert zu handeln und vor allem schnell in die Umsetzung zu kommen, denn nur das zählt letztlich. Mit dem „European Chips Act“ steht nun ein Instrument zur Verfügung, von dem Österreich als Technologiestandort sehr profitieren kann. Generell steht ein Standort immer im internationalen Wettbewerb, das müssen die Politik und wir alle immer im Blick haben.

Wie beschreiben Sie Ihr Leadership?

Leadership hat zu tun mit Vision und Zielen, und mit tatkräftiger Umsetzung, also mit dem Wollen und dem Können. Mein Anspruch ist, dass die Leute verstehen, warum wir etwas tun und Organisationsstrukturen zu schaffen, in denen die Menschen ihre Kompetenzen und Talente bestmöglich einsetzen können. Gleichzeitig sind Leader heute mehr als Richtungsweiser. Sie sind Vorbilder, Talentmanager und Coaches in einer Person. Das bedeutet auch, sich selbst kontinuierlich zu reflektieren, Raum für Kreativität und zugleich Sicherheit zu schaffen, um sein Team zu Höchstleistungen anzuspornen – auch und gerade in Krisenzeiten.

„Gleichzeitig sind Leader heute mehr als Richtungsweiser. Sie sind Vorbilder, Talentmanager und Coaches in einer Person.“

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Warum wird das Thema Leadership auch in Zeiten der Digitalisierung wichtiger?

Viele Fragestellungen unserer Zeit sind so komplex, denken Sie an den Klimawandel. Führung muss sich daher vom Hierarchiedenken hin zum Orchestrieren von Ökosystemen verändern. Die digitalen Instrumente bieten vielfältige Möglichkeiten, um Menschen, Themen und Projekte über Grenzen hinweg zu vernetzen. Im Mittelpunkt sind und bleiben jedoch immer die Menschen, denn sie sind mit ihrem engagierten, mutigen und nach vorne gerichteten „Mindset“ die Basis jedes Erfolges. Gerade in Zeiten in denen sich immer rascher Vieles ändert, braucht es umso mehr Leadership, auch im Sinn eines Werte- und Orientierungsrahmens.

Wir würden Sie gerne auch als Privatpersonen etwas näher kennenlernen, abschließend daher noch ein paar persönliche Fragen:

Welches berufliche Erlebnis hat sie am meisten geprägt?

Jede berufliche Station hat Highlights mit sich gebracht. Natürlich war die Umsetzung der 1,6 Milliarden-Investition in unsere Chipfabrik für Leistungselektronik am Infineon-Standort in Villach ein sehr prägendes Erlebnis. Wir haben damit den Standort für die Zukunft abgesichert, hunderte Arbeitsplätze geschaffen und tragen wesentlich zur Wertschöpfung in Österreich bei. Zudem haben wir damit auch europäische Industriegeschichte geschrieben. Ich möchte aber noch zwei Themen nennen, auf die ich sehr stolz bin: Einerseits habe ich 2016 das Projekt „Lehre für asylberechtigte Lehrlinge“ initiiert und mit Partnern umgesetzt. Diese Initiative läuft immer noch, wir haben bei Infineon Villach mittlerweile 14 Lehrlinge mit erteiltem Asylstatus ausgebildet bzw. sind manche noch in Ausbildung. Einer dieser Lehrlinge ist mittlerweile Lehrlingsausbildner bei uns. Diese Initiative ist eines der Beispiele dafür, dass Integration gelingen kann. Auf der anderen Seite sind wir seit 2020 Partner der Caritas Lerncafés: Mit 78.000 Euro unterstützen wir drei Lerncafés in Kärnten und der Steiermark. Aktuell ermöglichen wir dadurch 75 Kindern und Jugendlichen zusätzlich kostenlose Lernbetreuung. Jedes erfolgreich absolvierte Schuljahr zeigt, dass sich dieses Engagement in die Zukunft mehr als auszahlt, und vor allem ganz persönliche Lebenschancen schafft.

Welche Persönlichkeit inspiriert Sie?

Derzeit ist es die Mitbegründerin von BioNTech, Frau Özlem Türeci. Sie inspiriert mich zum Beispiel, weil sie eine der Schlüsselfiguren ist, die die Entwicklung eines Corona-Impfstoffes innerhalb von Monaten statt von Jahren umgesetzt hat. Sie hat jahrzehntelang an der Spitze der Forschung im Bereich der Krebsimmuntherapie gearbeitet. Sie hat gemeinsam mit ihrem Team das Potenzial dieser Ergebnisse zur Bewältigung der Corona-Krise erkannt und auch realisiert.

Gibt es ein Lebensmotto, das Sie verfolgen?

Vielleicht kein Motto, aber eine persönliche Mission, die sich in meinen unterschiedlichsten beruflichen Stationen rückblickend wie ein roter Faden durchgezogen hat: Nämlich die Begeisterung für Themen und die Frage, wie sich Ökologie und Ökonomie sinnvoll verbinden lassen.

Was bedeutet für Sie persönlich Glück?

Glück bedeutet für mich, frei entscheiden und handeln zu können. Auch, private und berufliche Erlebnisse und Ereignisse teilen und genießen zu können. Und letztlich auch die Möglichkeit, junge Menschen bei ihrer Entwicklung zu unterstützen, dabei zu begleiten und zu sehen, wie sie ihren eigenen Weg gehen. Ich sehe Glück für mich auch einfach darin, eine ruhige Stunde in der Natur mit lieben Menschen zu verbringen.

Sie können EIN globales Problem lösen – welches wäre das?

Der Klimawandel ist im buchstäblichen Sinn eine Lebens- und Über-Lebensfrage. Wie wir mit der Umwelt, dem Ressourcenverbrauch und der Energiewende umgehen, prägt die Zukunft unserer Gesellschaft und unseres Planeten. Wir schaffen jetzt also in jedem Fall mit unserem Tun aber auch unserem Nicht-Tun – die Basis für die Zukunft unserer Kinder und Enkel. Ich bin überzeugt, dass Technologie und Innovation dabei ganz zentrale Rollen spielen und wir auch diese große Aufgabe gut lösen können, wenn sie gemeinsam und konzentriert angehen.