„Mit unseren Mitarbeiter:innen verbindet uns ein gemeinsamer Antrieb: Wir wollen das Leben besser machen, Tag für Tag!“

© Konstantin Kowarsch

Jean Marc Chassagne, Managing Director der Evonik Fibres GmbH

21.05.2022 | 6 min

„Mit unseren Mitarbeiter:innen verbindet uns ein gemeinsamer Antrieb: Wir wollen das Leben besser machen, Tag für Tag!“

Exklusivinterview mit Jean Marc Chassagne, Managing Director der Evonik Fibres GmbH.

Herr Chassange, Sie sind Geschäftsführer der Österreich-Tochter des deutschen Spezialchemiekonzerns Evonik Industries AG, die an beiden oberösterreichischen Standorten Lenzing und Schörfling Membranen zur Erzeugung von Biogas herstellt. Wie verbreitet ist Biogas bzw. in welchem Ausmaß kommt es zum Einsatz?

Die Evonik Fibres GmbH bietet die innovative SEPURAN® Membrantechnologie für den gesamten Gasmarkt. Neben Membranen für eine effiziente Aufbereitung von Biogas zu hochreinem Biomethan haben wir in unsrem Portfolio weitere Produkte etwa für eine effiziente Rückgewinnung von Wasserstoff oder Helium sowie für Stickstofferzeugung.

Es ist richtig, dass wir 2011 mit Membranen für Biogas-Anwendungen gestartet sind und uns innerhalb einer Dekade zum Weltmarktführer für membranbasierte Biogasaufbereitung entwickelt haben. Inzwischen wird unsere Gasseparationstechnologie in mehr als 700 Bio-Methan Aufbereitungsanlagen weltweit eingesetzt.

Aktuell steht die Gasversorgung mehr denn je im Fokus und der Ruf nach Unabhängigkeit bzw. der Forcierung alternativer Möglichkeiten wird lauter. Wieviel Potenzial hinsichtlich Biogas bleibt bis dato ungenutzt?

Wie wir alle wissen, ist Europa – und im besonderen Maße Deutschland und Österreich – stark vom russischen Gas abhängig. Die heutige Situation wurde in den vergangenen Jahrzehnten bewusst so entwickelt! Wir können unsere Abhängigkeit sicherlich reduzieren, doch es ist kein kurzfristiger Prozess.

Heute deckt Biomethan gerade mal 0,1% des gesamten Gasverbrauchs in Österreich. Mit entsprechenden Maßnahmen, die von der Bundesregierung gemeinsam mit den Energiebetreibern und Fachverbänden entwickelt werden müssten, könnte man den Anteil von Biomethan innerhalb von 5 bis 10 Jahren auf bis zu 20 Prozent erhöhen. 

Einige Europäische Länder wie Frankreich oder Italien haben das Potenzial von Biogas bereits vor Jahren erkannt, sie können heute ihre Biomethan-Kapazitäten deutlich erhöhen.

Bei dem Biogasthema ist es zudem enorm wichtig, das Potential des grünen Gases vollständig auszuschöpfen. In Deutschland stehen beispielsweise rund 10.000 Biogasanlagen. Die meisten davon produzieren Strom. Bei der Biogasverstromung geht allerdings ein Großteil der Energie durch Abwärme verloren. Bis zu 60 Prozent der bei der Verstromung enthaltenen Energie wird schlichtweg nicht genutzt. Da sind selbst moderne Kohlekraftwerke effizienter. Aus unserer Sicht ist es wesentlich sinnvoller, Biogas mit unserer Membrantechologie in seine Bestandteile Biomethan und Bio-CO2 zu separieren. Biomethan kann entweder direkt ins Erdgasnetz eingespeist oder in flüssiger oder komprimierter Form als alternativer Kraftstoff genutzt werden. Der zweite Gaswertstrom mit Bio-CO2 kann ebenfalls verfügbar gemacht werden, etwa um in Gewächshäusern das Pflanzenwachstum zu beschleunigen oder als biobasierter Rohstoff für industrielle Prozesse genutzt werden. 

Doch am Ende geht es nicht nur um unsere energetische Unabhängigkeit, sondern vor allem um eine deutliche Reduzierung der CO2-Emissionen. Mit unseren weltweit mehr als 700 Referenzanlagen zur Biogasaufbereitung reduzieren wir den Kohlendioxidausstoß um mehr als drei Millionen Tonnen CO2 jährlich. Es ist sagenhaft, wenn man sich vorstellen würde, dass ein Wald, mit mehr als drei Millionen Buchenbäumen, 80 Jahre lang wachsen müsste, um diese Menge an CO2 aufzunehmen – und zwar jährlich!

Inwiefern wird sich die Ukrainekrise auf Ihr Unternehmen auswirken? 

Natürlich befürchten wir – wie alle anderen Unternehmen auch – ein Embargo, das sich in Folge auf unsere Produktionskapazitäten auswirken würde. Wir setzen zwar an unseren Standorten als Teil unserer Nachhaltigkeitsstrategie zu 100 Prozent auf erneuerbare Energien, sowohl bei unserem Gasbedarf mit Biomethan als auch bei Strom aus Wind, Solar oder Wasserkraft, dennoch hat unser Energieversorger keinen Einfluss auf eine allfällige Energiezuteilung an bestimmte Kunden, sollte es zu Engpässen in der Versorgung kommen. Wir sind zudem, wie alle anderen Energieempfänger auch, von höheren Energiekosten betroffen.

Unsere Geschäftsbeziehungen mit Russland und der Ukraine wurden vollständig gestoppt. Auf der anderen Seite bringen die aus der aktuellen Kriegssituation in Osteuropa resultierenden Diskussionen über die Energiesicherheit einen Boost für erneuerbare Energien. Das ist gerade ein wichtiges Momentum für Biomethan. Und hierzu haben wir mit unseren Membranen die richtigen Produkte im Portfolio sowie ein starkes internationales Partnernetzwerk, um Biomethan nicht nur in Österreich groß zu machen.

Sie sprechen über verschiedenen Typen von Membranen. Können Sie uns kurz erläutern, wie eine Membran funktioniert und wie man anhand dieser Technologie Gas-Komponenten trennen kann?

Unsere SEPURAN® Membranen bestehen aus einem an unserem Lenzinger Standort eigens entwickelten Hochleistungskunststoff, der sehr druck- und temperaturbeständig ist. Dieser Kunststoff hat die Eigenschaft, besonders gut zwischen den beiden Biogasbestandteilen Biomethan und Bio-CO2 unterscheiden zu können. So lässt sich das Biomethan aus dem Rohbiogas auf über 99 Prozent aufreinigen.

Wie ist Ihr Claim „Leading Beyond Chemistry“ zu verstehen?

„Leading Beyond Chemistry“ bringt in diesen drei knappen Worten unsere Motivation sowie unseren Spirit auf den Punkt: Wir gehen weit über die Chemie hinaus, um innovative, wertbringende und nachhaltige Lösungen für Kunden zu schaffen. Unsere Mitarbeiter:innen verbindet dabei ein gemeinsamer Antrieb: Wir wollen das Leben besser machen, Tag für Tag!

„Unsere beiden Standorten Lenzing und Schörfling (Bild) sind beispielsweise die weltweit ersten Standorte von Evonik, die vollständig auf erneuerbare Energien setzen.“

© Evonik Fibres

Wie ist Ihr Unternehmen hinsichtlich Nachhaltigkeit aufgestellt?

Nachhaltigkeit ist ein integraler Bestandteil unserer Geschäftsstrategie – als wichtiger Wachstumstreiber und Eckpfeiler unseres Produktportfolios, unserer Investitionen sowie unseres Innovationsmanagements.

Evonik Fibres erwirtschaftet schon den Großteil ihres Umsatzes mit NextGen Solutions: mit Produkten und Lösungen, die einen hohen Nachhaltigkeitsnutzen haben. Damit machen wir nicht nur die Produkte unserer Kunden nachhaltiger, wir unterstützen sie auch, ihre eigene Klimabilanz zu verbessern. Diesen Gedanken vermitteln wir stets unseren Geschäftspartnern, indem wir ihnen fortschrittliche Technologien anbieten, die in deren Anwendungen Umweltvorteile bringen.

Wir legen großen Wert darauf, unsere Produkte umweltverträglich, sicher und effizient herzustellen. Unsere beiden Standorten Lenzing und Schörfling sind beispielsweise die weltweit ersten Standorte von Evonik, die vollständig auf erneuerbare Energien setzen.

Darüber hinaus tragen unsere Produkte in Kundenanwendungen zu signifikanten Reduktionen von CO2-Emissionen bei. Wir betrachten also Nachhaltigkeit in ihrer Ganzheitlichkeit mit Blick auf den eigenen Footprint sowie auf den sogenannten Handprint, als jenen Umweltvorteil, den unsere Produkte im Einsatz erwirken.

Wie würden Sie Ihr Leadership beschreiben?

Authentisch, empathisch, kollaborativ, fordernd und fördernd! Mir ist es wichtig, dass trotz ehrgeiziger Ziele und schnellem Wachstum, alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter befähigt werden, ihren eigenen Beitrag in die Entwicklung der Firma zu leisten. So gelingt es uns, nachhaltig zu wachsen, weil wir unsere Arbeitsprozesse ständig überdenken und weiterentwickeln, um agil zu bleiben.

Was macht Evonik zu einem attraktiven Arbeitgeber?

Evonik Fibres entwickelt und produziert nachhaltige Produkte und Lösungen, die die Bedürfnisse der nächsten Generationen decken. An diesem Prozess sind unsere Mitarbeiter:innen alle direkt beteiligt.

Wir handeln umweltbewusst und ressourcenschonend. Diese klare Strategie passt zu den aktuellen Bedürfnissen der Menschen in der heutigen Zeit und ist somit zukunftsträchtig und mit starkem Wachstum verbunden. Dadurch sind die erfolgreiche Weiterentwicklung von Evonik und die Arbeitsplätze unserer Mitarbeiter:innen gesichert.

Mit der starken Unterstützung des globalen Evonik Konzerns im Hintergrund haben wir bei Evonik Fibres als mittelständisches Unternehmen in Österreich dennoch den Charme und die Mentalität eines Start-ups.

Mit unserem Erfolgsrezept – schmale Hierarchien für schnelle Lösungen – geht ein sehr gutes, familiäres Betriebsklima einher. In unserem Arbeitsalltag begegnen wir einander stets auf Augenhöhe. Die Wertschätzung jedes Einzelnen ist uns besonders wichtig, denn jede/r kann sich einbringen und zur Entwicklung des Unternehmens beitragen. Dieses Wachstum bietet umfangreiche Entwicklungs- und Karrierechancen. Gesundheit und Sicherheit für unserer Mitarbeiter:innen, sowie ein großes Angebot verschiedener Benefits stehen an erster Stelle.

„Wir wollen unser Wachstum fortführen, indem wir jetzt schon die nächste Produktionserweiterungen implementieren und neue Arbeitsplätze in der Region schaffen.“

© Shutterstock

Welche Ziele hat Ihr Unternehmen bis 2025?

Unsere Ziele bis 2025 sind sehr ehrgeizig! Wir wollen unser Wachstum fortführen, indem wir jetzt schon die nächste Produktionserweiterungen implementieren und neue Arbeitsplätze in der Region schaffen. Dabei wird selbstverständlich nach wie vor der Nachhaltigkeitsgedanke im Mittelpunkt der Evonik Fibres GmbH bleiben. Mit Technologielösungen aus Oberösterreich, wie unseren hochtemperaturbeständigen Fasern, Pulvern und Membranen legen wir den Grundstein, um künftigen Generationen attraktivere Umweltbedingungen zu sichern.

Wir würden Sie gerne auch als Privatperson etwas näher kennenlernen, abschließend daher noch ein paar persönliche Fragen:

Was war Ihr bisher größter Erfolg?

Als Geschäftsführer eines Unternehmens mag man vielleicht mit dem eigenem Gesicht für Erfolge stehen. Diese fußen allerdings auf hervorragender Zusammenarbeit des gesamten Teams, sind also kollektiv! Auf jeden Fall bin ich sehr stolz darüber, was wir in den vergangenen Jahren bei Evonik Fibres erreicht haben. Wir haben konsequent an unseren Plänen gearbeitet und eine Kultur entwickelt, die auf den vier Konzernwerten Speed, Openness, Performance, Trust aufbaut. Und Innerhalb von fünf Jahren haben wir uns immerhin verdoppelt! Wir haben unseren CO2-Fußabdruck signifikant reduziert und eigene Prozesse optimiert. Und nicht zuletzt wurden wir mit dem Österreichischen GreenTech-Award ausgezeichnet.

Wen würden Sie gerne außerhalb der Geschäftswelt treffen?

Ich bin seit 40 Jahren ein begeisterter Tennisspieler. Ich würde mich gerne mit dem Schweizer Tennisstar Roger Federer über das Geheimnis seiner Langlebigkeit unterhalten wie auch über sein Familienleben oder seine zahlreichen karitativen Aktivitäten. Ein schönes, über 20 Schläge langes Spiel mit ihm wäre freilich die Kirsche auf der Torte.

Wie können Sie am besten entspannen?

Wir haben das Glück, in einer wunderschönen Region zu arbeiten, wo andere Urlaub machen. Sei es ein See, sei es ein Berg, sei es beides: Es gibt bei uns zahlreiche Aktivitätsmöglichkeiten. Ich genieße es sehr und dies entspannt mich auch am Wochenende. Nach zwei Tagen in der Natur hat man viel Energie aufgetankt und ist motiviert und bereit, die Herausforderungen der Arbeitswoche zu meistern.

Sie können EIN globales Problem lösen – welches wäre das?

Die Weltordnung wird aktuell durch die Corona-Pandemie und den Ukrainekrieg erschüttert. Wir dürfen dabei allerdings die globale Erderwärmung nicht aus den Augen verlieren. Die Welt hat viel zu spät auf die fortschreitende Klimaveränderung reagiert und wir müssen jetzt unbedingt schnell handeln, damit das nicht in einer Katastrophe für die gesamte Menschheit endet.