Herr Axmann, Sie sind Rechtsanwalt in Graz, Initiator des Steiermärkischen Toleranzpreises und nun ebenso Vorsitzender des Vereins zur Vergabe des Preises. Wie entstand die Idee für diesen Preis – und gab es einen konkreten persönlichen oder gesellschaftlichen Impuls, der Sie zum Handeln bewegt hat?
Ehrlich gesagt, war das ein längerer Prozess des Nachdenkens und Beobachtens gesellschaftlicher Entwicklungen. Ich habe mich mit mehreren Leuten immer wieder zu diesem Thema ausgetauscht und bemerkt, dass die Menschen merken, dass Toleranz immer mehr in den Hintergrund tritt. Dass es eine zunehmende Polarisierung der Gesellschaft gibt. Klar ist, dass das durch verschiedene Entwicklungen ausgelöst wurde – Fluchtbewegungen, Corona, soziale Medien. Toleranz ist dabei absolut vielfältig – es geht hier nicht nur um Migration. Toleranz ist ein klar multifaktorielles Thema.
Die Idee für den Preis war die daraus folgende Überlegung, welche Haltungen zu einem friedlichen und guten Zusammenleben in der Gesellschaft führen: Wir alle sind mit unseren Vorlieben, Eigenheiten und Prägungen unterschiedlich. Wenn wir dies akzeptieren und vielleicht sogar die positiven Seiten an einer Vielfalt erkennen, wird uns ein gutes Miteinander gelingen.
In den vergangenen Jahren war für mich klar zu beobachten, dass der allgemeine gesellschaftliche Diskurs abgenommen hat. Es gestaltet sich immer herausfordernder, neue Ideen oder Wünsche zur Veränderung sachlich, ohne Empörung und Schaum vor dem Mund breit und ergebnisoffen zu diskutieren. Immer mehr Menschen ziehen sich in ihre Echoblasen zurück und werden weniger gewollt und ungewollt mit Meinungen anderer konfrontiert. Es wäre gut, wenn es gelingt, dies aufzubrechen.
Toleranz ist ein großer und zugleich oft unterschiedlich verstandener Begriff. Was bedeutet Toleranz für Sie und welches Verständnis von Toleranz liegt dem Preis zugrunde?
Wir vom Steiermärkischen Toleranzpreis sind nicht die Experten im Thema Toleranz. Die Experten sind unsere drei Preisträger-Initiativen beziehungsweise die Menschen, die hinter diesen großartigen Projekten stehen.

Wir als Jury, als Verein und als Gründungskomitee schwingen uns nicht auf, zu sagen, was Toleranz ist. Wir haben schon in unseren eigenen Diskussionen – nicht zuletzt in der Jury – erlebt, dass die Zugänge zu Toleranz äußerst unterschiedlich sind und dass es keine letztgültige Definition dafür gibt. Der Jury und dem Verein ist es wichtig, tolerantes Verhalten zu fördern. Wir haben Hochachtung vor dieser Leistung. Denn tolerantes Verhalten ist eine große Herausforderung.
Toleranz beginnt dort, wo mir das Verhalten eines anderen Menschen eigentlich gegen den Strich läuft – ist es mir egal, bin ich nicht tolerant.
Demokratische Gesellschaften erleben derzeit weltweit wachsenden Druck durch autoritäre Tendenzen, Polarisierung und den Verlust gesellschaftlichen Vertrauens. Warum ist gerade jetzt zivilgesellschaftliches Engagement so wichtig – und welchen Beitrag können Initiativen wie die ausgezeichneten Projekte leisten?
Tolerantes Verhalten beginnt im Alltag, in den Kleinigkeiten, oft unbewusst. Initiativen wie die, die wir auszeichnen, können ja oft mehr umsetzen als die Politik in dieser Unmittelbarkeit je bewirken könnte. Zivilgesellschaftliches Engagement erscheint mir immer elementar.
Nun leben wir eben in einer Phase, in der es wichtig ist, der Polarisierung entgegenzuwirken und Menschen ins Gespräch zu bringen. Und ja, in Wahrheit ist tolerantes Verhalten unglaublich schwierig und herausfordernd. Wichtig erscheint mir auch, offen über Ängste und Gefühle zu reden, im Kleinen und im Großen.

Unsere Preisträger schaffen Räume für den Austausch – es ist wichtig, diese Räume ohne Stress und Begrenzung zu schaffen. Manchmal braucht es einfach Zeit, sich aufeinander einzulassen und Verbindlichkeit aufzubauen. Etwa in der Corona-Zeit war Toleranz in vielerlei Hinsicht und auf allen Seiten gefordert. Das war prägend – für den Einzelnen und für die Gesellschaft als Ganzes.
Was kann jeder Einzelne im Alltag tatsächlich tun, um demokratische Werte zu stärken und autoritären Tendenzen etwas entgegenzusetzen – auch dort, wo es nicht um große politische Fragen geht?
Eben mit Aufmerksamkeit durch die Welt zu gehen. Ganz großartig finde ich Menschen, die Zivilcourage zeigen, die Bequemlichkeit überwinden.
Ein Beispiel: Unrechtes Verhalten in der Straßenbahn, bei dem man sich mit einem angemessenen Ton einmischt. Genau das ist aber schwierig. Du musst dafür präsent sein, die Situation überhaupt wahrnehmen, dich nicht auf das Handy zurückziehen und dich grundsätzlich der Gesellschaft – der Umgebung und den Mitmenschen – öffnen. Außerdem braucht es dann noch den Mut, tatsächlich Zivilcourage zu zeigen.
Auch im unmittelbaren Alltag gibt es ständig Situationen, in denen wir entscheiden können, wie wir reagieren. Etwa in der Nachbarschaft, wenn der Nachbar zu spät den Rasen mäht. Da kann ich einen Schritt zurückgehen und überlegen, wie ich damit umgehe. Toleranz ist oft mühsam – und man muss gleichsam „den inneren Schweinehund“ überwinden.
Warum ist zivilgesellschaftliches Engagement auch für Wirtschaft, Führungskräfte und Unternehmen wichtig und welche Rolle sollten sie künftig idealerweise einnehmen?
Ganz allgemein: Wirtschaft, wenn man sie ganzheitlich versteht, hat nicht nur Gewinnmaximierung im Sinn.
Ich erlebe regelmäßig, dass Manager genau das leben. Führungskräften ist eine besondere Verantwortung übertragen. Sie haben mitunter mehr Möglichkeiten, konkret Einfluss auf die Gesellschaft zu nehmen, als es beispielsweise der Politik möglich ist.
Nach meinem Verständnis haben Führungskräfte eine Verantwortung, die über die erfolgreiche wirtschaftliche Führung des Betriebes hinausgeht. Ich habe Sympathie für Führungskräfte, welche ihren Mitarbeitern vermitteln, dass jeder einzelne für den Erfolg des Unternehmens wichtig und verantwortlich ist. Der Arbeitsplatz kann nicht nur Beruf, sondern Berufung sein.
Wir sind den Großteil unseres Tages mit der Arbeit beschäftigt. Da geht es eben nicht nur darum, mein und andere Einkommen zu sichern. Sondern jeder, der arbeitet, leistet ja auch einen Beitrag für den Staat, noch mehr für die Gesellschaft. Alles, was wir haben, muss ja erst einmal erarbeitet werden.

Ich erkenne auch im Management, dass viele genau das als ihre persönliche Verantwortung wahrnehmen. Ich finde außerdem, dass der Staat zivilgesellschaftliches Engagement durch Steuerbegünstigungen mehr fördern sollte. Das ist etwas, das ich an Amerika großartig finde – was Wohlhabende dort etwa für Bildung ausgeben, wird gesellschaftlich sehr hoch anerkannt. Es wäre ein Leichtes, auch für den österreichischen Staat, das zu fördern – gerade in Zeiten, wo der Staat selbst Förderungen zurückfährt.
Ein Preis wie dieser braucht neben einer Idee auch Menschen und Institutionen, die ihn mittragen. Wie hat sich die Suche nach Sponsoren und Unterstützern gestaltet und wer steht heute hinter dem Steiermärkischen Toleranzpreis?
Als ich begonnen habe, mich mit Verantwortungsträgern über die Idee auszutauschen, hat das Ganze rasch eine positive Dynamik bekommen. Im Gründungskomitee finden sich Persönlichkeiten aus der Wirtschaft, Kultur sowie verschiedenen Glaubensgemeinschaften.
Erfreulicherweise sind die Steiermärkische Sparkasse, die Grazer Wechselseitige Versicherung und die Styria Media Group bereit, Geld für den Preis zur Verfügung zu stellen. Die Geschichte dieser drei Unternehmen zeigt, dass sie sich immer schon gesellschaftlich engagiert haben und es ihnen nicht nur um den wirtschaftlichen Erfolg gegangen ist, sondern um ihren Platz in der Gesellschaft.
Herr Axmann, kommen wir zum Preis selbst: Welche Auszeichnungen werden vergeben, was genau wird damit gewürdigt und was soll über die finanzielle Anerkennung hinaus erreicht werden?
Es werden ein Hauptpreis und zwei Förderungspreise vergeben. Der Hauptpreis geht an die ARGE Jugend – Fachstelle für Gewaltprävention und zwei Förderpreise an die Theaterakademie von LebensGroß sowie den Verein gemma! GEMEINSAM MACHEN. Die Preisträgerinnen zeigen, wie unterschiedlich Engagement für tolerantes Verhalten sein kann.

Der Hauptpreis ist mit € 25.000 dotiert, die zwei Förderpreise mit je € 7.500. Das Ziel ist es, nicht nur das Engagement anzuerkennen, sondern vor allem mit dem Hauptpreis mitzuhelfen, weitere Initiativen anzustoßen und zu finanzieren.
Wie setzt sich die Jury zusammen und nach welchen Kriterien wurden die Einreichungen beziehungsweise Nominierten beurteilt?
Die zwölfköpfige Jury ist ein buntes Abbild der Gesellschaft: Je zwei Jurymitglieder wurden vom ökumenischen Forum, vom interreligiösen Beirat sowie von der Rektorenkonferenz der Universitäten nominiert, je eine Person von den Sponsoren sowie drei Personen vom Gründungskomitee. Den Juryvorsitz hatte heuer Heidrun Primas, Beraterin im Kulturfeld und Sozialbereich.
Wie soll sich der Preis künftig entwickeln, in welchem Rhythmus wird er verliehen und welche Voraussetzungen müssen erfüllt werden, um nominiert zu werden?
Beabsichtigt ist, dass der Preis alle zwei Jahre verliehen wird. Den Juryvorsitz soll jedes Mal eine andere Persönlichkeit übernehmen. Angedacht ist auch, die vorangegangenen Preisträger bei den künftigen Entscheidungen einzubinden.
Ideen für Nominierungen können immer und jederzeit an die Jury (jury@toleranzpreis.at) und den Verein herangetragen werden. Kriterium ist ein klarer Steiermark-Bezug.
Der Toleranzpreis soll auch künftig konkrete Initiativen fördern, mit denen es gelingt, die Idee von Toleranz tatsächlich umzusetzen. Erstrebenswert wäre, wenn konkrete gemeinnützige Projekte durch den Preis einen finanziellen, vielleicht entscheidenden Anschub erlangen könnten. Dazu kommt die mediale Aufmerksamkeit, die so ein Preis automatisch mitbringt.

Wir haben im Vorfeld festgestellt, dass es unfassbar viele herausragende Initiativen gibt. Die wollen wir mehr vor den Vorhang holen.
Am 13. November findet in der Aula der Karl-Franzens-Universität Graz die erste Preisverleihung statt. Was erwartet die Gäste an diesem Festakt und gibt es noch die Möglichkeit, auf die Gästeliste zu kommen?
Bei diesem Festakt wollen wir den Preisträgern eine würdige Bühne bieten. In kurzen Videos wird ihr Engagement dargestellt, außerdem wird der Herausgeber der Kleinen Zeitung, Hubert Patterer, eine Festrede halten. Musikalisch umrahmt wird die Feierstunde vom Kammerensemble des Universitätsorchesters.
Bei Interesse an einer Teilnahme kann man sich gerne an jury@toleranzpreis.at wenden.
Herr Axmann, wir möchten Sie gerne auch als Privatperson etwas näher kennenlernen – daher noch ein paar persönliche Fragen:
Gibt es ein Lebensmotto, das Sie verfolgen?
Vielleicht kein Lebensmotto, aber ich bin der Ansicht, dass man eine gewisse Verpflichtung hat, sich bietende Möglichkeiten zu nutzen und sich in die Gesellschaft einzubringen.
Mit welcher Person, aus der Gegenwart oder Vergangenheit, würden Sie gerne einen Tag verbringen und wie würde sich dieser Tag gestalten?
Aus der Vergangenheit würde mich Joseph II. (1741–1790, war der älteste Sohn von Maria Theresia – Anm. d. Red.) sehr interessieren, aus der Gegenwart wäre ein Tag mit Barack Obama höchst interessant. Ich würde mich wohl darauf beschränken, an einem Tag so viel wie möglich mit diesen Persönlichkeiten zu reden.
Wie schöpfen Sie abseits Ihres Berufes Kraft?
Das Wichtigste ist mir meine Familie. Daneben versuche ich Sport zu betreiben und engagiere mich als Superintendentialkurator in der evangelischen Kirche Steiermark.
Welchen Berufswunsch hatten Sie als Kind?
Ich wollte immer schon Rechtsanwalt werden. Es gibt keine abwechslungsreichere und spannendere Aufgabe für mich.
Welches Buch haben Sie zuletzt gelesen?
Mein letztes Buch war Lea Ypi, „Frei: Erwachsenwerden am Ende der Geschichte“. Davor habe ich „Lázár“ von Nelio Biedermann gelesen.
Sie können EIN globales Problem lösen – welches wäre das?
Hungrige Menschen satt zu machen. Hätte ich eine zweite Möglichkeit, wäre es Frieden zu stiften.
Herr Axmann, wir wünschen Ihnen viel Erfolg, Glück sowie Gesundheit für die Zukunft und herzlichen Dank für das Interview.
Danke Ihnen!
Steiermärkischen Toleranzpreis 2026:
Jury: Heidrun Primas (Vorsitzende und Sprecherin), Michael Axmann, Johannes Beurle, Mehmet Celebi, Suzana Djukic, Kristina Edlinger-Ploder, Eva Heigl, Margot Hohl, Peter Riedler, Georg Schneider, Stefanie Schwarzl-Ranz, Stefan Storr.
Sponsoren: Steiermärkische Sparkasse, Grazer Wechselseitige Versicherung, Styria Media Group.
Gründungskomitee: Michael Axmann, Anna Badora, Andreas Gjecaj, Daniela Grabovac, Lisz Hirn, Alexander Hirtzi, Wilhelm Krautwaschl, Gerd Kronheim, Andrea Kurz, Hubert Patterer, Gilbert Prilasnig, Heidrun Primas, Stefan Storr, Stefanie Schwarzl-Ranz, Aglaia Szyszkowitz, Bettina Vollath, Julia Zotter.
