Die Ablenkung am Steuer zählt zu den größten Sicherheitsrisiken im Straßenverkehr. Neue Untersuchungen des Allianz Zentrums für Technik (AZT) zeigen, dass ihr Anteil am Unfallgeschehen deutlich höher ist als bislang angenommen.
Während frühere Schätzungen von rund 10 Prozent der Verkehrsunfälle in Deutschland ausgingen, weisen die aktuellen Analysen auf einen Anteil von mehr als 30 Prozent hin. Auch Autofahrer in Österreich nehmen das Problem vermehrt wahr.

Laut der Aktuellen Allianz-Studie „Swipe. Tap. Crash. Driver distraction in the digital car“ unter 1.200 Österreicher:innen sind 79 Prozent überzeugt, dass die Ablenkung durch Technologien im Fahrzeug in den vergangenen Jahren zugenommen hat. Mehr als jeder zweite Fahrer (58 %) stuft das Ablenkungsrisiko inzwischen als hoch oder sehr hoch ein.
Besonders bemerkenswert: 70 Prozent der Fahrer, die in den vergangenen drei Jahren einen Unfall verursacht haben, halten Ablenkung für eine definitive oder mögliche Ursache.


Fast jeder Dritte hat zudem während der Fahrt bereits mindestens eine kritische Situation durch die Bedienung des Touchscreens erlebt. Entsprechend groß ist der Wunsch nach einfacherer Bedienung: Zwei Drittel der Befragten (66 Prozent) würden bestimmte Fahrzeugfunktionen lieber über klassische Schalter und Tasten bedienen.
Ein großes Problem bleibt zudem das Smartphone: 40 Prozent der Befragten geben an, „zumindest selten“ (40%) oder „zumindest gelegentlich“ (19%) mit dem Handy in der Hand Textnachrichten während der Fahrt zu schreiben. Dabei sehen die Autofahrer die Verantwortung bei sich selbst: 85 Prozent sind der Meinung, dass in erster Linie die Fahrer selbst gefordert sind, Ablenkung zu reduzieren.
„Ablenkung ist für die Autofahrer in Österreich kein abstraktes Risiko, sondern gelebte Realität. Viele kennen brenzlige Momente am Touchscreen aus eigener Erfahrung, und wer einen Unfall verursacht hat, sieht im Nachhinein häufig Ablenkung als Ursache. Bemerkenswert ist, wie selbstkritisch die Befragten sind. Diese Einsicht ist eine gute Grundlage, denn wer das Risiko kennt, kann es auch vermeiden. Unser Ziel ist, dass der Blick dort bleibt, wo er hingehört: auf der Straße“, verdeutlicht Jörg Hipp, CPO der Allianz Österreich.
Auswirkungen auf Verkehrssicherheit durch Ablenkung
Die Einschätzung der Befragten deckt sich auch mit einer gemeinsamen Studie des AZT und des auf kognitive Modellierung spezialisierten Unternehmen cogniBIT.
Diese weist erstmals nach, wie stark sich Ablenkung in ausgewählten kritischen Verkehrssituationen auf das Kollisionsrisiko auswirken kann. Die Berechnungen basieren auf einem kognitiven Fahrermodell und realen Blickdaten aus einer umfangreichen Fahrzeugstudie.
Die Ergebnisse zeigen die erheblichen Auswirkungen von Ablenkung auf die Verkehrssicherheit:
In einem simulierten Notbrems-Szenario auf der Autobahn stieg der Anteil der Unfälle von 18,2 Prozent bei aufmerksamen Fahrern auf 54,3 Prozent bei abgelenkten Fahrern. In einem Szenario, in dem ein Kind unvermittelt die Fahrbahn betritt, erhöhte sich die Unfallquote von 3,9 Prozent auf 11,2 Prozent. Besonders alarmierend: In 39 Prozent dieser Fälle reagierten die abgelenkten Fahrer überhaupt nicht.
Nach Einschätzung der Allianz ist inzwischen mindestens jeder dritte Verkehrsunfall auf Ablenkung zurückzuführen und damit deutlich mehr als bislang angenommen. Untersuchungen zeigen zudem, dass abgelenkte Fahrer in kritischen Situationen sogar schlechter abschneiden können als Fahrer mit einem simulierten Blutalkoholwert von 0,8 Promille.
Ablenkung am Steuer kann damit in bestimmten Situationen noch gefährlicher sein als Alkohol und sollte entsprechend ernst genommen werden.
Evolution der Funktionen
Der stark gewachsene Funktionsumfang moderner Fahrzeuge macht es notwendig, bestimmte Funktionen über den Touchscreen abzubilden. Dabei wandern Funktionen, die früher intuitiv und ohne Blickkontakt bedient werden konnten, zunehmend in digitale Menüs.

Für zentrale und häufig genutzte Funktionen wie Klimaanlage oder Radio sind heute oftmals mehrere Eingaben am Bildschirm nötig. Dadurch wenden Fahrer ihren Blick länger und häufiger vom Verkehrsgeschehen ab – mit Folgen für die Fahrsicherheit.
„Unsere Forschung zeigt, dass derselbe Bedienvorgang in einem Fahrzeug bis zu 25 Prozent weniger visuelle Aufmerksamkeit beanspruchen kann als in einem anderen. Das macht deutlich: Ablenkung ist nicht nur eine Frage des Verhaltens, sondern auch der Benutzeroberfläche. Das Cockpit selbst ist zu einem Bildschirm geworden, der mit der Straße um die Aufmerksamkeit des Fahrers konkurriert. Aber ein Auto ist kein Smartphone. Wenn es um Sicherheit geht, muss Design der Funktion folgen“, unterstreicht Klaus-Peter Röhler, Vorstandsmitglied der Allianz SE, zuständig für Insurance German Speaking Countries, Central Europe, Global Property & Casualty.
Cockpit als Sicherheitsfaktor
Eine Fahrstudie des Allianz Zentrum für Technik (AZT) unter realen Bedingungen zeigt, dass die Gestaltung des Touch-Bedienkonzepts erheblichen Einfluss darauf hat, wie lange Fahrer den Blick von der Straße abwenden.
Beim Vergleich aktueller Fahrzeugmodelle führten identische Alltagsaufgaben zu teils deutlich unterschiedlichen Blickabwendungszeiten.
Bei einzelnen Aufgaben ließen sich durch ein günstiger gestaltetes Bedienkonzept bis zu 25 Prozent beziehungsweise rund drei Sekunden Blickabwendungszeit einsparen. Die Ergebnisse zeigen: Nicht der Touchscreen selbst ist das Problem, sondern die Art, wie Funktionen in das Bedienkonzept des Fahrzeugs integriert werden.
„Für eine sichere Fahrzeugbedienung braucht es verbindliche Empfehlungen, welche Funktionen über physische Schalter und welche per Touchscreen gesteuert werden sollten. Gleichzeitig sollten wissenschaftliche Erkenntnisse zur Mensch-Maschine-Interaktion konsequent genutzt werden, um Touchscreen-Bedienungen so auszugestalten, dass sie Fahrer möglichst wenig vom Verkehrsgeschehen ablenken“, ergänzt Christian Sahr, Leiter des AZT.
Nähere Informationen zur vollständigen Studie finden Sie hier.
