Mit 1,45 Milliarden Menschen, einer der größten Volkswirtschaften der Welt und starkem Wachstum gewinnt der indische Markt weiter an Bedeutung.
Rund 17.100 Arbeitsplätze in Österreich sind direkt oder indirekt vom Export nach Indien abhängig – das jährliche Exportvolumen beträgt dabei etwa 1,536 Milliarden Euro. Gleichzeitig bleibt der Einstieg anspruchsvoll, weil bestimmte regulatorische Anforderungen und handelspolitische Rahmenbedingungen von jenen in der EU abweichen.
Austrian Standards gab Einblicke, wie sich Unternehmen darauf vorbereiten können. Vor dem Hintergrund intensivierter Handelsbeziehungen und dem Freihandelsabkommen zwischen der EU und Indien, das bereits als „the mother of all deals“ bezeichnet wurde, gaben Experten interessante Einblicke.
„Indien ist ein Markt mit großem Potenzial, aber auch mit klaren regulatorischen Anforderungen. Für Unternehmen ist entscheidend, Standards und Zertifizierung nicht erst am Ende eines Exportprozesses zu betrachten, sondern von Beginn an in ihre Markteintrittsstrategie einzubeziehen. Standards bauen dabei Brücken – zwischen Märkten, regulatorischen Anforderungen und Geschäftspartnern – und schaffen Vertrauen sowie Planungssicherheit“, unterstrich Karl Grün, Deputy Managing Director und Head of Standards Affairs bei Austrian Standards International.
Normen und Handelspolitik
Dinesh Chand Sharma, Director Standards & Public Policy und Seconded European Standardization Expert in India (SESEI), erklärte, dass die Rolle des Projekts und seine lokale Präsenz in Indien als Brücke zwischen dem europäischen und dem indischen Normungssystem wirken:

„Wenn Europäische Normen in Indien übernommen oder als Referenz herangezogen werden, schafft das deutlich mehr Orientierung, Vergleichbarkeit und Vertrauen für Unternehmen auf beiden Seiten. Insbesondere in Schlüsselbereichen wie Smart Infrastructure, Digital Product Passport und Machinery können gemeinsame harmonisierte Normen technische regulatorische Handelshemmnisse abbauen und Innovationen spürbar schneller auf den Markt bringen. Das gilt auch dort, wo das Prinzip „international first“ zum Tragen kommt, also die nationale Übernahme internationaler Normen von ISO und IEC. In Indien sind bereits mehr als 40 Prozent des indischen Normenbestands identisch mit ISO- und IEC-Normen.“
In einem handelspolitischen Überblick standen die Ergebnisse der abgeschlossenen Verhandlungen des EU-Indien-Freihandelsabkommens, technische Handelshemmnisse, Konformitätsbewertung und die nächsten Schritte im Mittelpunkt.
Jorge Torres, Policy Coordinator bei DG TRADE der Europäischen Kommission, verwies dabei auf rund 17.100 Arbeitsplätze in Österreich, die direkt oder indirekt mit Exporten nach Indien verbunden sind. Dazu zählen sowohl österreichische Exporte als auch Vorleistungen aus Österreich, die über andere EU-Mitgliedstaaten nach Indien exportiert werden.
Die österreichischen Exporte nach Indien belaufen sich jährlich auf mehr als 1,5 Milliarden Euro. Mit dem Freihandelsabkommen zwischen der EU und Indien dürfte diese Dynamik weiter zunehmen: EU-Unternehmen werden künftig viele Produkte kostengünstiger nach Indien exportieren können, da Indien Importzölle deutlich senkt. Insgesamt sollen mehr als 96 Prozent der EU-Waren von Zollsenkungen profitieren.
Raffaele Quarto, ebenfalls Policy Coordinator bei DG TRADE der Europäischen Kommission, ging auf die Herausforderungen ein, mit denen europäische Unternehmen beim Zugang zum indischen Markt konfrontiert sind.
Er hob insbesondere hervor, dass Unternehmen mehr Vorhersehbarkeit benötigen. Konformitätsbewertungsverfahren im Zusammenhang mit Indiens zunehmender Nutzung von Quality Control Orders, kurze Fristen zur Einhaltung regulatorischer Anforderungen sowie komplexe Werksinspektionen können Exporte verzögern und zusätzliche Kosten verursachen.
Genau hier soll das Freihandelsabkommen zwischen der EU und Indien ansetzen: durch mehr Transparenz, besser vorhersehbare Fristen, faire Möglichkeiten zur Einbindung der EU-Industrie und einen strukturierten Dialog zur Vereinfachung von Konformitätsbewertungsverfahren.
Regulatorische Anforderungen
Den praktischen Blick auf den Markteintritt brachte Alok Kesari, Director Policy Advocacy and Trade Facilitation bei der Federation of European Business in India (FEBI), ein.
Er zeigte, welchen regulatorischen Anforderungen europäische Unternehmen in Indien besondere Aufmerksamkeit schenken müssen, und stellte unter anderem „Know Your Standard“ vor, ein Tool des Bureau of Indian Standards (BIS), der nationalen Normungsorganisation Indiens.

Es unterstützt Unternehmen dabei, relevante indische Normen, deren Übereinstimmung mit internationalen Normen von ISO/IEC sowie Anforderungen zur Einhaltung von Quality Control Orders zu identifizieren.

„Indien ist für europäische Unternehmen aufgrund von Investitionsmöglichkeiten, politischer Stabilität, gut ausgebildeten Fachkräften und hoher Kosteneffizienz attraktiv. Gleichzeitig sollten sich Unternehmen gut auf regulatorische Genehmigungen, Compliance und Importvorschriften vorbereiten, da diese Herausforderungen mit sich bringen können. Für Unternehmen ist es entscheidend, Investitionspotenzial und Normen gemeinsam zu betrachten“, konstatierte Alok Kesari.
Fazit
Standards sind beim Eintritt in den indischen Markt keine nachgelagerte Formalität, sondern ein strategischer Faktor.
Sie helfen Unternehmen, regulatorische Risiken zu reduzieren, Anforderungen besser einzuschätzen und den Marktzugang langfristig vorzubereiten. Standards sind somit ein strategisches Instrument angewandter Wirtschafts- und Handelspolitik, wie an dem Beispiel des Freihandelsabkommens zwischen der EU und Indien zu sehen ist.
