Advertisement
Haben sich die Konjunkturaussichten in Osteuropa verbessert?

© wiiw

Richard Grieveson, stellvertretender Direktor des wiiw und Hauptautor der Winterprognose.

Haben sich die Konjunkturaussichten in Osteuropa verbessert?

Anspringender Konjunkturmotor in Osteuropa liefert starke Impulse für die österreichische Wirtschaft.

Auch wenn sich das internationale Umfeld schwierig gestaltet und große Abwärtsrisiken bestehen, haben sich die Konjunkturaussichten für 2024 in den meisten Volkswirtschaften Mittel-, Ost- und Südosteuropas signifikant aufgehellt – vor allem in den EU-Mitgliedern.

Das zeigt die neue Winterprognose des Wiener Instituts für Internationale Wirtschaftsvergleiche (wiiw) für 23 Länder der Region.

„Die drastisch sinkende Inflation, stark steigende Reallöhne und ein wieder anziehender Privatkonsum in Kombination mit bevorstehenden Leitzinssenkungen sollten das Wachstum wieder auf Kurs bringen. Die erhoffte Erholung der für die Region so wichtigen deutschen Wirtschaft ab Mitte des Jahres ist ebenfalls ein Schlüsselfaktor“, erklärt Richard Grieveson, stellvertretender Direktor des wiiw und Hauptautor der Winterprognose.

Stärkeres Wachstum

Für 2024 prognostiziert das wiiw den EU-Mitgliedern der Region ein Wachstum von durchschnittlich 2,5%. Nach schwachen 0,6% im abgelaufenen Jahr dürften sie die Eurozone (0,8%) damit heuer wieder deutlich überflügeln.

„Die ostmitteleuropäischen EU-Mitglieder setzen den im vergangenen Jahr unterbrochenen Aufholprozess gegenüber Westeuropa fort und kehren somit wieder zur Normalität zurück“, konstatiert Richard Grieveson.

Auch die Visegrád-Länder Polen, Tschechien, Slowakei und Ungarn sollten im Durchschnitt um 2,5% expandieren und damit die Konjunkturdelle des Jahres 2023 (0,1%) überwinden, wobei Polen und Ungarn aufgrund politischer Entwicklungen (neue Regierung in Polen, Viktor Orbáns Ukraine-Deal mit der EU) wieder verstärkt Zugriff auf EU-Gelder bekommen.

Haben sich die Konjunkturaussichten in Osteuropa verbessert?
Wirtschaftsindikatoren & Prognose Osteuropa 2024-2026.

© wiiw

Die südosteuropäischen EU-Mitglieder Rumänien (3,0%) und Kroatien (2,6%) dürften ebenfalls solide wachsen. Dort stützen nicht zuletzt Mittelzuflüsse aus dem Corona-Wiederaufbaufonds NextGenerationEU die Konjunktur. Die sechs Staaten am Westbalkan werden im Schnitt um 2,6% expandieren, die Türkei um 3,0%.

Die leichte Erholung der kriegsgeplagten Ukraine sollte sich mit 3,0% BIP-Wachstum fortsetzen, ist aber vom weiteren Kriegsverlauf und vor allem den westlichen Hilfsgeldern abhängig. Bei Aggressor Russland dürfte sich das im vergangenen Jahr starke Wachstum der Kriegswirtschaft (3,5%) auf heuer noch 1,5% mehr als halbieren, während die Republik Moldau (3,7%) und Kasachstan (4,2%) die größte Dynamik in der Region haben werden.

Risiken?

Trotz der positiven Aussichten bestehen erhebliche Abwärtsrisiken: „Eine Fortsetzung der Rezession in Deutschland, eine Eskalation der Kriege in der Ukraine und in Gaza, Störungen der Lieferketten wie derzeit im Roten Meer und vor allem die Wahl von Donald Trump zum nächsten US-Präsidenten könnten die Erholung ernsthaft gefährden“, meint Richard Grieveson.

Aus seiner Sicht dominieren vor allem die geopolitischen Risiken, allen voran in Bezug auf die nächste US-Administration und die Kriege in der Ukraine und Nahost.

Ukraine: Unsicherheit als Normalzustand

Besonders folgenreich wäre ein Wahlsieg Donald Trumps wohl für die Ukraine. Obwohl sich das Land 2023 mit einem Wachstum von 5,5% wesentlich besser geschlagen hat, als erwartet, sorgen die aktuellen Unklarheiten um die Fortsetzung der lebenswichtigen Finanzhilfen der USA und der EU für große ökonomische Verunsicherung.

Haben sich die Konjunkturaussichten in Osteuropa verbessert

© PantherMedia / janaka (YAYMicro)

Das wiiw hat seine Wachstumsprognose für 2024 daher um 1,2 Prozentpunkte auf 3,0% reduziert. Ein Erfolg im letzten Jahr war neben der Aufnahme von EU-Beitrittsverhandlungen auch die Steigerung der Agrarexporte über den Seeweg auf das höchste Niveau seit Kriegsbeginn durch die Umgehung der russischen Schwarzmeerblockade.

„Angesichts eines erwarteten Budgetdefizits von 25% des BIP, das primär über westliche Hilfsgelder finanziert wird, haben die anhaltenden Verzögerungen bei der Zusage und Auszahlung der Mittel natürlich einen äußerst negativen Effekt auf das Vertrauen in die ukrainische Wirtschaft. Wahrscheinlich werden diese Unsicherheiten aber leider zum neuen Normalzustand für die Ukraine werden“, verdeutlicht Olga Pindyuk, Ukraine-Expertin des wiiw.

Russlands Kriegswirtschaft überhitzt

Trotz Sanktionen bescherte der anhaltende Rüstungsboom der russischen Wirtschaft im vergangenen Jahr eine Expansion von 3,5%. Mittlerweile operiert sie an der Kapazitätsgrenze und zeigt zunehmende Überhitzungserscheinungen. Der akute Arbeitskräftemangel durch den Krieg und die auf 16% angehobenen Leitzinsen aufgrund der hohen Inflation dürften das Wachstum im heurigen Jahr auf 1,5% begrenzen.

„Russland ist immer mehr davon abhängig, dass der Krieg weitergeht. Die enormen Ausgaben dafür wirken wie eine Droge auf die Wirtschaft. Natürlich wird das auch zu entsprechenden Entzugserscheinungen führen, sollte diese Droge reduziert oder abgesetzt werden“, analysiert Vasily Astrov, Russland-Experte des wiiw.

Nicht weniger als 29% des föderalen Haushalts fließen heuer in den Wehretat. Die Rüstungsausgaben steigen damit auf 6% des BIP – der höchste Wert seit dem Zerfall der Sowjetunion. Die hohen Militärausgaben führen zu gefährlichen Ungleichgewichten und unterminieren die mittelfristigen Wachstumsaussichten, auch weil die Rüstungsbetriebe den Wettbewerb um die raren Fachkräfte gegenüber zivilen Firmen sehr oft für sich entscheiden.

Sollte es nach der anstehenden Wiederwahl Putins zum russischen Präsidenten zu einer weiteren Mobilmachung kommen, dürfte das den Arbeitskräftemangel weiter verschärfen. Das hauptsächlich kriegsbedingte Budgetdefizit von heuer knapp 1% des BIP ist für russische Verhältnisse zwar hoch, aber leicht verkraftbar.

„Die Finanzierung des Krieges ist für Putin kein Problem. Viel eher stellt sich die Frage, ob angesichts der Sanktionen auf Dauer genügend westliche Komponenten für Waffensysteme beschafft werden können“, unterstreicht Vasily Astrov.

Haben sich die Konjunkturaussichten in Osteuropa verbessert

© PantherMedia / sinenkiy

Normalisierung der Inflation

Wenngleich die Teuerungskrise noch nicht ganz überwunden ist, wird sich die Inflation in den EU-Mitgliedern der Region 2024 auf im Schnitt 4,7% mehr als halbieren. In den sechs Westbalkanstaaten fällt ihr Rückgang auf durchschnittlich 3,8% ähnlich stark aus.

Auch in den meisten anderen beobachteten Ländern wird sie markant sinken, mit Ausnahme der Sonderfälle Türkei, Russland und Belarus. Die Kerninflation (ohne Energie und Lebensmittel) dürfte angesichts starker Reallohnsteigerungen und anziehender Konsumausgaben zwar höher bleiben, allerdings ist der Preisauftrieb vor allem bei Energie aber auch bei Lebensmitteln viel niedriger als vor einem Jahr. Mittelfristig wird sich die Region dennoch auf etwas höhere Inflationsraten als vor dem Ukraine-Krieg einstellen müssen.

Österreich als Profiteur

Angesichts des wieder anspringenden Konjunkturmotors in Polen, Tschechien, Ungarn und der Slowakei dürften die für Österreich wichtigen Visgrád-Länder heuer wieder starke Impulse für die heimische Wirtschaft liefern. Mit einem Wachstum von im Durchschnitt 2,5% werden sie wie in der Vergangenheit wieder eine wesentliche Stütze darstellen und in Zukunft noch an Bedeutung gewinnen, da sie allein heuer dreimal so stark wachsen wie die Eurozone (0,8%).

Einiges an Dynamik ist für Österreichs Wirtschaft auch in Südosteuropa zu erwarten. Vor allem Rumänien (3%), Kroatien (2,6%) und die Türkei (3,0%) wachsen relativ robust. Auch am Westbalkan läuft es etwa in Montenegro (4,0%), Albanien (3,6%) oder Serbien (2,4%) gut.

„Die engen wirtschaftlichen Beziehungen Österreichs zu den Visegrád- und Westbalkanstaaten stützen die heimische Konjunktur und mildern so auch die großen Unsicherheiten in Bezug auf die deutsche Wirtschaft, den mit Abstand wichtigsten Handelspartner für Österreich“, ergänzt Richard Grieveson abschließend.

https://wiiw.ac.at