EY-Studie „Digitaler Wandel im österreichischen Mittelstand“ 2022 Gunther Reimoser

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Gunther Reimoser, Country Managing Partner bei EY Österreich

02.03.2022 | 4 min

EY-Studie „Digitaler Wandel im österreichischen Mittelstand“ 2022

Die Bedeutung der Digitalisierung steigt durch Corona, doch nur jeder 2. Betrieb plant Investitionen.

Die Bedeutung digitaler Technologien für das Geschäftsmodell mittelständischer Unternehmen ist gegenüber dem Vorjahr erneut leicht gewachsen: 80% der Betriebe weisen ihnen inzwischen eine mittelgroße oder sehr große Bedeutung zu, noch vor einem Jahr lag der Anteil bei 77%. 29% (Vorjahr: 30 %) bewerten die Rolle der Digitalisierung sogar als sehr groß. Auf Platz Eins im Relevanz-Ranking liegen Finanzdienstleister (51%), gefolgt von Transport, Verkehr und Energie (34%), Schlusslicht ist der Real-Estate-Sektor (10%).

Bereits 2020 hatte die Corona-Pandemie einen Digitalisierung-Schub in Österreich ausgelöst, der sich im Folgejahr erneut bemerkbar gemacht hat. Obwohl sich vergangenes Jahr Homeoffice, virtuelle Zusammenarbeit und digitales Umdenken bereits vielerorts gut manifestiert haben, geben auch heuer fast drei von vier befragten Mittelständlern (73%) an, dass die Wichtigkeit digitaler Technologien durch die COVID-19-Krise noch weiter gestiegen ist. Lediglich jedes 50. Unternehmen stellt hingegen eine gesunkene Bedeutung fest.

Das sind Ergebnisse einer Studie der Prüfungs- und Beratungsorganisation EY, für die über 600 mittelständische Unternehmen mit 30 bis 2.000 MitarbeiterInnen in Österreich befragt wurden.

„Viele Unternehmen haben mittlerweile erkannt, dass die digitalen Veränderungen, die aufgrund der Corona-Pandemie sehr rasch notwendig waren, zahlreiche Vorteile bieten und oft nun gar nicht mehr wegzudenken sind. Dennoch gilt es, sich nicht auf dem implementierten Status quo auszuruhen, denn der Technologiebereich entwickelt sich stetig weiter. Um auf der Überholspur zu bleiben, ist auch weiterhin Mut zu digitaler Transformation gefragt“, so Gunther Reimoser, Country Managing Partner bei EY Österreich.

Hälfte der Mittelständler plant keine digitalen Investitionen

„Möchte man weiterhin mit der Digitalisierung Schritt halten, sind Investitionen unverzichtbar“, ergänzt Axel Preiss, Leiter der Unternehmensberatung bei EY Österreich. Aktuell kommen digitale Technologien vor allem im direkten Kundenkontakt zum Einsatz (78%), gefolgt von der Nutzung mobiler Endgeräte (52%). Rund jeder sechste Mittelständler in Österreich (16%) will in den kommenden zwei Jahren Cloud Computing im eigenen Unternehmen einsetzen, zwölf Prozent wollen Data Analytics einführen und jedes zehnte Unternehmen (10%) setzt auf Künstliche Intelligenz. Trotz des Digitalisierungsschubs will fast jeder zweite Mittelständler (49%) in den kommenden zwei Jahren keine zusätzlichen digitalen Technologien im eigenen Betrieb umsetzen.

Wien als Digitalisierungshotspot

Im Bundesländer-Ranking liegen Unternehmen mit Sitz in Wien vorne: 41% der Unternehmen geben an, dass die Digitalisierung bereits jetzt eine sehr große Rolle für das eigene Geschäftsmodell spielt, für weitere 39% eine mittelgroße. Dahinter folgen Betriebe in Oberösterreich (31% sehr wichtig, 52% wichtig) und Vorarlberg (30% sehr wichtig, 43% wichtig). Vergangenes Jahr lag Vorarlberg noch auf dem ersten Rang: 40% der Vorarlberger Mittelständler gaben 2020 an, dass die Digitalisierung sehr wichtig für das eigene Geschäftsmodell sei. Das Schlusslicht bildet heuer Niederösterreich (18% sehr wichtig, 64% wichtig).

KMU ziehen nach

Digitale Technologien sind für die Geschäftsmodelle von größeren Mittelständlern mit Jahresumsätzen jenseits der Zehn-Millionen-Grenze inzwischen lediglich geringfügig wichtiger als für Unternehmen mit Jahresumsätzen von weniger als zwei Millionen Euro: Der Anteil der Unternehmen, der digitalen Technologien eine mittelgroße oder sehr große Bedeutung beimisst, liegt bei größeren Unternehmen mit 82 Prozent nicht viel höher als bei Unternehmen mit Jahresumsätzen unter zwei Millionen Euro (78 Prozent).

Bislang verfolgten große und kleine Player der österreichischen Wirtschaft oft sehr unterschiedliche Wege, was den Stellenwert der Digitalisierung für das eigene Geschäft anbelangt. Diese Lücke hat sich nun merklich verringert: Während 2020 jedes zweite Unternehmen mit Jahresumsätzen von mehr als 100 Millionen Euro (56%) digitalen Technologien eine sehr große Rolle für das eigene Geschäftsmodell zuschrieb, war es bei kleineren Unternehmen (Jahresumsatz unter 30 Millionen Euro) nur jedes vierte (26%) – ein Unterschied von 30 Prozentpunkten. „Durch fast zwei Jahre Pandemie haben sich nun auch viele kleinere Betriebe von den Pluspunkten der Digitalisierung überzeugen lassen und diese im Arbeitsalltag teilweise fest verankert – der Skepsis ist ein Wille zur Veränderung gewichen. KMUs haben erkannt, dass sie den digitalen Absprung schaffen müssen, um nicht auf der Strecke zu bleiben und die Konkurrenz vorbeiziehen zu lassen“, erklärt Reimoser.

Bedrohung kein relevanter Faktor

Als Bedrohung werden digitale Technologien nur von einer Minderheit betrachtet – bei kleineren Unternehmen mit Jahresumsätzen von weniger als zwei Millionen Euro liegt ihr Anteil bei neun Prozent, bei größeren Unternehmen bei lediglich zwei Prozent.

Nicht nur bei der Umsatzgröße, sondern auch quer durch die einzelnen Sektoren gibt es Unterschiede bei der Chancen-Bewertung: Unternehmen aus dem Gesundheitssektor (87%) und aus den Bereichen Transport, Verkehr und Energie sowie Tourismus (je 84%) sind besonders chancenorientiert. Im Handel- und Konsumgüterbereich, der Industrie (je 7%) sowie dem Real-Estate-Sektor (8%) machen sich auch Wahrnehmungen einer Bedrohung durch die digitale Transformation breit.

„Eine stabile und leistungsstarke Digital-Infrastruktur wird für Unternehmen zu einem immer wichtigeren Standortfaktor,“ so Axel Preiss, Leiter der Unternehmensberatung bei EY Österreich.

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Gute Noten für Standort, Transportsektor am zufriedensten

63% der mittelständischen Betriebe in Österreich bewerten die Rahmenbedingungen für die Digitalisierung bezogen auf den eigenen Standort als positiv – das sind deutlich weniger als vor einem Jahr, als der Anteil bei 72% lag. Nur jedes zehnte Unternehmen (10 %) bewertet sie als ausgezeichnet. Fast jeder Dritte (31%) bezeichnet die Rahmenbedingungen als mittelmäßig, sechs Prozent geben eine schlechte Note ab.

Vor allem die Leistungsfähigkeit der digitalen Infrastruktur – also der Zugang zu hohen Bandbreiten und Handyempfang – wird von fast drei Viertel (74%) positiv bewertet. Die meisten guten Bewertungen stammen aus Salzburg (82% sind zufrieden), gefolgt von Tirol (81%). Kärnten (67%) belegt den letzten Platz im Zufriedenheits-Ranking.

Mit den Kooperationspartnern vor Ort sind 67% zufrieden, mit den gebotenen Fördermöglichkeiten 68 Prozent. Auch hier ist Salzburg auf Platz Eins – der Zugang zu Fördermöglichkeiten wird von drei Viertel (74%) positiv bewertet, Kärnten bildet erneut das Schlusslicht (62%).

„Eine stabile und leistungsstarke Digital-Infrastruktur wird für Unternehmen zu einem immer wichtigeren Standortfaktor. Das schnelle und mittelfristige Ziel sollte es daher sein, die digitale Infrastruktur auch in den aktuell noch oft unterversorgten ländlichen Regionen bestmöglich voranzutreiben. Ein kontinuierlicher, flächendeckender Ausbau ist für den Wirtschaftsstandort Österreich eine Investition in die Zukunft: Nur mit einer leistungsfähigen digitalen Infrastruktur kann es eine Chancengleichheit in allen Regionen geben“, so Preiss.