Deloitte Radar 2022: Aufholbedarf für Wirtschaftsstandort Österreich

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Harald Breit, CEO von Deloitte Österreich

04.05.2022 | 3 min

Deloitte Radar 2022: Aufholbedarf für Wirtschaftsstandort Österreich

Unternehmen sorgen sich um Energieversorgung und fordern dringend Steuersenkungen sowie Flexibilisierung des Arbeitsmarktes.

Die Folgen der Corona-Pandemie sind noch nicht bewältigt, gleichzeitig erschüttert der Ukraine-Krieg die Wirtschaft. Die Stimmung in den Unternehmen ist gedrückt, vor allem die Sicherheit der Energieversorgung bereitet Führungskräften Sorgen. Um die Krisensituation zu meistern, fordert die überwiegende Mehrheit eine Senkung der Lohnnebenkosten, eine Flexibilisierung des Arbeitsmarktes und eine stringente Pandemie-Bekämpfung.

Österreich hinkt international hinterher

Bei Betrachtung der Rankings ist zu erkennen, dass die Alpenrepublik seit Jahren nur die Plätze 15 bis 20 einnimmt. Im wichtigsten Ranking, dem World Competitiveness Index (IMD), liegt Österreich global auf Platz 19, im Europavergleich auf Platz 11. In Europa belegen die Schweiz, Schweden und Dänemark die ersten drei Ränge. Sie punkten mit einer umfassenden Digitalisierung und einer geringeren Steuerbelastung der Unternehmen. „Damit Österreich wettbewerbsfähig und für Investoren attraktiv bleibt, muss es unser Ziel sein, es in den nächsten fünf Jahren unter die Top 5 Länder in Europa zu schaffen. Wir müssen uns an den Besten messen“, betont Harald Breit, CEO von Deloitte Österreich.

Besorgnis vorherrschend

Hierzulande überwiegen derzeit aber die Sorgenfalten. Die vierte Corona-Welle sowie der Ukraine-Krieg haben die Stimmung unter den Führungskräften gedämpft. Während im vergangenen Spätsommer noch 86% die Stimmung im Management positiv bewertet haben, teilen aktuell nur mehr 52% diese Meinung. Ein Fünftel schätzt die Stimmung sogar als (sehr) negativ ein. In der Belegschaft sowie unter den Kund:innen und Lieferant:innen zeigt sich ein ähnlich pessimistisches Bild. „Die Besorgnis hat in den Unternehmen seit Beginn des Krieges gegen die Ukraine spürbar zugenommen. Wir laufen Gefahr, dass sich dieser Pessismus verfestigt und zu einer Abwärtsspirale wird – der Hut brennt am Standort Österreich, es muss dringend gegengesteuert werden“, warnt Harald Breit.

Sorgenkind Energieversorgung

Generell wird die Resilienz des Standortes von der Hälfte der Führungskräfte noch immer als (sehr) positiv betrachtet. Schaut man genauer hin, gibt es aber ein wichtiges Handlungsfeld: Die Sicherheit der Energieversorgung bereitet den Befragten im Moment die größte Sorge. 90% befürchten hier aufgrund des Ukraine-Krieges in der nächsten Zeit nachteilige Folgen. „Neben der Energieversorgung wird die geopolitische Krise weite Kreise ziehen: Fast alle Studienteilnehmer:innen gehen davon aus, dass der Krieg schwerwiegende Auswirkungen auf die Lieferketten, die Rohstoffverfügbarkeit sowie die Transportpreise haben wird“, erklärt Harald Breit.

„Der Großteil der Befragten sieht in der Senkung der Lohnnebenkosten einen zentralen Hebel“, erläutert Herbert Kovar, Partner bei Deloitte Österreich.

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To-dos: Steuersenkungen und erneuerbare Energien

Der Standort zeigt sich derzeit zwar resilient, dennoch herrscht laut der Befragten dringender Handlungsbedarf, um ihn nachhaltig zu stärken. Als effizienteste Maßnahmen werden der Umbau des Energiesystems in Richtung erneuerbare Energien (92%), die Digitalisierung der Verwaltung (85%), die Senkung der Lohnnebenkosten (87%) und Einkommensteuern (78%) sowie die Förderungen von Investitionen für Umwelttechnologien (87%) genannt.

„Der Staat nimmt durch die Redkordinflation derzeit viele Steuern ein. Um den negativen Dominoeffekt in der Wirtschaft zu unterbrechen, braucht es rasche Erleichterungen für die Betriebe. Der Großteil der Befragten sieht in der Senkung der Lohnnebenkosten einen zentralen Hebel“, erläutert Herbert Kovar, Partner bei Deloitte Österreich. „Die Erhöhung der Forschungsprämie wäre ein weiteres hervorragendes Mittel, um den Umbau der Wirtschaft vor dem Hintergrund der geänderten globalen Rahmenbedingungen voranzutreiben.“

Herausforderungen für den Arbeitsmarkt

Die Situation am Arbeitsmarkt wird von den Unternehmen derzeit kritisch gesehen. Für die Verfügbarkeit von Fachkräften vergeben 69% die Noten „Genügend“ oder „Nicht genügend“, nur 3% bewerten diese mit einem „Gut“. Die Flexibilität des Arbeitsmarktes beurteilen lediglich 16% als „Gut“ oder „Sehr gut“. Einigkeit herrscht beim Thema Integration von Geflüchteten: Beinahe alle befragten Unternehmen fordern hier verstärkte Anstrengungen und Vereinfachungen. „Vor dem Hintergrund des allgegenwärtigen Fachkräftemangels ist die flexible Gestaltung von Arbeitszeit und -ort essenziell. Auch gilt es den Zugang für Geflüchtete zum Arbeitsmarkt zu erleichtern – das bestätigen uns 90% der Führungskräfte“, erklärt Elisa Aichinger, Partnerin bei Deloitte Österreich.

Elisa Aichinger, Partnerin bei Deloitte Österreich

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Zufriedenheit mit Gesundheitssystem sinkt

Auch bei der vielgelobten Lebensqualität muss Österreich Einbußen verzeichnen. Beim Vergleich der Umfrageergebnisse vor der Pandemie mit den aktuellen sieht man, dass die Zufriedenheit mit dem Gesundheitssystem und dem sozialen Zusammenhalt in den letzten zwei Jahren jeweils um 20 Prozentpunkte gesunken ist. „Dieser Rückgang ist ein Alarmsignal. Um eine weitere Verschlechterung zu verhindern, müssen Maßnahmen zur Stärkung dieser Assets gesetzt werden“, so Elisa Aichinger.

Stärkende Maßnahmen

Es wird nun entscheidend sein, welche Schritte seitens der Regierung in den nächsten Monaten gesetzt werden. „Die heimische Wirtschaft hat fünf zentrale Forderungen: Senkung der Steuern zur Entlastung der Unternehmen, Förderung von Forschung und Innovationen, Umbau des Energiesystems, Flexibilisierung des Arbeitsmarktes sowie die stringente Bekämpfung der Pandemie. Es gibt viel zu tun und jetzt ist Leadership gefragt“, fasst Harald Breit zusammen.

Der Deloitte Radar

Im Rahmen des Deloitte Radar werden jährlich die Attraktivität und Wettbewerbsfähigkeit des Standortes Österreich untersucht. In die Studie fließen die Einschätzungen von mehr als 230 befragten heimischen Top-Führungskräften sowie die analysierten Indizes globaler Rankings ein. Aus den Ergebnissen lassen sich die wichtigsten Handlungsfelder ableiten.

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