Wie wir uns die digitale Dividende aus der Krise herausarbeiten Thomas Lutz Microsoft

© Anija Schlichenmaier

Thomas Lutz, Leiter der Kommunikation bei Microsoft Österreich

20.01.2022 | 5 min

Wie wir uns die digitale Dividende aus der Krise herausarbeiten

Wir stehen nun am Anfang eines neuen Jahres, vor dem nächsten Kapitel einer bereits zweijährigen Pandemie, die uns in Wirtschaft und Gesellschaft beispiellos herausfordert. Speziell in der Wirtschaft stellen sich viele genau jetzt die Frage: What´s next? Wie sieht unsere Zukunft aus? Und was kann ich tun, um sie bestmöglich zu meistern?

Dabei hat uns die gegenwärtige, akute Gesundheitskrise den Blick auf die weit größere Herausforderung verstellt: Die Klimakrise, die zwar etwas langsamer aber umso vehementer unsere Aufmerksamkeit einfordert; denken wir etwa an das beispiellose Hochwasser zurück, das in Deutschland letzten Sommer mehr als 150 Todesopfer forderte. Wer bis dato dachte, dass wir noch genug Zeit haben, dieser Entwicklung etwas entgegenzusetzen, wurde klar eines Besseren belehrt.

Schlüsselrolle Digitalisierung

Was beide Krisen gemeinsam haben ist, dass Digitalisierung eine absolute Schlüsselrolle zukommt, diese zu bewältigen bzw. mit ihnen zu leben. Denn auch wenn wir kaum erleben werden, dass Corona oder der Klimawandel komplett gestoppt werden, ist es umso wichtiger, Strategien zu entwickeln, wie wir mit beidem (über-)leben können und besser damit fertig werden. Das ist ohne Digitalisierung undenkbar. 

Digitalisierung ist die beste Schutzimpfung gegen Krisen. Aktuelle Studien belegen, dass Unternehmen mit einem bereits hohen Digitalisierungsgrad weit besser durch die Corona Krise gekommen sind als andere. Sie sind darüber hinaus auch für zukünftige Krisen weit besser gerüstet, ihre sogenannte Resilienz, also die Widerstandsfähigkeit gegenüber Unvorhergesehenem, ist deutlich höher. Das ist umso wichtiger, als davon ausgegangen werden muss, dass uns sowohl Corona als auch die Klimakreise noch länger beschäftigen werden.

Digitalisierungsturbo

Die weltweite Pandemie hat einen beispiellosen Digitalisierungsturbo gezündet. Kaum vorzustellen, wie wir die letzten 2 Jahre ohne Informationstechnologie hinbekommen hätten und um wieviel stärker unser aller Leben und das Wirtschaftstreiben eingeschränkt gewesen wären. So konnten große Teile der ArbeitnehmerInnen rasch ins Homeoffice wechseln, unsere Kinder über Homeschooling-Angebote unterrichtet werden, Geschäftsreisen in Videokonferenzen umgewandelt werden oder etwa Fernwartung von Anlagen über digitale VR-Brillen durchgeführt werden. Im öffentlichen Sektor konnte unter anderem ein digitaler Gesundheitspass mit digitaler Nachverfolgung von Infektionsketten umgesetzt werden.    

All das basiert auf Daten. Daten, die erhoben, gespeichert und ausgewertet werden müssen. Das sind mittlerweile Mengen an Daten, die derart unmenschlich große Dimensionen angenommen haben, dass nur mehr eine maschinelle Auswertung möglich ist. Durch Software und Algorithmen, die wir gemeinhin als KI (Künstliche Intelligenz) Systeme bezeichnen. Erst dadurch erlangen wir als Menschen den notwendigen Erkenntnisgewinn aus den Daten.

„Was heute die Finanz-Bilanz ist, wird morgen bereits die Umwelt-Bilanz eines Unternehmens sein.“

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Digitalisierung für Klimaschutz

Und damit bin ich bereits bei der Digitalisierung für Klimaschutz. Hier gilt der Grundsatz: Ich kann nur steuern und verändern, was ich auch messen kann.

Und gerade im Umweltbereich fallen besonders viele Daten an, Sensordaten aller Art über Wetter, Temperatur, Wasserqualität, Luftpartikel und vieles mehr. Wir sprechen hier nicht nur im übertragenen Sinne von „Big Data“. Die Verarbeitung erfolgt über das Internet der Dinge und modernes Cloud Computing und die richtige Interpretation dazu über KI-Systeme. Anders würde das gar nicht funktionieren.

Und anders wäre es auch nicht möglich, zu einer Umweltbilanz zu kommen. Eine Bilanz, die uns als Unternehmen wie auch übergeordneter Volkswirtschaft den Status und die Trends wichtiger Umwelt-KPIs (Key Performance Indicators) gibt und damit auch Handlungs- und Steuerungsfähigkeit gibt. 

Was heute die Finanz-Bilanz ist, wird morgen bereits die Umwelt-Bilanz eines Unternehmens sein. So wie heute Geld der Maßstab der Bewertung von Unternehmen ist, wird auch Nachhaltigkeit zu einer harten Währung in der Unternehmensbewertung werden. Mit dem Terminus technicus „ESG“ – Environment, Social, Governance – ist es endgültig in der Vorstandsetage angekommen. ESG-Standards werden eine neue Dimension der CSR, der unternehmerischen Verantwortung, werden.

Es ist genau jetzt der richtige wie auch zwingende Zeitpunkt, die Weichen für unsere Zukunft zu stellen. Auf der Makroebene zeigen der EU Green Deal und die „Glasgow Financial Alliance for Net Zero“ (Null CO2 emissions bis 2050) wie auch der EU Digital Markets Act (DMA) und EU Digital Services Act (DSA) bzw. der Data Governance Act bereits in diese Richtung. Jetzt gilt es, dies auch für unseren Marktplatz in Österreich Wirklichkeit werden zu lassen.

„Innovation, Nachhaltigkeit, Kompetenz sowie Sicherheit und Datenschutz müssen zeitgleich vorangetrieben werden und ergeben erst zusammen eine gelungene digitale Transformation.“

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Dabei sehe ich vor allem folgende vier Handlungsfelder:

  • 1. Innovation möglich machen. Bewusstsein dafür schaffen, was alles an digitaler Innovation möglich ist. Beispiele zeigen, die Mut machen, die eigene digitale Reise anzugehen, die Chancen für KMUs zu sehen, nicht nur für die großen Unternehmen. Wie etwa bei Hervis, der in der Corona Pandemie die persönliche Beratung einfach über die Cloud nach Hause brachte. Ein recht einfacher und sehr effektiver Anwendungsfall, der auch eine Auszeichnung des Austrian Retail Innovation Awards bekommen hat.  
  • 2. Nachhaltigkeit möglich machen. Der erste Schritt dafür sind die eigenen Daten dazu. Das Internet der Dinge, die Cloud, KI-Technologien nutzen, um zur eigenen Umweltbilanz zu kommen. Paketierte Lösungen wie etwa die „Cloud for Sustainability“ helfen dabei. Ein schönes Praxisbeispiel ist etwa die TietoEvry Referenz, die zeigt, wie die Cloud und das Internet der Dinge dabei helfen, unseren Grünen Veltliner vor den Folgen des Klimawandels zu retten.  
  • 3. Kompetenzen möglich machen. Digitalisierung gelingt nur, wenn es auch genug Menschen gibt, die damit umgehen können. Das betrifft sowohl das eigene Unternehmen, die eigene Organisation, wie auch den Arbeitsmarkt als solches. So hat etwa Microsoft in Österreich das Ziel, 120.000 Menschen bis 2024 mit digitaler Grundbildung als auch hochwertiger Fachausbildung zu erreichen. Das gelingt einerseits über Partnerschaften wie etwa mit Fit4Internet oder LinkedIn, wo niederschwellige breitenwirksame Onlinekurse angeboten werden, andererseits innerhalb von Unternehmenspartnerschaften, wie etwa mit der OMV, die über deren Digital Academy ein ganzes Unternehmen auf die Digitale Zukunft vorbereitet.  
  • 4. Sicherheit und Datenschutz möglich machen. Wir bewegen uns immer stärker in einen Datenwirtschaftstraum. Wie auch auf EU-Ebene muss es in Österreich ein Ziel sein, eine auf Daten gestützte Wirtschaftsleistung zu ermöglichen. Dazu gehört auch ein positiver Zugang zum Thema Datenschutz. Es geht darum, Daten nicht nur zu schützen, sondern auch zu nützen. Und darüber hinaus das eigene Sicherheitsbewusstsein zu schärfen, sein Unternehmen widerstandsfähig gegen Bedrohungen aller Art wie etwa Datenverlust oder Ransomware-Angriffe aufzustellen. Das ist heutzutage nur mehr über Cloud Computing wirtschaftlich abzubilden, wo die hohen Kosten dafür über die hochskalierbaren Systeme abgefedert werden. Wie etwa beim heimischen Bauunternehmen Swietelsky, wo Mitarbeitende in 19 Ländern Dokumente und Informationen über die Cloud teilen und die gespeicherten Inhalte vor Datenverlust, versehentlicher Löschung und Sicherheitsbedrohungen geschützt werden. So werden Informationen aus der Mitarbeiterkommunikation etwa für die Baugewährleistung – für den vorgeschriebenen Zeitraum aufbewahrt und E-Mails, Dokumente oder Chats für gesetzlich geforderte Zwecke abrufbar gehalten.  

Alle 4 Zielbilder sind miteinander verbunden. Alle vier müssen zeitgleich vorangetrieben werden und ergeben erst zusammen eine gelungene digitale Transformation. Eine Transformation, die sowohl auf Mikroebene der Unternehmen wie auch auf der Makroebene der nationalen Volkswirtschaft notwendig ist.

Chancen und Nutzen greifbar machen

Es braucht dazu eine Beschleunigung und Öffnung in Österreich. Und es beginnt damit, dass wir eine positive Stimmung in Richtung der neuen Technologien aufbauen. Es braucht eine Chancenkultur, in der zunächst die Möglichkeiten neuer Technologien betrachtet werden und danach dafür gesorgt wird, dass verbundene Risiken beherrscht werden. Themen wie Digitalisierung und Cloud-Technologien sind in der öffentlichen Wahrnehmung leider zu oft noch negativ behaftet. Es sind für viele abstrakte Begriffe, deren Bezug zur praktischen Umsetzung unklar ist. Chancen und Nutzen dieser Technologien müssen daher verstärkt mit Praxisbeispielen aus österreichischen Unternehmen und Organisationen greifbar gemacht werden.

Es gibt diese Beispiele in Österreich. Lassen wir diese Beispiele für sich sprechen und zeigen, welches Potential in Österreich noch erweckt werden kann, wenn wir uns neuen Technologien auf einer breiteren Basis nicht verschließen, sondern sie aktiv zur Weiterentwicklung unseres Standorts aufnehmen. Wir müssen jetzt handeln, wollen wir im internationalen Wettlauf um Digitalisierung, der über Wirtschaftsleistung, Wohlstand und Chancen für unsere Jugend entscheidet, nicht signifikant zurückfallen.

Autor: Thomas Lutz

Thomas Lutz ist Leiter der Kommunikation bei Microsoft Österreich. Als begeisterter Familienvater ist er an Zukunftsthemen interessiert, die zeigen, wie Digitalisierung zu einer positiven Entwicklung der Menschheit beitragen kann.