Im Business sind wir sehr gut darin geworden, professionell zu sein. Wir bereiten uns auf Meetings vor, kennen unsere Zahlen und wissen, welche Rolle wir einnehmen, welche Themen auf den Tisch kommen und wie wir uns durch ein Gespräch bewegen. Als CEO, Geschäftsführer:in oder Kunde.
Dann stehen wir vor einem Kunstwerk – und plötzlich reagieren wir, bevor wir uns sortieren können.
„Das gefällt mir.“ „Das ist ja furchtbar.“ „Ganz ehrlich: Das hätte mein Kind auch hinbekommen.“
Keine vorbereitete Antwort. Keine abgestimmte Haltung. Keine Rolle. Nur eine unmittelbare, ehrliche Reaktion.
Genau das kann Kunst: Sie schafft Reaktionen, bevor wir sie kontrollieren können. Ein Kunstwerk löst unmittelbar etwas in uns aus – und genau darin liegt die Kraft. Plötzlich geht es nicht mehr darum, was strategisch klug oder wirtschaftlich sinnvoll ist, sondern darum, was wir empfinden.
„Das erinnert mich an etwas.“ „Das würde ich mir niemals aufhängen.“

Sofort führen wir ein Gespräch, welches vielleicht gar nicht so geplant war. Ich erlebe das gerade im Business immer wieder. Zwei Menschen begegnen einander zunächst über ihre Funktion, um über Projekte, Zahlen und nächste Schritte zu sprechen – doch dann ist da Kunst im Raum. Plötzlich wird diskutiert, gelacht, widersprochen. Man erfährt etwas über Geschmack, Haltung und Persönlichkeit des Gegenübers, das sonst wohl kaum zur Sprache gekommen wäre.
Für einen kurzen Moment tritt unsere professionelle Rolle in den Hintergrund.
Denn Kunst interessiert sich nicht für Titel oder Hierarchie. Sie verlangt keine fachlich richtige Meinung – schon gar nicht bei zeitgenössischer Kunst oder bei Werken von jungen Künstlerinnen und Künstler, bei denen es keine etablierte Lehrbuchmeinung gibt.
Ich finde das großartig: eine Begegnung über Persönlichkeit, Haltung und Individualität.
Hand aufs Herz: Die meisten Business-Entscheidungen können noch so sehr rational untermauert sein – wenn man sich nicht vorstellen kann, mit dem Gegenüber zu arbeiten, wird’s schwer. Das gilt für die einzelne Person ebenso wie für das Unternehmen.
Interessant fürs Business
Denn gute Kunst ist weit mehr als Dekoration. Sie hebt nicht nur Gespräche auf eine andere Ebene – sie kann auch sichtbar machen, wofür ein Unternehmen steht.
In einer Bank schafft sie zum Beispiel Seriosität und Wertigkeit. Ein metallverarbeitendes Unternehmen drückt mit einem zeitgenössischen Metall-Kunstwerk vor dem Eingang mehr Begeisterung für den Werkstoff aus als mit einer Produktspezifikation. In einer Klinik unterstützt Kunst die Genesung, in einer Unternehmenszentrale steht sie einmal für Ruhe und Menschlichkeit, ein anderes Mal für Innovationskraft, Anspruch oder auch ganz bewusst für Reibung.
Kommunizierende Räume
Deshalb lautet die entscheidende Frage nicht: Welches Bild passt an diese Wand? Sondern: Was soll dieser Raum über uns erzählen?

Denn Räume kommunizieren, schon bevor das erste Wort gesprochen ist. Doch es ist mehr als die berühmte „only one chance for a first impression“.
Räume wirken auf Mitarbeitende, die sich täglich in ihnen bewegen, ebenso wie auf Bewerber:innen, die das erste Mal persönlich mit dem Unternehmen in Kontakt kommen. Sie wirkt auf Kunden und Gäste, mit denen über das Geschäft gesprochen wird. Sie bringen in jedem Fall ein Stück Unternehmenskultur zum Ausdruck – und diese ist hoffentlich Teil der Unternehmensidentität.
Genau hier kann gut kuratierte Kunst entscheidend dazu beitragen, den Anspruch und die Werte eines Unternehmens nicht nur sichtbar, sondern auch spürbar zu machen.
Alles nur Soft Facts?
Ich könnte zahlreiche Anekdoten rund um Kunst erzählen, bei uns ebenso wie bei unseren Kunden. Von internen Büroübersiedlungen, bei denen die Mitarbeitenden um liebgewonnene Werke ringen. Oder von einer Bekannten, die aufgrund der großartigen Kunst eine ganz dringende Hotelempfehlung ausgesprochen hat – jener Kunst, die wir selbst dort erst kürzlich platziert haben.
Doch Geschichten beginnen dort, wo Fakten enden. Und für die Wirkung von Kunst gibt es eine Reihe harter Fakten und internationaler Untersuchungen, die belegen, dass Kunst am Arbeitsplatz Inspiration und Kreativität fördert, Stress reduziert, die Kommunikation fördert, die Mitarbeiterbindung stärkt sowie Marke, Image und Reputation stärkt.
Ich glaube, gerade wir Familienunternehmer stehen vor der besonderen Herausforderung, eine über Jahrzehnte gewachsene Tradition von Werten und Haltungen über Generationen hinweg in die Zukunft zu tragen. Eine nicht verhandelbare Identität und Haltung bilden dabei neben der Wirtschaftlichkeit die Grundlage unseres Handelns. Um diese spürbar zu machen, ist Kunst keine zwingende Voraussetzung, kann aber einen enormen Beitrag leisten.
Noch etwas …
Heute braucht es weder Mäzenatentum noch große Budgets. Von jungen Künstlern, die gerade ihr Studium abschließen, bis hin zur steueroptimierten Miete von Kunst etablierter Künstler gibt es heute Lösungen für jeden Anspruch.
Und genau das macht es für mich so spannend:
Wie können wir diese Möglichkeiten nutzen, um Haltung, Identität und Persönlichkeit sichtbar zu machen? Und vielleicht auch, um mehr Gespräche, mehr Offenheit und echtes Interesse aneinander entstehen zu lassen …
Autor: Ursula Simacek
