Gerhard Weiner studierte an der Universität Wien und promovierte in Sozial- und Wirtschaftswissenschaften. Er leitet seit 2019 die Plattform für nachhaltige Beschaffung – die Servicestelle des naBe-Aktionsplans – als Fachbereich in der Bundesbeschaffung GmbH (BBG). Davor war er acht Jahre in der Geschäftsführung eines außeruniversitären Forschungsverbandes tätig.
Als Leiter der Plattform für nachhaltige Beschaffung verfolgt Gerhard Weiner eine klare Vision: öffentliche Mittel sollen als Hebel für ökologische und soziale Transformation wirken, ohne dabei Effizienz und Praktikabilität aus dem Blick zu verlieren. Seine Arbeit ist geprägt von dem Versuch, scheinbare Gegensätze – Wirtschaftlichkeit und Nachhaltigkeit, Innovation und Verlässlichkeit – produktiv aufzulösen.
Im Interview erklärt er, unter anderem, warum eine nachhaltige Beschaffung sogar günstiger sein kann und warum das in Unternehmen bisher oft übersehen wurde.
Herr Weiner, aktuell folgt Krise auf Krise: Steht nachhaltige Beschaffung derzeit im Schatten kurzfristiger Krisenbewältigung – oder ist sie gerade jetzt wichtiger denn je?
Gerade in der aktuellen Situation kommt der nachhaltigen Beschaffung eine größere Bedeutung zu denn je. Wenn wir uns zunächst den Begriff Nachhaltigkeit vor Augen führen, haben wir drei wesentliche Dimensionen: die ökologische, die soziale und die ökonomische. Alle drei sind zu würdigen.
Gerade bei großen Ausschreibungen gibt es aber oft Zielkonflikte: Die öffentliche Beschaffung muss Steuergeld möglichst effizient einsetzen und steht dabei unter hohem Erwartungs- beziehungsweise Spardruck – durch Herausforderungen wie steigende Energiepreise, Lieferprobleme und technologische Engpässe.
Nachhaltige Beschaffung sollte gerade jetzt ins Zentrum rücken, denn sie ist ein entscheidender Hebel für klima-ökonomische Weichenstellungen.
Kurz erklärt: Was bedeutet nachhaltige Beschaffung in der Praxis eines Unternehmens?
Nachhaltige Beschaffung ist die Beschaffung umweltfreundlicher Produkte und Dienstleistungen, die gleichzeitig sparsam, wirtschaftlich und zweckmäßig sind und bei deren Herstellung soziale Standards eingehalten werden.

Heißt das, dass nachhaltige Beschaffung nicht nur ökologische Aspekte berücksichtigt, sondern ebenso soziale Verantwortung und wirtschaftliche Tragfähigkeit einbezieht?
Genau. Hinzu kommt die regionale Komponente: Kurze Lieferketten sind meist nachhaltiger, doch im europäischen Binnenmarkt können regionale Anbieter durch das Vergaberecht nicht einfach bevorzugt werden. Daher steuert die öffentliche Beschaffung dies gezielt über Qualitätskriterien und Vertragsbedingungen.
Und ganz wichtig: Der Beschaffungsprozess beginnt eigentlich schon viel früher. Nämlich bei der Frage des Bedarfsmanagements. Also: Brauche ich das überhaupt? Wie viel brauche ich? Gibt es Alternativen im Sinne der Kreislaufwirtschaft, etwa längere Nutzung oder Wiederverwendung? Das sind zentrale Fragen, die oft unterschätzt werden.
Wie lässt sich nachhaltige Beschaffung mit wirtschaftlichem Handeln in Einklang bringen – geht das überhaupt?
Ja, unbedingt. Und da sind zwei Begriffe ganz wesentlich: die Lebenszykluskosten und die Betrachtung der Gesamtkosten.
Wir müssen weg von der reinen Betrachtung des Anschaffungspreises. Stattdessen sollte man sich anschauen, welche Kosten über die gesamte Nutzungsdauer entstehen – also Betriebskosten, Wartungskosten, Energiekosten und auch die Lebensdauer eines Produkts.
Gerade bei Elektrogeräten sieht man das sehr gut: Ein Gerät mit höherer Energieeffizienz ist in der Anschaffung teurer, aber durch geringere Energiekosten und eine längere Lebensdauer amortisiert sich diese Investition relativ schnell.
Darüber hinaus gibt es auch die Möglichkeit, externe Effekte einzubeziehen, etwa über sogenannte CO₂-Schattenpreise. Dabei werden Umweltauswirkungen über den gesamten Lebenszyklus betrachtet: von der Produktion über den Transport und die Nutzung bis hin zur Entsorgung. Hier wird es komplexer und es geht nicht nur um den Einkauf, sondern um das umfassende Management von Bedarfen, Alternativen und Lebenszyklen von Produkten. Es gibt dafür schon Tools, aber sie werden ob ihrer Komplexität noch nicht flächendeckend angewendet.
Der Anschaffungspreis erzählt also nicht die ganze Geschichte?
Ja. Wer ausschließlich auf den Einstandspreis blickt, erhält ein unvollständiges Bild. Betrachtet man die Lebenszykluskosten, schaut es oft ganz anders aus: Ein Produkt mit höherer Qualität oder höherer Energieeffizienz kann über die Zeit günstiger sein, weil es länger hält oder geringere Betriebskosten verursacht.
Die Kostentreiber sind dabei die Produktion und die Nutzung. Produktion ist aufgrund fehlender Daten aus der Lieferkette oft schwierig zu bewerten. Hier warten wir noch auf die Umweltdatenblätter über die Ökodesign-Verordnung der EU. Diese werden das sukzessive in den Warengruppen vorschreiben.
Wenn nachhaltige Beschaffung tatsächlich wirtschaftliche Vorteile bietet, warum setzt sie sich dann noch nicht konsequenter durch?
Ein Problem, das wir in der Praxis sehen, sind unternehmensinterne Strukturen: Die Abteilung, die einkauft, trägt in ihrer Kostenstelle die höheren Anschaffungskosten, während eine andere Abteilung von den daraus resultierenden Einsparungen – etwa bei Energie – profitiert. Das führt dazu, dass nachhaltige Entscheidungen manchmal nicht getroffen werden, obwohl sie gesamtwirtschaftlich sinnvoller wären.

Um nachhaltige Beschaffung wirtschaftlich sinnvoll umzusetzen, braucht es einen umfassenden Blick auf das Ganze und klare Steuerungsprozesse innerhalb der Organisation. Werden diese Aspekte berücksichtigt, wird deutlich: Nachhaltige Beschaffung ist nicht zwangsläufig mit höheren Kosten verbunden. Sie erfordert aber ein Umdenken, weg vom kurzfristigen Preis hin zu einer langfristigen, ganzheitlichen Betrachtung.
Wird der Hebel der Beschaffung in Unternehmen also unterschätzt?
Ja, der Einfluss der Beschaffung wird oft unterschätzt – besonders bei Nachhaltigkeit. Es ist stark branchenabhängig, aber Schätzungen zeigen, dass bis zu zwei Drittel der Emissionen über die Beschaffung ins Unternehmen kommen, wenn die gesamte Lieferkette (Scope 3) betrachtet wird.
Ein noch recht unerschlossenes Feld sind auch Dienstleistungsausschreibungen, in das aber jährlich Milliarden investiert werden. Hier wird oft irrtümlich angenommen, dass es nur wenige strategische Hebel gibt, was aber nicht richtig ist. Erst jüngst hat ein Studienbericht aus Deutschland aufgezeigt, wie vielfältig auch hier die Möglichkeiten sind.
Wie unterstützt ihr mit der naBe-Plattform bei der nachhaltigen Beschaffung?
Die naBe‑Plattform versteht sich als zentrale Servicestelle, die nachhaltige Beschaffung in die Umsetzung bringt und gezielt in konkrete Ausschreibungen integriert.
Wir unterstützen vor allem über praxisnahe Kriterienkataloge, die entlang von 16 Produktgruppen aufgebaut sind. Darin enthalten sind konkrete Beispiele zu Vorgaben für Eignungskriterien, technischen Spezifikationen, Zuschlagskriterien und Vertragsbedingungen, die man direkt in Ausschreibungen übernehmen kann. Unser Ziel ist es, Orientierung zu geben und gleichzeitig die Umsetzung zu erleichtern.
Ein weiterer wichtiger Baustein ist die Einbettung dieser Kriterien im Rahmen des öffentlichen Vergaberechts. Wir zeigen auf, wie nachhaltige Anforderungen rechtssicher formuliert und angewendet werden können – also im Einklang mit Grundsätzen wie Transparenz, Gleichbehandlung und Wettbewerb.
Dafür arbeiten wir eng mit den ausschreibenden Stellen und vielen weiteren Stakeholdern zusammen, etwa mit Interessenvertretungen oder dem Umweltbundesamt. Nachhaltige Beschaffung ist ein komplexes System – ein Zusammenspiel aus rechtlichen, wirtschaftlichen und ökologischen Anforderungen, das Abstimmung und Zusammenarbeit erfordert.
Auch das Climate Lab wird zu dem Thema gerade aktiv und startet eine Initiative, um Kooperationen und unternehmensübergreifende Umsetzung auf den Weg zu bringen. Ist das jetzt der richtige Zeitpunkt?
Gerade jetzt ist ein guter Zeitpunkt, weil sich im Bereich nachhaltige Beschaffung sehr viel bewegt. Es gibt viele regulatorische Entwicklungen, steigende Anforderungen und gleichzeitig viele offene Fragen.
Das bedeutet aber auch: Es gibt noch Gestaltungsspielraum und die Chance, die Zukunft aktiv mitzugestalten. Man muss nur einmal ins Tun kommen! Dabei unterstützt die naBe-Plattform gerne.
