Hilfe zur Selbsthilfe für den "Patient Wirtschaft" Rainer Will HV

© Stephan Doleschal

Rainer Will, Geschäftsführer Handelsverband

06.12.2021 | 2 min

Hilfe zur Selbsthilfe für den „Patient Wirtschaft“

"Wir lernen aus der Geschichte, dass wir überhaupt nichts lernen" – selten war dieses Zitat von Hegel so treffend wie jetzt in der Corona-Krise.

Zwei Jahre nach Ausbruch der Pandemie fällt uns immer noch keine bessere Maßnahme zur Senkung der Infektionszahlen ein als der harte Lockdown. Dabei ist dieses Instrument längst stumpf geworden, wie alle Analysen unserer Mobilitätsdaten zeigen. Aktuelle Studien belegen zudem klar, dass der Handel bei der Verbreitung von COVID-19 keine Rolle spielt. Nur 0,1% (AGES) bis maximal 1% (Contact-Tracing-App „Luca“ in Deutschland) aller Fälle lassen sich vom Einkaufen ableiten. Der Blick zurück und die Berücksichtigung wissenschaftlicher Erkenntnisse wären also wesentlich, um künftige Fehler dieser Form nicht zu wiederholen.

Der österreichische Handel hat in der Virusbekämpfung stets als Partner der Bundesregierung agiert, mit dem betrieblichen Impfen die Krisenfestigkeit erhöht und seine Infrastruktur für PCR-Testungen zur Verfügung gestellt. Während Teile der Bundesregierung die Corona-Pandemie im Sommer für beendet erklärt hatten, initiierte der Handelsverband mit seinen Mitgliedern eine bundesweite Impf-Kampagne sowie eine eigene Impf-Lotterie. Diese ist Ende November als große „Weihnachts-Impflotterie des Handels“ in die zweite Runde gegangen.

57 Prozent aller Händler leiden an Existenzängsten

Eine HV-Studie hatte bereits im Juli 2021 das Potenzial von „Impf-Gutscheinen“ zur Steigerung der Durchimpfungsrate aufgezeigt: 300.000 zusätzliche Erststiche. Leider blieben sämtliche Appelle an die politischen Entscheidungsträger ungehört, bzw. wurden sie aus politischem Kalkül (Wahlen) oder mit dem Verweis „zu teuer“ in die Schublade gelegt. Stattdessen musste mitten im Weihnachtsgeschäft einmal mehr das teuerste Pandemiebekämpfungsinstrument überhaupt herhalten: ein harter Lockdown, der den Staat rund 2,5 Milliarden Euro kostet – pro Woche!

Die Folge? Der heimische Handel befindet sich aufgrund des harten Lockdowns in existenzieller Not. 57% aller Handelsbetriebe leiden an Existenzängsten, ein Viertel kann eingehende Rechnungen nicht mehr vollständig bedienen, ein Drittel muss Personal reduzieren. Die jüngst bekannt gewordenen Details zum neuen Ausfallsbonus III werden das Leid des „Patienten Wirtschaft“ nur geringfügig lindern. Einzel- und Großhändler mit einem Umsatzverlust von mehr als 30% im November und Dezember 2021 (im Vergleich zum Betrachtungszeitraum 2019) erhalten lediglich 10% bis 20% der Umsatzausfälle ersetzt. Zudem ist der Ausfallsbonus III mit max. 80.000 Euro gedeckelt.

Nur jedes siebte Handelsunternehmen ist mit der Abwicklung der Corona-Staatshilfen zufrieden.

© PantherMedia/stadtratte

Ausfallsbonus: Filialwachstum seit 2019 bleibt bei Berechnungen völlig unberücksichtigt

Nur jedes siebte Handelsunternehmen ist mit der Abwicklung der Corona-Staatshilfen zufrieden. Viele haben das Gefühl, auf der Strecke zu bleiben und in Bürokratie zu versinken. Umso schlimmer ist die nunmehrige Gewissheit, dass die Bundesregierung die milliardenschweren Verluste unserer Branche nur mit 10 bis 20 Prozent abdecken wird.

Weder berücksichtigt man den Umstand, dass manche Unternehmen seit 2019 gewachsen sind und daher automatisch auch höhere Umsätze erwirtschaften, noch wird dem Faktum Rechnung getragen, dass große Unternehmen mit einem 80.000 Euro-Deckel keinesfalls das Auslangen finden können, wenn sie jede Woche Millionen verlieren.

Verlustersatz kommt für Betriebe mit Liquiditätsengpässen zu spät

Der Verlustersatz als Hilfsinstrument kommt wiederum als Langfristhilfe erst Monate später auf die Konten der belasteten Unternehmen und wurde sogar eingeschränkt. Liquidität als größte Herausforderung in einer Zeit, in der sich die Effekte von zwei Jahren Pandemie mit jenen der aktuellen behördlichen Schließungen überlagern, wird nicht ausreichend berücksichtigt, selbst wenn zeitnahe Überweisungen des Ausfallsbonus stattfinden sollen. Dafür sind die vorgesehenen Prozenthöhen viel zu gering bemessen.

Der Handelsverband hatte sich in unzähligen Gesprächen mit den politischen Entscheidungsträgern bis zuletzt vehement für eine treffsichere Ausgestaltung der Hilfe eingesetzt, doch leider wurde am bisherigen Aufbau des Ausfallsbonus rigoros festgehalten. Einzig unsere Empfehlung zur Senkung der Eintrittsschwelle wurde zumindest teilweise gehört (von 40% auf 30%, besser wäre noch 20% gewesen). Diese wirkt jedoch nur für jene Unternehmen, die seit 2019 nicht gewachsen sind. Alle anderen schauen durch die Finger.

Der Tenor in der Handelsbranche ist eindeutig: „Sperrt nicht eine ganze Branche zu, die kein Corona-Hotspot ist, wenn ihr nicht in der Lage seid, die Umsatzausfälle korrekt auszugleichen.“