„China + 1“: Indien ist China auf den Fersen

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Nick Payne, Head of Strategy, Global Emerging Markets bei Jupiter Asset Management

21.10.2022 | 3 min

„China + 1“: Indien ist China auf den Fersen 

Chinas Dominanz als bevorzugtes Produktionszentrum der Welt könnte zu Ende gehen …

Das liegt laut Nick Payne, leitender Investmentmanager des Jupiter Global Emerging Markets Funds-Teams, daran, dass politische und wirtschaftliche Veränderungen das Gleichgewicht nach Indien und somit in Richtung des westlich von China gelegenen großen Rivalen verlagern.  

Die Ereignisse der COVID-19-Pandemie haben die Risiken langer und fragiler Lieferketten und des Just-in-Time-Ansatzes für die Fertigung aufgedeckt. Im Mittelpunkt dieser Strategie stand Chinas Dominanz als Produktionszentrum der Welt. Pekings anhaltende drakonische Lockdowns wirken sich weiterhin auf diese Lieferketten aus, sodass der Ruf nach einer Alternative schnell Befürworter gefunden hat. Indien ist der Schlüsselkandidat, um diese Rolle zu übernehmen. Der dementsprechende Ansatz wird als „China + 1“ bezeichnet.  

Indiens Aufstieg 

In gewisser Weise schien der Umschwung von Kapital und Investitionen von China nach Indien vorprogrammiert. Seit der Trump-Ära sind der chinesische und amerikanische Nationalismus und das damit verbundene Säbelrasseln lauter geworden. Dies wurde auch durch die akuten geopolitischen Ereignisse dieses Jahres – konkret durch den Ukraine-Krieg und chinesische Militärübungen rund um Taiwan – verstärkt. Apropos Indien: Als Demokratie hat sich die Anziehungskraft des Landes in Bezug auf die zunehmend autoritäre Haltung seines östlichen Nachbarn, zu der es aufgrund von Grenzstreitigkeiten bereits ein angespanntes Verhältnis hat, vergrößert. Darüber hinaus machen Indiens Wissensbasis und demografische Vorteile es zur wichtigsten Alternative zu China.  

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Vor dem Hintergrund geopolitischer Spannungen waren alternative Lieferketten, insbesondere im Zusammenspiel mit „befreundeten“ Nationen, für westliche Unternehmen noch nie so wichtig wie heute. Tatsächlich haben sie bereits begonnen, in Indien zu investieren: Apple zum Beispiel hat kürzlich angekündigt, dass es das iPhone 14 in Indien herstellen wird, mit der Absicht, bis 2025 25% seiner Geräte außerhalb Chinas zu produzieren. Indien hat auch produzierende Unternehmen umworben, damit sich diese im Land niederlassen. Die indische Regierung hat öffentlich ihren Wunsch bekundet, die Wertschöpfungskette des verarbeitenden Gewerbes zu beschleunigen, wobei Anreize für Hersteller auf dem Tisch liegen, damit diese Produktionsstätten einrichten. 

Chinas Autarkiebestreben 

In Bezug auf China erwarten wir, dass die Behörden den Nationalismus befeuern werden, während Präsident Xi versucht, durch seine wahrscheinliche dritte Amtszeit an der Macht zu bleiben. Um diese zu unterstützen, wurden bereits erhebliche Ressourcen bereitgestellt. Mehr als 150 Milliarden US-Dollar wurden beispielsweise bereits für die Beschleunigung der chinesischen Chipindustrie ausgegeben, während der 14. „Fünfjahresplan“ von 2021 die vier Säulen Chinas für mehr Selbstversorgung detailliert darlegt. Darüber hinaus ist sich das chinesische Regime sehr wohl bewusst, dass die Bewaffnung des US-Dollars durch das US-Sanktionsregime China dem Risiko aussetzt, von internationalen Zahlungen ausgeschlossen zu werden. Für ein Land, das fast 75% seiner Forderungen in US-Dollar in Rechnung stellt, sind die Aussichten beängstigend. 

Da sich China nach innen wendet, hat sich Indien mit Begeisterung auf die Gelegenheit von „China + 1“ gestürzt und die Kampagne „Make in India“ angekündigt, um Investitionen anzuziehen. Beispielsweise haben die Anreize in Höhe von 10 Milliarden US-Dollar für die Chipherstellung das Interesse von Unternehmen von Singapur bis Israel geweckt. Indiens deutliche geopolitische Vorteile werden immer wichtiger. Je länger Chinas Lockdowns andauern und je mehr Investitionen in Indien getätigt werden, desto wahrscheinlicher wird das Land langfristig profitieren. 

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Es ist schon einmal passiert 

Wir haben auch in der Vergangenheit Verschiebungen in der globalen Fertigungsbasis gesehen. Erstens mit Japan, als es in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu einem wahren Produktionskraftwerk wurde, und in jüngerer Zeit mit dem Aufstieg der asiatischen Tigervolkswirtschaften von Singapur, Taiwan und Südkorea. Während Kostentreiber wahrscheinlich häufiger waren, wurden Übergänge weg von diesen Hubs ohne viel Aufhebens durchgeführt. Kein Land war jedoch so zentral für die globale Produktion wie China. 

Der Übergang der Aktivitäten nach Indien könnte tatsächlich bedeuten, dass die Welt für eine gewisse Zeit mit Indien und China zwei wichtige Produktionszentren unterhält und „China + 1“ Realität wird. Ungeachtet erheblicher Veränderungen im globalen Regime diktiert die derzeitige Ökonomie der Globalisierung, dass sich letztendlich der billigste Produktionsstandort, in diesem Fall Indien, durchsetzen sollte. Die kommenden demografischen Verschiebungen in Indien – eine junge, urbanisierende und aufwärtsstrebende indische Bevölkerung steht der älteren, urbanisierten Bevölkerung Chinas mit einer entwickelten Mittelschicht gegenüber – unterstützen ebenfalls eine unvermeidliche Verschiebung zugunsten Indiens. 

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