Geld am Sparbuch: Wertverlust so hoch wie seit 50 Jahren nicht

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Michael Posselt, Obmann der Fachgruppe der Finanzdienstleister in der Tiroler Wirtschaftskammer

03.11.2022 | 3 min

Geld am Sparbuch: Wertverlust so hoch wie seit 50 Jahren nicht 

Sparer:innen sollten sich von steigenden Zinsen nicht täuschen lassen. Der reale Wertverlust am Sparbuch ist aufgrund der hohen Inflation so hoch wie schon lange nicht mehr.

An niedrige Zinsen und reale Geldentwertung haben sich die Österreicher:innen schon gewöhnt. Seit 2011 verlieren sie durch sinkende Zinsen Geld bei festverzinsten Spareinlagen. Doch 2022 wird zum „annus horribilis“, denn angesichts der rasant gestiegenen Inflation zeichnet sich trotz steigender Zinsen das schlimmste Jahr seit 50 Jahren ab.  

Hoher Wertverlust am Sparbuch  

Seit 2009 verlieren Sparbucheinlagen konstant an Wert. Schuld an dieser Entwicklung ist ein gefährlicher Mix aus Mikrozinsen, steigender Inflation und Kapitalertragsteuern auf die ohnehin bescheidenen Zinserträge. Für Österreicher:innen ist das tendenziell besonders schmerzlich, weil sie Milliarden auf ihren scheinbar so sicheren Sparbüchern bunkern.  

Drastische Ausmaße nimmt der Wertverlust am Sparbuch seit Ende 2020 an. Lag der reale Wertverlust auf österreichischen Spareinlagen mit zwei Jahren Laufzeit bei 200.000 Millionen Euro, beträgt dieser für gebundene Sparbücher insgesamt 2,3 Milliarden Euro pro Jahr. Schuld daran ist die zuletzt massiv aus den Fugen geratene Inflation. Je höher die Inflationsrate, umso geringer ist der reale Zinsertrag am Sparbuch. Im März dieses Jahres lag dieser schon bei minus 6,7%, mittlerweile kratzt der reale Wertverlust schon an der 10-%-Marke.  

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Nach dem starken Anstieg der Inflation dürfte es aber wohl noch schlimmer kommen. Das Wirtschaftsforschungsinstitut Wifo schätzt, dass die realen Zinsen im Jahr 2022 bei minus 2,8% zu liegen kommen werden. Das Ersparte wird damit am Ende des Jahres um fast 3% weniger wert sein. Chancen auf eine Trendwende sind jedenfalls trotz der bisher erfolgten Zinsschritte nicht in Sicht, wenngleich das Wifo seine Inflationsprognose für 2023 von 4,0 auf 3,1% gesenkt hat.  

Börse als Ausweg  

„Die Österreicher:innen sparen nach wie vor viel“, so Michael Posselt, Fachgruppenobmann in der Wirtschaftskammer Tirol, „aber leider nicht in der richtigen Form.“ Denn sie investieren ihr Geld nicht an der Börse – das bedeutet, nicht vorwiegend in Unternehmen. Gerade in Zeiten wie diesen eine Entscheidung, die das Ersparte in wenigen Jahren in jedem Fall um vieles weniger wert macht. Auch wenn Sparbücher auf den ersten Blick als die sichere Finanzlösung erscheinen, sind sie eine schlechte Option, weil der Wertverlust klar ersichtlich ist, so Posselt. An der Börse dagegen sind gerade auf lange Sicht betrachtet die Chancen auf Gewinne hoch. So legte der breite US-Aktienindex S&P 500 trotz zahlreicher Krisen, Rezessionen und Kriege seit 1970 um 23.700% zu.  

„Die Kapitalmarktstruktur in Österreich ist unterentwickelt, das muss sich ändern, sonst bleibt am Ende für die Sparer nicht viel übrig“, so Posselt. Dabei können auch Kleinsparer vom Kapitalmarkt profitieren und am langfristigen Wachstum der Wirtschaft und dem Erfolg der Unternehmen teilhaben.  

Finanzbildung wichtig  

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Um an der Börse richtig zu investieren, ist eine entsprechende Finanzbildung wichtig. Im Rahmen von freiwilligen Lehrveranstaltungen stellen die Tiroler Finanzdienstleister – insbesondere jungen Menschen und Schüler:innen – ihr kompetentes Know-how zur Verfügung. Dabei geht es nicht nur um profundes Wissen zu Aktien und Börse, sondern auch um scheinbar banale Finanzangelegenheiten wie Ratenkäufe via Handyvertrag, Mieten versus Kaufen oder richtiges Investieren in Kryptowährungen .  

Fondssparpläne als guter Anfang  

Wer raus aus der Zinsfalle und erste Schritte an der Börse wagen möchte, tut das am einfachsten und mit überschaubarem Risiko in Form von Fondssparplänen. Investmentfonds oder auch ETFs (börsengehandelte Fonds oder Indizes) bündeln mehrere Wertpapiere (Aktien oder auch Anleihen) und streuen dadurch das Risiko von Ausfällen einzelner Unternehmen. Mit einem Fondssparplan können Anleger nicht nur von einer möglichen Wertsteigerung, sondern auch vom so genannten Zinseszinseffekt profitieren. Ein weiterer – nicht zu unterschätzender – Vorteil: Bei niedrigen oder fallenden Kursen können zum gleichen Preis mehr Fondsanteile erworben werden. So werden die Kursentwicklungen automatisch geglättet und gerade in Krisenzeiten die Basis für zukünftige Renditen gelegt. Anleger sind schon ab relativ kleinen Summen (25-50 Euro pro Monat oder Quartal) dabei; die Sparrate kann jederzeit geändert oder auch ausgesetzt oder gestoppt werden. Ein Verkauf der Anteile zum Börsenkurs ist ebenfalls jederzeit möglich.  

Jenen, die bisher noch keine Erfahrung mit der Börse haben, empfiehlt sich ein Einstieg in einen weltweit streuenden Aktienfonds, ETF oder – je nach Risikoneigung – einen Mischfonds. Neben der jährlichen Rendite der vergangenen Jahre ist es ratsam dabei auch auf die Risikokennzahlen zu achten, etwa wie viel der Fonds in den verschiedenen Zeiträumen verloren hat (maximaler Wertverlust/Maximum Drawdown) bzw. wie stark die Schwankungen (Volatilität) war. Zahlreiche Informationen finden sich dazu auf Homepages diverser Banken und Kapitalanlagegesellschaften, teils sind diese jedoch schwer verständlich. Wer noch keine Erfahrung mit Fondssparen und dem Kapitalmarkt hat, findet kompetente Beratung bei einem Finanzdienstleistern.