„Es ist ein Wettlauf um die Gunst der Anleger:innen entstanden, Staaten und Technologieunternehmen konkurrieren jetzt um dieselben Kapitalgeber. Die Staaten benötigen Geld für steigende Ausgaben, die Technologiekonzerne für Rechenzentren und KI“, konstatiert Nils Kottke, Mitglied des Vorstandes im Bankhaus Spängler.
„Anleihen bieten heute wieder attraktive Renditen und Einstiegsniveaus“, ergänzt Markus Dürnberger, Bereichsleiter Asset Management im Bankhaus Spängler.
Die beiden Experten erörtern, wo Anleger:innen Chancen finden, aber auch welche Risiken sie beachten sollten.
Sorge vor dem Winter
Brent-Öl fordert die 100 US-Dollar je Barrel heraus und hat sich seit Anfang Juli um über 40 Prozent verteuert. Der europäische Gaspreis stieg im September auf über 80 Euro je Megawattstunde, den höchsten Stand seit dem Jahreswechsel 2022/23. Zudem sind die Gasspeicher in Europa vor Beginn der Heizsaison nur zu 72 Prozent gefüllt.
„Sollte der Winter kalt werden, muss Gas zu noch höheren Preisen eingekauft werden. Sonst droht eine Mangellage“, warnt Nils Kottke.
Die hohen Gaspreise wirken sich auch auf die Strompreise aus. In Österreich lag der Strom-Grundlastpreis Anfang September zeitweise über 200 Euro je Megawattstunde – ein Plus von fast 50 Prozent allein im letzten Quartal.
Zentralbanken unter Druck
Die Inflation in der Eurozone stieg im September auf 3,8 Prozent, den höchsten Wert seit drei Jahren.

„Solange die Energiepreise nicht drehen, bleiben sie bis ins nächste Jahr einer der stärksten Inflationstreiber“, unterstreicht Markus Dürnberger.
Die EZB hob die Zinsen im Juni und im September um je 0,25 Prozentpunkte auf 2,5 Prozent an. Am Markt wird erwartet, dass die Zinsen noch weiter steigen und der EZB-Zins in einem Jahr über 3,3 Prozent liegen wird. Kredite werden damit teurer. Auch die US-Notenbank Fed erhöhte im September ihre Leitzinsen auf rund vier Prozent.
„Die Notenbanken müssen aber sehr aufpassen. Mit weiteren Zinserhöhungen laufen sie Gefahr, die Wirtschaft abzubremsen“, mahnt Nils Kottke.
Konjunktur und KI-Effekt
Die Eurozone scheint aber trotz des Iran-Kriegs die Talsohle durchschritten zu haben. Das für heuer erwartete Wachstum von 0,9 Prozent könnte zu niedrig sein.

Die US-Wirtschaft dürfte dank KI-Investitionen und Konsumlaune in diesem und im nächsten Jahr um über zwei Prozent wachsen. Für 2027 bestehen wegen Inflation und höherer Zinsen jedoch Abwärtsrisiken. Wie stark KI die Wirtschaft antreibt, ist umstritten: Goldman Sachs rechnet im offensiven Szenario mit einem Produktivitätsplus von 1,5 Prozent pro Jahr, das Congressional Budget Office (CBO) nur mit 0,1 Prozent. Letztere Prognose stammt aus diesem Jahr, die anderen Schätzungen, darunter jene von Goldman Sachs, sind zwei bis drei Jahre alt.
„Es hat also den Anschein, dass frühere Prognosen eher zu optimistisch ausgefallen sind“, analysiert Nils Kottke.
Aktien und Anleihen
In Euro gerechnet haben europäische Aktien heuer um über sieben Prozent zugelegt, US-Aktien zweistellig und japanische sogar um fast 37 Prozent. Chinesische Titel verbuchten dagegen Verluste. Zuletzt sind Anleger:innen vorsichtiger geworden. Hohe Energiepreise wirken wie eine zusätzliche Steuer für Unternehmen und Verbraucher:innen.
Die Bewertungen sprechen dagegen eher für einen fortgesetzten Aufwärtstrend:

„Schauen wir nur auf das erwartete Kurs-Gewinn-Verhältnis, sind Aktien derzeit gar nicht so teuer. Allerdings könnten die Schwankungen größer werden, Rücksetzer sind alles andere als unwahrscheinlich“, veranschaulicht Nils Kottke.
In Deutschland stieg die Rendite zweijähriger Bundesanleihen im September auf über 3,3 Prozent, den höchsten Stand seit drei Jahren, jene zehnjähriger auf fast 3,6 Prozent, so hoch wie zuletzt im Juni 2009.

In den USA übersprang die Zehnjahresrendite die Marke von fünf Prozent. Die höheren Renditen haben zu Kursverlusten bei Anleihen geführt, bieten Anleger:innen aber wieder attraktive Einstiegsniveaus. Laut der Experten könnte sich der Wettlauf um Kapital noch beschleunigen, denn die Staatsverschuldung nimmt zu und die KI-Investitionen sollen deutlich ausgeweitet werden. Hohe Zinsen bergen zugleich Risiken für Unternehmen, Immobilienmarkt, Staatshaushalte und Aktienmärkte.
„Daher haben wir aktuell ein besonders wachsames Auge auf den Gesamtmarkt“, so Nils Kottke.
Ausblick
Die Experten des Bankhauses Spängler gehen von einem moderaten Wirtschaftswachstum, einer in Europa nur vorübergehend erhöhten Inflation, weiteren Zinserhöhungen und moderat steigenden Unternehmensgewinnen aus.
„Die größten Risiken sehen wir in der (Geo-)Politik, einer länger erhöhten Inflation und Zinsen, hohen und weiter steigenden Staatsschulden, einer unberechenbarer agierenden Fed sowie ambitionierten Bewertungen im Technologiebereich. Chancen bieten ein echtes Ende des Iran-Krieges, eine Entspannung im Ukraine-Krieg, sinkende Energiekosten und Produktivitätsgewinne durch KI“, fasst Markus Dürnberger zusammen.
