Christoph Neumayer: Ohne Kapitalmarkt keine Weltmarktführer

Österreich kann Ideen. Was fehlt, ist das Kapital, sie zu Ende zu denken – bei jungen wie etablierten Betrieben.
© IV/Michalski
Christoph Neumayer: Ohne Kapitalmarkt keine Weltmarktführer
Christoph Neumayer, Generalsekretär der Industriellenvereinigung (IV)

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Es ist ein Dilemma, das wir schon lange erleben: Europa hat Ideen, Österreich nicht weniger. An Universitäten, in Forschungszentren, in Werkshallen entstehen Technologien, die weltweit gefragt sind.

Das Problem beginnt, wenn daraus etwas Großes werden soll: Dann fehlt das nötige Kapital, und mit ihm die Chance, den Erfolg dort zu behalten, wo er entstanden ist. Das ist kein Start-up-Problem. Es ist ein Standortproblem, und es betrifft ein etabliertes Industrieunternehmen, das seine nächste Produktionslinie automatisieren will, genauso wie ein zwei Jahre altes Tech-Unternehmen mit den ersten zahlenden Kunden.

Beide brauchen Kapital, das über den klassischen Bankkredit hinausgeht. Beide treffen in Österreich auf einen Kapitalmarkt, der gut, aber dafür im Vergleich zu dünn ist.

Eine kleine, offene, exportstarke Volkswirtschaft hat keine Wahl zwischen Innovation und Stillstand. Der Heimmarkt ist zu klein für ein eigenes Wachstumsmodell, Wohlstand entsteht hier über den Verkauf im Ausland. Sobald ein Wettbewerber billiger, schneller oder digitaler produziert, ist die Antwort nicht Kostensenkung, sondern die nächste technologische Stufe. Und Innovation in diesem Sinn ist nicht nur die Gründung, sondern auch die Investition eines siebzig Jahre alten Maschinenbauers in eine neue Fertigungstechnologie oder der Sprung eines Mittelständlers vom nationalen Nischenanbieter zum europäischen Marktführer.

Christoph Neumayer Ohne Kapitalmarkt keine Weltmarktführer
© smarterpix / fotosedrik

All das bindet Kapital über Jahre und trägt Risiko, das eine Bankbilanz nicht tragen will. Wer nur über Wagniskapital für Start-ups spricht, greift zu kurz. Die Lücke liegt in der Wachstums- und Transformationsfinanzierung quer durch alle Unternehmensgrößen.

Was es zusätzlich braucht …

Der geplante Scale-up-Dachfonds, der sich auch in der Industriestrategie findet, setzt an der richtigen Stelle an: öffentliches Geld bündelt privates Kapital und fließt in professionelle Wachstumsfonds, die Eigenkapital statt Kredit bereitstellen. Er kann mehr sein als das nächste Förderinstrument – wenn Investitionsentscheidungen unabhängige Profis treffen und nicht Interessenvertretungen im Streit um Anteile.

Ein Dachfonds allein löst das Standortproblem aber nicht. Hierfür braucht es mehr:

  • Eine Behaltefrist in der Kapitalertragsteuer. Wer Aktien oder Fondsanteile über mehrere Jahre hält, sollte den Kursgewinn am Ende steuerfrei stellen können. Das lenkt Kapital dorthin, wo es Unternehmen wirklich beim Wachsen hilft, statt es in kurzfristigen Umschichtungen zu binden.

  • Mehr Aktien in Pensionskassen und Abfertigungskassen. Österreichisches Vorsorgekapital ist reichlich vorhanden und wird traditionell zu vorsichtig veranlagt. Eine stärkere Aktienquote in der kapitalgedeckten Vorsorge brächte dieses Geld näher an heimische Wachstumsunternehmen.

  • Steuerlich attraktivere Mitarbeiterkapitalbeteiligung. Sie bindet Beschäftigte am Erfolg ihres Unternehmens und macht Eigenkapital zu einer Quelle, die nicht nur institutionelle Anleger kennen.

  • Tempo bei der europäischen Kapitalmarktunion. Ein fragmentierter EU-Kapitalmarkt schadet gerade kleinen, offenen Volkswirtschaften am meisten, weil sie am stärksten auf grenzüberschreitendes Kapital angewiesen sind.

Ohne einen stärkeren Kapitalmarkt wird nachhaltiges Wirtschaftswachstum zunehmend schwieriger. Patente, Talente und gute Ideen entstehen weiterhin hier, doch Produktion, Gewinne und strategische Entscheidungen werden andernorts lukriert. Gerade für eine exportorientierte Volkswirtschaft braucht es einen Kapitalmarkt, der auch etablierten Unternehmen das nötige Eigenkapital für den nächsten großen Entwicklungsschritt zur Verfügung stellt.

Es ist die Voraussetzung dafür, dass das, was hier erfunden wird, auch hier groß werden darf.

Autor: Christoph Neumayer

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