Die Loyalität der Stromkunden in Österreich bröckelt: Laut der Simon-Kucher Energie-Studie steigt die Wechselwilligkeit auf ein neues Rekordhoch. Rund jeder Fünfte (19 Prozent) ist offen für einen Anbieterwechsel. Besonders hoch ist die Wechselabsicht bei Kundenbeziehungen unter zwei Jahren sowie bei Online-Anbietern und überregionalen Anbietern.
„Die Wechselbereitschaft in Österreich erreicht ein neues Niveau. Die Kundenbindung in der Energiebranche erodiert sichtbar“, berichtet Thomas Haller, Leiter des Bereichs Energie und Managing Director bei Simon-Kucher.
Schwindende Loyalität
Die Bereitschaft zum Anbieterwechsel bleibt insgesamt deutlich unter dem Niveau des deutschen Marktes (2025: 35 % „wahrscheinlich“), zeigt jedoch auch hier eine klare Aufwärtsentwicklung. Die Dynamik nimmt zu – wenn auch ausgehend von einem niedrigen Ausgangsniveau.
Auffällig ist, dass sich die Wechselneigung strukturell auf die frühen Phasen der Kundenbeziehung konzentriert. Erfolgt kein Abgang unmittelbar nach der Erstvertragslaufzeit, gilt die Bindung in der Regel als gefestigt.

Während kommunale und regional verankerte Anbieter tendenziell stabilere Kundenbestände aufweisen, sind Online- und überregional agierende Wettbewerber mit einer strukturell höheren Volatilität im Portfolio konfrontiert. Besonders hoch ist die Wechselabsicht bei Kundenbeziehungen unter zwei Jahren (34 Prozent) sowie bei Online-Anbietern (34 Prozent) und überregionalen Anbietern (31 Prozent).
Entsprechend sollten Retention- und Winback-Maßnahmen gezielt dort ansetzen, wo die Abwanderungswahrscheinlichkeit systematisch am höchsten ist.
„Kundenbindung im Strommarkt ist so fragil wie lange nicht. Die Energie-Loyalität bröckelt – und der Preis gibt den Ausschlag“, unterstreicht Malte Trukenmüller, Senior Director bei Simon-Kucher.
Preis als Hauptauslöser bei Anbieterwechsel
Der Markt erweist sich klar als preisgetrieben. Anbieterwechsel werden in erster Linie dann ausgelöst, wenn das bestehende Preisniveau nicht mehr überzeugt oder ein attraktiveres Wettbewerbsangebot wahrgenommen wird – nicht infolge von Qualitätsdefiziten oder Leistungsproblemen.

Der Preis fungiert somit als zentrales Vergleichs- und Steuerungskriterium. Hohe Transparenz und aktive Abwerbung senken die Toleranzschwelle gegenüber Preisabweichungen deutlich. Gleichzeitig bleibt ein Umzug ein strukturell relevantes „Wechselfenster“.
Entscheidend für den Erfolg ist daher weniger die isolierte Betrachtung des eigenen Preisniveaus als vielmehr eine aktive, wettbewerbsorientierte Preisstrategie, kombiniert mit gezielter Bearbeitung von Umzugssituationen. Werden diese Auslöser nicht systematisch adressiert, steigt das Abwanderungsrisiko strukturell an.

Laut der Simon-Kucher Energie-Studie reagiert die Mehrheit in Österreich (73 Prozent) tatsächlich bereits bei Preiserhöhungen von 5 bis 15 Prozent.
„Der Preis bleibt der zentrale Wechseltreiber. Deshalb sollten Versorger Preisanpassungen sehr sorgfältig gestalten, um unnötige Abwanderung zu vermeiden. Beim Pricing braucht es Feingefühl“, erklärt Michael Kässer, Partner bei Simon-Kucher.
Zweifel an der Versorgungssicherheit
Trotz grundsätzlich positiver Rückmeldungen vieler Kundinnen und Kunden bleibt ein zentraler Vorbehalt bestehen: Ein signifikanter Anteil – etwa jeder Fünfte (18 Prozent) – hegt nur begrenztes Vertrauen in eine künftig störungsfreie Stromversorgung.

Dieser Wert liegt deutlich über dem Vergleichsniveau in Deutschland.
Parallel dazu haben bereits 71 Prozent der Eigentümerinnen und Eigentümer eigenständig Vorsorgemaßnahmen ergriffen. Das deutet darauf hin, dass Versorgungssicherheit nicht als gegebene Konstante wahrgenommen wird, sondern zunehmend in die private Verantwortung verlagert wird. Vertrauen ist damit zwar vorhanden, aber nicht tief verankert.
Für Energieversorger ergibt sich daraus eine klare Implikation: Ein relevanter Teil des Marktes zweifelt an der langfristigen Verlässlichkeit der Versorgung. Wer diesen Vertrauensdefiziten nicht aktiv begegnet und Sicherheit sichtbar macht, setzt seine Reputation und die Kundenbindung aufs Spiel.
„Fast jede fünfte Person in Österreich zweifelt an einer sicheren Stromversorgung. Anbieter müssen diese Angst ernst nehmen und gezielt Vertrauen schaffen“, ergänzt Konstantin Schaller, Partner bei Simon-Kucher.
