Atomkraft in Österreich: Hat sich die Einstellung der Bevölkerung verändert?

Zum Jahrestag des Tschernobyl-Unfalls wurde die heimische Stimmungslage untersucht.
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Atomkraft in Österreich Hat sich die Einstellung der Bevölkerung verändert
Bertram Barth, Geschäftsführender Gesellschafter der INTEGRAL Markt- und Meinungsforschungsges.m.b.H.

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Angriffe auf kritische Infrastruktur und die Frage der Energiesicherheit haben die Atomkraftfrage wieder stärker ins Zentrum der öffentlichen Debatte gerückt. Eine unmittelbare nukleare Gefahr wird dabei jedoch nur von wenigen Menschen wahrgenommen, konkrete Vorsorgemaßnahmen sind entsprechend selten.

Gleichzeitig bleibt die Erinnerung an frühere nukleare Ereignisse prägend. Vor allem der Super-GAU von Tschernobyl ist tief im kollektiven Gedächtnis verankert und wird häufig als Referenzpunkt für die Bewertung aktueller Risiken herangezogen.

Tschernobyl im kollektiven Gedächtnis

Der Reaktorunfall von Tschernobyl am 26. April 1986 markierte einen massiven Einschnitt in den Alltag vieler Menschen. Der Verkauf frischer Lebensmittel war eingeschränkt, Spielplätze und Sportanlagen wurden geschlossen, und das Ereignis dominierte über längere Zeit die öffentlichen und privaten Gespräche. In seiner gesellschaftlichen Wirkung wird der Moment der Verunsicherung mitunter als vergleichbar mit späteren Krisenerfahrungen beschrieben, etwa der Corona-Pandemie.

Die Katastrophe veränderte den Alltag von einem Tag auf den anderen grundlegend und ist vier Jahrzehnte später weiterhin fest im kollektiven Gedächtnis verankert. Gleichzeitig zeigt sich ein Spannungsverhältnis zwischen historischer Erfahrung, aktueller Einschätzung und persönlicher Vorsorge.

Eine aktuelle INTEGRAL-Studie zum Jahrestag der Katastrophe hat diese Stimmungslage in Österreich untersucht.

Erinnerung und Verhalten

Die Nuklearkatastrophe von Tschernobyl im heutigen ukrainischen Tschornobyl (offizielle ukrainische Bezeichnung – Anm. d. Red.) ist im gesellschaftlichen Bewusstsein weiterhin sehr präsent. 94 Prozent der Befragten haben bereits davon gehört, bei den über 50-Jährigen liegt dieser Anteil nahezu bei 99 Prozent.

48 Prozent der Befragten geben an, das Ereignis genau erklären zu können, weitere 46 Prozent erinnern sich zumindest oberflächlich daran. Damit ist das Ereignis zwar breit bekannt, wird jedoch in seiner Tiefe unterschiedlich präsent verarbeitet.

Wenn das Ereignis bekannt ist, hat es bei vielen Menschen nachhaltige Spuren hinterlassen. 60 Prozent geben an, dass Tschernobyl ihre grundsätzliche Einstellung zur Atomkraft verändert hat. Besonders deutlich ist dieser Effekt bei Frauen mit 71 Prozent, während er bei Männern mit 49 Prozent deutlich geringer ausfällt.

Trotz dieser prägenden Wirkung spielt das Thema im Alltag oft nur eine geringe Rolle. 68 Prozent der Befragten machen sich selten oder nie Gedanken über eine mögliche Strahlenbelastung etwa bei Pilzen oder Wildfleisch, obwohl solche Belastungen auch Jahrzehnte nach der Katastrophe noch auftreten können. Männer und Personen mit Matura zeigen sich dabei besonders unbesorgt.

Risikobewusstsein und Vorsorge

Die Einschätzung möglicher nuklearer Risiken in Europa bleibt insgesamt zurückhaltend.

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Nur 8 Prozent der Befragten machen sich überhaupt keine Sorgen, weitere 54 Prozent nur geringe Sorgen über einen schweren Atomunfall in Europa.

Gleichzeitig nehmen 66 Prozent wahr, dass das Risiko eines Atomunfalls durch den Krieg in der Ukraine gestiegen ist. 41 Prozent äußern zudem konkrete Sorgen um die Sicherheit der stillgelegten Reaktorruine in Tschernobyl. Frauen zeigen dabei insgesamt ein stärkeres Problembewusstsein als Männer.

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Trotz dieser Risikowahrnehmung haben nur wenige Menschen in Österreich konkrete Vorkehrungen für den Fall einer Atomkatastrophe getroffen. Lediglich 20 Prozent geben an, entsprechende Maßnahmen gesetzt zu haben. Jüngere Befragte zwischen 18 und 29 Jahren sowie Personen mit Matura liegen hier über dem Durchschnitt.

30 Prozent haben sich zumindest informiert, welche Verhaltensweisen im Ernstfall sinnvoll wären, etwa das Abschalten von Lüftungen oder das Meiden von Leitungswasser.

Auch dem Staat wird in diesem Zusammenhang nur begrenzte Vorbereitung zugeschrieben. Lediglich 19 Prozent sind der Ansicht, dass Österreich für den Fall einer Atomkatastrophe gut gerüstet wäre. Männer, jüngere Befragte und Wienerinnen und Wiener beurteilen die Lage etwas positiver.

Deutliche Ablehnung der Atomkraft

Die grundsätzliche Haltung zur Atomkraft bleibt in Österreich eindeutig.

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76 Prozent halten es für richtig, dass im Land kein Atomkraftwerk betrieben wird. 58 Prozent sprechen sich darüber hinaus für einen europaweiten Ausstieg aus der Atomenergie aus.

Auch die ungelöste Frage der Atommülllagerung sorgt für Verunsicherung: 67 Prozent geben an, diesbezüglich Angst zu haben. Entsprechend rangiert Atomkraft als Energiequelle deutlich abgeschlagen hinter anderen Formen der Energiegewinnung. Wasserkraft (78 Prozent), Photovoltaik (77 Prozent), Windkraft (70 Prozent) und Biomasse (41 Prozent) werden klar bevorzugt, während Atomkraft nur auf 12 Prozent Zustimmung kommt.

Argumente zugunsten der Atomkraft finden lediglich bei Minderheiten Zustimmung: 18 Prozent nennen den Klimaschutz, 23 Prozent die Kostenersparnis und 24 Prozent die Versorgungssicherheit als mögliche Gründe.

Zwischen Ablehnung und Pragmatismus

Die Haltung gegenüber Atomkraft ist stark von den grundlegenden Lebenseinstellungen geprägt. Ein Blick auf die Sinus-Milieus verdeutlicht diesen Einfluss. In diesem Modell, das Menschen nach ihren Werten und Lebensstilen in „Gruppen Gleichgesinnter” zusammenfasst, lassen sich Milieus identifizieren, die Atomkraft besonders kritisch gegenüberstehen – und auch jene, die einen pragmatischen Zugang zur Nuklearenergie pflegen.

Das verantwortungsbewusste und nachhaltigkeitsorientierte Postmaterielle Milieu und das veränderungswillige und problembewusste Progressiv-Realistische Milieu eint die Sorge um die Auswirkungen der Atomkraft. Sie lehnen diese Art der Energiegewinnung entsprechend klar ab. Dagegen pflegen die nutzenorientierte Adaptiv-Pragmatische Mitte und die risikoaffinen Kosmopolitischen Individualisten teilweise einen offen-pragmatischen Zugang zu Atomkraft.

„In diesen beiden Milieus findet sich noch am ehesten die Ansicht, dass Atomkraft eine Lösung für Klimaschutz, Kostenersparnis oder Versorgungssicherheit darstellen könnte. Allerdings ist sogar hier die Mehrheit skeptisch“, ergänzt Bertram Barth, Geschäftsführender Gesellschafter der INTEGRAL Markt- und Meinungsforschungsges.m.b.H.

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