Herr Kolb, die ACREDIA Versicherung AG ist Marktführer in Österreich und ebenso ein zentraler Akteur im internationalen Kreditversicherungswesen. Wie hat sich das Unternehmen seit seinen Anfängen entwickelt, wofür steht die ACREDIA Group und welche strategisch langfristigen Ziele haben Sie sich persönlich gesetzt?
Die ACREDIA Group hat sich von einem nationalen Kreditversicherer zu einer international vernetzten Unternehmensgruppe entwickelt – mit starker Position in Österreich und globaler Risikokompetenz durch das Allianz Trade Netzwerk.
Für eine exportorientierte Wirtschaft ist diese Verbindung aus lokaler Nähe und internationaler Perspektive entscheidend. Kreditversicherung schafft Vertrauen, ermöglicht Wachstum und schützt vor Zahlungsausfällen.
Mit unserer Vision 2030 ist der Anspruch klar: ACREDIA soll erste Wahl sein – für Unternehmen und als Arbeitgeber. Dafür investieren wir gezielt in Qualität, Innovationskraft und Unternehmenskultur und bauen unsere Präsenz in Zentral- und Südosteuropa weiter aus – insbesondere in Slowenien, Kroatien und der SEE-Region.
Bevor sie im Jahr 2021 in den Vorstand der ACREDIA Group berufen wurden, waren Sie, in leitenden Positionen, bei der Commerzbank in Frankfurt und Leipzig, der UniCredit Bank in Berlin sowie bei Allianz Trade in Hamburg tätig. Wie hat sich das Versicherungswesen im Laufe der Jahre verändert und welche Aspekte haben diesen Veränderungsprozess nachhaltig beeinflusst?
Die Versicherungsbranche hat sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten stärker verändert als in vielen Jahrzehnten davor. Drei Entwicklungen haben diesen Wandel besonders geprägt:
Globalisierung, Digitalisierung und eine deutlich komplexere Risikolandschaft.
In unserer Sparte basierte die Risikobewertung früher vor allem auf historischen Finanzdaten und klassischen Bilanzanalysen. Heute nutzen wir zusätzlich globale Datenströme, Echtzeitinformationen und zunehmend auch künstliche Intelligenz. So erkennen wir wirtschaftliche Entwicklungen früher und können Risiken präziser einschätzen.
Gleichzeitig ist das Umfeld für Unternehmen deutlich anspruchsvoller geworden. Geopolitische Spannungen, protektionistische Tendenzen, volatile Energiepreise und Cyberrisiken sorgen dafür, dass wirtschaftliche Risiken heute stärker miteinander vernetzt sind.
Was jedoch unverändert geblieben ist, ist der Kern unseres Geschäfts: Vertrauen.

Versicherung ist und bleibt ein Vertrauensgeschäft. Technologie verbessert unsere Analyse – aber Vertrauen entsteht durch Kompetenz, Transparenz und langfristige Partnerschaften.
Gab es bestimmte Ihnen in Erinnerung gebliebene Erfahrungen aus ihrer beruflichen Anfangszeit, die Ihnen, retrospektiv betrachtet, speziell geholfen haben, um in solch einer verantwortungsvollen Führungsposition zu bestehen?
Eine wichtige Erkenntnis aus meiner frühen beruflichen Laufbahn war, dass Zahlen allein selten die gesamte Realität eines Unternehmens abbilden. Hinter jeder Bilanz stehen Märkte, Strategien und vor allem Menschen.
Ich habe außerdem früh gelernt, dass viele Entscheidungen unter Unsicherheit getroffen werden müssen. Perfekte Informationen gibt es selten – aber Verantwortung muss trotzdem übernommen werden.
Diese Erfahrung hat meinen Führungsstil geprägt. Gute Entscheidungen entstehen aus fundierter Analyse, aber auch aus offenem Austausch mit erfahrenen Kolleginnen und Kollegen.
Wie beurteilen Sie die wirtschaftliche Gesamtlage in Österreich – insbesondere im Hinblick auf Kaufkraftverlust und Investitionszurückhaltung – was erwartet uns im Jahr 2026 und wie ist die generelle Stimmung in Österreichs Unternehmen?
Die österreichische Wirtschaft befindet sich derzeit in einer Phase der Neujustierung. Die vergangenen Jahre waren von außergewöhnlichen wirtschaftlichen Verwerfungen geprägt – von der Pandemie über Energiepreisschocks bis hin zu einer der stärksten Inflationsphasen seit Jahrzehnten.
Viele Unternehmen agieren daher aktuell vorsichtiger bei Investitionen. Gleichzeitig zeigt sich aber auch die hohe Anpassungsfähigkeit der österreichischen Wirtschaft. Zahlreiche Unternehmen investieren gezielt in Digitalisierung, Effizienz und neue Geschäftsmodelle.
Für das Jahr 2026 erwarten wir eine schrittweise Stabilisierung der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Sinkende Inflationsraten und eine vorsichtige Erholung der internationalen Nachfrage könnten neue Impulse setzen.
Die Stimmung in den Unternehmen ist derzeit vorsichtig, aber keineswegs pessimistisch.
Wie nachhaltig ist die aktuelle Inflationsentwicklung? Stehen wir vor einer Normalisierung oder vor einer Phase strukturell höherer Preisniveaus?
Die Inflationsdynamik hat sich deutlich abgeschwächt. Gleichzeitig ist es wahrscheinlich, dass wir uns langfristig auf einem etwas höheren Preisniveau einpendeln werden als vor der Pandemie.
Strukturelle Veränderungen – etwa geopolitische Spannungen, Veränderungen in globalen Lieferketten oder Investitionen in die ökologische Transformation – werden weiterhin Einfluss auf Preisentwicklungen haben.
Für Unternehmen bedeutet das, dass Produktivität, Innovation und Effizienz noch stärker in den Mittelpunkt rücken.
Das Allianz Risk Barometer zeigt regelmäßig, welche globalen Risiken Unternehmen am meisten fürchten. Welche Erkenntnisse daraus sind für Österreich besonders relevant und wie stark beeinflussen geopolitische Spannungen, zunehmender Protektionismus und neue Handelshemmnisse die Risikolandschaft für österreichische Unternehmen?
Für österreichische Unternehmen stehen vor allem drei Risiken im Vordergrund:
- Zahlungsausfälle
- Cyberrisiken sowie
- Betriebsunterbrechungen
Als exportorientierte Volkswirtschaft ist Österreich zudem besonders sensibel gegenüber geopolitischen Spannungen und neuen Handelsbarrieren.

Ein wichtiger Trend ist die zunehmende Vernetzung von Risiken. Ein geopolitisches Ereignis kann gleichzeitig Lieferketten unterbrechen, Energiepreise beeinflussen und Insolvenzentwicklungen verstärken.
Beobachten Sie bei Unternehmen, aufgrund der erwähnten veränderten Risikolandschaft aber auch angesichts der europaweit steigenden Insolvenzzahlen, der immer schwereren Vorhersehbarkeit von Naturkatastrophen sowie der anwachsenden Cyberkriminalität, strategische Anpassungen im Risikomanagement – wenn ja, welche?
Ja, sehr deutlich. Viele Unternehmen haben in den vergangenen Jahren erkannt, dass Resilienz ein zentraler Wettbewerbsfaktor geworden ist.
Wir sehen beispielsweise:
- stärkere Diversifizierung von Lieferketten
- professionelleres Forderungsmanagement und
- höhere Investitionen in Cybersecurity
Auch die Rolle von Kreditversicherung verändert sich. Sie wird zunehmend als strategisches Instrument eingesetzt, um Wachstum abzusichern.
Was unterscheidet ACREDIA im Bereich Risikoanalyse und Prävention von anderen Marktteilnehmern – wo sehen Sie Ihren qualitativen Vorsprung?
Unsere Stärke liegt in der Kombination aus regionaler Nähe und globaler Datenkompetenz.
Wir verbinden globale Markttransparenz aus dem Allianz Trade Netzwerk mit fundierter regionaler Expertise in Österreich sowie in Zentral- und Südosteuropa. Diese Kombination ermöglicht uns eine besonders präzise Risikoeinschätzung und verschafft unseren Kunden einen echten Informationsvorsprung.
Gerade kleine und mittlere Unternehmen verfügen oft über weniger Ressourcen für professionelles Risikomanagement. Welche typischen Fehler beobachten Sie bei KMU – und welche konkreten Empfehlungen geben Sie diesen Betrieben?
Ein häufiger Fehler ist eine zu hohe Abhängigkeit von einzelnen Großkunden. Wenn ein erheblicher Teil des Umsatzes von wenigen Abnehmern abhängt, entsteht ein erhebliches Klumpenrisiko.
Ein weiterer Punkt ist mangelnde Transparenz im Forderungsmanagement. Offene Forderungen werden häufig zu spät aktiv überwacht.
Meine Empfehlung ist relativ einfach: Bonitätsprüfung, klare Kreditlimits und kontinuierliches Monitoring.
Diese Maßnahmen allein erhöhen die wirtschaftliche Stabilität in erheblichem Maße.
Kreditversicherungen gelten als klassisches Instrument zur Absicherung gegen Zahlungsausfälle. Wie hat sich die Bedeutung jener Versicherungen in den letzten Jahren verändert und welche Rolle spielen Bonitätsprüfungen in Zeiten fragiler Lieferketten?
Kreditversicherung ist heute weit mehr als ein klassisches Absicherungsinstrument. Sie ist ein strategisches Instrument moderner Unternehmensführung. Sie schafft Planungssicherheit, erleichtert Finanzierungsgespräche mit Banken und ermöglicht Unternehmen, auch in unsicheren Zeiten neue Märkte zu erschließen.
In einer zunehmend vernetzten Weltwirtschaft sind verlässliche Bonitätsinformationen und Risikotransparenz entscheidend – nicht zuletzt, um Risiken frühzeitig sichtbar zu machen und Schäden präventiv zu begrenzen.
Vor dem Hintergrund der Insolvenzwellen, von denen auch Österreich nicht unberührt blieb, ist das Risiko von Kreditversicherungen überhaupt noch managebar oder besser gesagt – wann sagt ACREDIA, nein – das können wir nicht mehr versichern?
Risiko ist unser Geschäft – aber verantwortungsvolles Risikomanagement bedeutet auch, klare Grenzen zu ziehen.
Wenn Geschäftsmodelle strukturell nicht tragfähig sind oder wesentliche Informationen fehlen, müssen wir auch Entscheidungen treffen, die kurzfristig vielleicht unbequem sind.
Wir sind nicht nur Versicherer und Airbag im Schadensfall, sondern in diesem anspruchsvollen Umfeld auch ein Frühwarnsystem für unsere Kunden. Genau das sorgt mittel- und langfristig für mehr Stabilität in den Unternehmen.
Themenwechsel: Nachhaltigkeit spielt für Unternehmen zunehmend eine zentrale Rolle – auch im Versicherungssektor. Welche konkreten Maßnahmen setzt die ACREDIA Group im Bereich Nachhaltigkeit um, und welche Rolle spielt dabei beispielsweise der Umzug in ein neues, energieeffizientes und CO₂-sparendes Büro?
Nachhaltigkeit verstehen wir bei ACREDIA nicht als Einzelmaßnahme, sondern als Teil unserer Unternehmensstrategie. Dabei geht es sowohl um ökologische Verantwortung als auch um langfristig nachhaltige Arbeitsweisen.
Ein sichtbares Beispiel ist unser neuer Bürostandort. Das Gebäude wurde nach modernen, energieeffizienten Standards konzipiert und senkt den CO₂-Ausstoß im laufenden Betrieb deutlich.
Gleichzeitig haben wir den Umzug genutzt, um unsere Arbeitsweise konsequent zu modernisieren. Heute setzen wir auf digitale Prozesse: weitgehend papierloses Arbeiten, keine klassischen Archive und eine cloudbasierte IT-Infrastruktur statt eigener Server. Das reduziert Ressourcenverbrauch und erhöht Effizienz und Flexibilität.
Darüber hinaus spielt auch die Unternehmenskultur eine wichtige Rolle. Der neue Standort ist so gestaltet, dass Zusammenarbeit, Austausch und gemeinsames Arbeiten stärker gefördert werden.
Das entspricht auch unserer Vision 2030: ACREDIA soll erste Wahl sein – für Kunden wie für Mitarbeitende. Ein modernes, nachhaltiges Arbeitsumfeld ist dafür ein zentraler Baustein.
Digitalisierung und künstliche Intelligenz verändern auch die Versicherungsbranche. Welche Rolle spielen datenbasierte Modelle in Ihrer strategischen Ausrichtung – und wie wird sich das Versicherungsgeschäft durch KI in den kommenden Jahren verändern?
Daten sind heute das Fundament moderner Kreditversicherung. Unser Ziel ist, wirtschaftliche Entwicklungen möglichst früh zu erkennen und Risiken präzise einzuschätzen – datenbasierte Modelle spielen dabei eine zentrale Rolle.
Durch Digitalisierung und den Einsatz von künstlicher Intelligenz können wir große Datenmengen aus unterschiedlichsten Quellen deutlich schneller auswerten und relevante Muster früher erkennen. Das verbessert die Qualität unserer Risikoanalysen und schafft mehr Transparenz über wirtschaftliche Entwicklungen, Branchen und Geschäftspartner.

Die Versicherungsbranche entwickelt sich damit zunehmend hin zu vorausschauendem Risikomanagement. Im Fokus steht nicht mehr nur die Absicherung eingetretener Schäden, sondern vor allem, Risiken frühzeitig sichtbar zu machen und Unternehmen eine belastbare Grundlage für ihre Entscheidungen zu geben.
Herr Kolb, wir möchten Sie gerne auch als Privatperson etwas näher kennenlernen – daher noch ein paar persönliche Fragen:
FC Bayern, der „Club“ oder TSV 1860 – oder gar ein anderer Herzensverein?
Ich bin im Allgäu aufgewachsen, da kommt man am FC Bayern natürlich nicht ganz vorbei.
Heute lebe ich in Köln, in Sichtweite des Stadions – und wer so nah am RheinEnergieSTADION wohnt, kommt am 1. FC Köln emotional nicht mehr vorbei. Am Ende begeistert mich weniger der Glamour eines Vereins als die Leidenschaft einer Stadt für ihren Club.
Was sind, für Sie persönlich, die größten Unterschiede zwischen Wien und Köln?
Wien ist für mich ein bisschen entspannter und kulturell vielschichtig, Köln dafür direkter, rheinischer und vielleicht noch ein Stück spontaner.
In Wien spürt man an vielen Ecken die große Tradition, in Köln die unmittelbare Herzlichkeit. Oder anders gesagt: Heuriger und Kaffeehaus auf der einen Seite, Brauhaus und Karneval auf der anderen – und wenn ich die Berge vermisse, geht der Blick zurück in meine Heimat, das Allgäu.
Mit welcher Person, aus der Gegenwart oder Vergangenheit, würden Sie gerne einen Tag verbringen?
Ich würde gerne einen Tag mit Steve Jobs verbringen.
Mich fasziniert, wie radikal konsequent er aus der Kundensicht gedacht und daraus völlig neue Produkte und Märkte geschaffen hat. Ebenso beeindruckt mich, dass er nach seinem Scheitern bei Apple wieder aufgestanden ist und am Ende eine der prägendsten Weltmarken geformt hat.
Dieser Mix aus Vision, Beharrlichkeit und Lernfähigkeit würde mich in einem persönlichen Gespräch sehr interessieren.
Was ist das Verrückteste, das Sie je in Ihrem Leben getan haben?
Das Verrückteste war vermutlich meine Zeit bei der Bundeswehr, in der ich Fallschirm springen durfte. Der Moment vor dem Absprung ist eine Mischung aus Adrenalin, Respekt und Vorfreude. Mir ist damals bewusst geworden, wie eng Spaß, Disziplin und Verantwortung beieinanderliegen – und wie wichtig es ist, mutig zu sein, ohne übermütig zu werden. Diese Erfahrung begleitet mich bis heute in meinem beruflichen Alltag.
Was macht Ihnen an Ihrem Job am meisten Spaß?
Am meisten Spaß macht mir, wenn wir gemeinsam etwas zum Positiven verändern. Ich mag das Gefühl, Dinge ein kleines Stück besser zu hinterlassen, als ich sie vorgefunden habe. Ich bin jemand, der gerne nach vorne schaut – und es motiviert mich sehr, wenn viele Kolleginnen und Kollegen diesen Weg mitgehen.
Sie können EIN globales Problem lösen – welches wäre das?
Wenn ich ein globales Problem lösen könnte, wäre es das Thema Frieden. Ohne ein Mindestmaß an Verlässlichkeit und Stabilität im globalen Umfeld bleiben viele andere Lösungen Stückwerk.
Frieden schafft den Rahmen, in dem sich wirtschaftliche, politische und gesellschaftliche Entwicklungen überhaupt nachhaltig entfalten können.
Herr Kolb, wir wünschen Ihnen viel Erfolg, Glück sowie Gesundheit für die Zukunft und herzlichen Dank für das Interview.
Danke Ihnen.
