Die Unternehmensdynamik in Form von Gründungen neuer und Auflösungen bestehender Unternehmen ist ein wichtiger Indikator für den strukturellen Wandel und die wirtschaftliche Entwicklung einer Volkswirtschaft. Die Oesterreichische Nationalbank (OeNB) verfügt über eine Datenbasis, mit der wesentliche Aspekte dieser Unternehmensdynamik quantifiziert werden können.
Mit dem Unternehmensdynamik-Dashboard zeigt die OeNB nun erstmals Insolvenzen im Zusammenhang mit einer klar definierten Unternehmensgrundgesamtheit und stellt zugleich Markteintritte und Marktaustritte, also neu gegründete beziehungsweise erstmals am Markt aktive Unternehmen, sowie die Entwicklung des Unternehmensbestands dar.
Weiters werden Analysen zu Insolvenzzahlen und -quoten ab 2019 ermöglicht. Die Auswertungen sind nach Branchen und Regionen möglich, bei Insolvenzen sogar bis auf Ebene der politischen Bezirke.
Insolvenzquote unter Vorjahresniveau
In der öffentlichen Diskussion stehen häufig absolute Insolvenzzahlen im Mittelpunkt. Für ihre wirtschaftliche Einordnung muss jedoch berücksichtigt werden, wie sich gleichzeitig die Zahl der Unternehmen insgesamt entwickelt.


Der erfasste Unternehmensbestand ist von rund 225.500 (2019) auf rund 283.000 (2025) gestiegen – ein beachtlicher Zuwachs von rund 25%. Anfang 2026 umfasst sie bereits rund 291.000 Unternehmen.
Damit können auch die absoluten Insolvenzzahlen steigen, ohne dass die Insolvenzquote im gleichen Ausmaß zunimmt. 2019 wurden 2.123 Insolvenzen registriert, entsprechend einer Quote von 0,94 %. 2025 waren es 3.335 Insolvenzen beziehungsweise 1,18 %.
Die Daten zeigen einen Anstieg der Insolvenzquote nach den Pandemiejahren. Insgesamt bewegt sich die Insolvenzquote aber weiterhin in einer Größenordnung von rund 1 % und liegt 2026 bislang unter dem Vorjahreswert.
Viele Markteintritte und wachsender Unternehmensbestand
Insolvenzen sind nur ein Teil der Unternehmensdynamik. Seit 2019 wurden jährlich rund 16.000 bis 19.000 Markteintritte verzeichnet.

Gleichzeitig haben im selben Zeitraum jährlich zwischen 8.000 und 12.000 Unternehmen den Markt verlassen. Zu beachten ist, dass ein Insolvenzverfahren nicht notwendigerweise zu einem Marktaustritt führt.
„Eine steigende Zahl von Insolvenzen ist nicht dasselbe wie eine steigende Insolvenzquote. In Österreich treten jedes Jahr rund fünfmal so viele Unternehmen neu in den Markt ein, wie insolvent werden – eine Wirtschaft lebt gerade auch von dieser laufenden Erneuerung“, erklärt Wolf Heinrich Reuter, Chefökonom der OeNB.
Methodik im Fokus
Übliche Insolvenzstatistiken in Österreich berichten vor allem absolute Fallzahlen. Diese zeigen, wie viele Insolvenzverfahren registriert wurden, berücksichtigen aber nicht, wie viele bestehende Unternehmen diesen Fällen gegenüberstehen und wie sich deren Zahl über die Zeit verändert.

Das OeNB-Unternehmensdynamik- Dashboard verwendet dagegen eine über die Zeit einheitlich definierte Unternehmensgrundgesamtheit und kann dadurch Insolvenzquoten berechnen.
Auch die Abgrenzung unterscheidet sich – häufig zitierte Insolvenzstatistiken zählen auch Einzelunternehmen zu den Unternehmensinsolvenzen. Im Europäischen System Volkswirtschaftlicher Gesamtrechnungen (ESVG 2010) werden Einzelunternehmen grundsätzlich dem Haushaltssektor zugerechnet, weil sie keine eigene Rechtspersönlichkeit besitzen und sich ihre wirtschaftlichen Aktivitäten sowie Vermögens- und Schuldpositionen nicht eindeutig von jenen der Eigentümerhaushalte trennen lassen.
Das Dashboard umfasst in Österreich ansässige, rechtlich selbständige Unternehmen der finanziellen und nichtfinanziellen Unternehmenssektoren und ausdrücklich nicht den Haushaltssektor.
Damit beantworten die Zahlen unterschiedliche Fragen:
Absolute Fallzahlen zeigen die Zahl registrierter Insolvenzverfahren; die OeNB-Insolvenzquote zeigt, welcher Anteil einer klar definierten Unternehmenspopulation innerhalb eines bestimmten Zeitraums insolvent wurde.
Neue Datengrundlage
Grundlage des Dashboards ist die Integrated Firm-Level Database (IFLD) der OeNB. Sie verbindet bislang getrennte administrative, statistische Daten zu Firmendemografie, Jahresabschlüssen, Bankkrediten, Eigentumsstrukturen und Insolvenzen innerhalb klar definierter Unternehmenspopulationen.
Der gleichzeitig veröffentlichte OeNB-Report dokumentiert die neue Dateninfrastruktur und präsentiert erste Ergebnisse zur österreichischen Unternehmenslandschaft.

Unter anderem zeigt er, dass rund 36 % (im Jahr 2021) der nichtfinanziellen Unternehmen einen Kredit bei einem österreichischen Kreditinstitut haben und die Kreditvergabe stark konzentriert ist.
„Das Unternehmensdynamik-Dashboard zeigt beispielhaft, welchen Mehrwert eine integrierte Firmendatenbasis bietet: Statt einzelne Ereignisse isoliert zu zählen, können wir sie in eine klar definierte Unternehmenspopulation und die gesamte Unternehmensdynamik einordnen. Der IFLD steht zugleich noch am Anfang seiner Entwicklung. Mit dem Ausbau zu einem mehrjährigen Panel und der Integration weiterer Datenquellen soll daraus eine zentrale Dateninfrastruktur für Analysen von Geldpolitik und Transmission, Finanzstabilität, Strukturwandel, Produktivität und Unternehmensdynamik entstehen“, ergänzt Regina Fuchs, Direktorin der Hauptabteilung Statistik.
Fazit
Steigende Insolvenzzahlen erzählen somit nur einen Teil der Geschichte. Erst im Verhältnis zum wachsenden Unternehmensbestand sowie zu Markteintritten und Marktaustritten lässt sich die Insolvenzquote angemessen einordnen. Das neue Dashboard und die integrierte Datenbasis der OeNB schaffen dafür eine einheitliche Grundlage und eröffnen zugleich neue Möglichkeiten, die Entwicklung der österreichischen Unternehmenslandschaft differenziert zu analysieren.
Nähere Informationen zum Unternehmensdynamik-Dashboard der Oesterreichischen Nationalbank sowie zum zeitgleich veröffentlichten OeNB-Report zur Integrated Firm-Level Database (IFLD) finden Sie hier und hier.
