Ukrainekrise und Immobilienwirtschaft

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Andreas Holler, Geschäftsführer der BUWOG

08.04.2022 | 3 min

Ukrainekrise und Immobilienwirtschaft

Ökonomische Herausforderung und humanitäre Verpflichtung.

Es gibt aktuell wohl kaum einen Bereich der Wirtschaft, für den die Ukrainekrise und alles was mit ihr zusammenhängt keine überragende Bedeutung hat, allerdings sind die Auswirkungen für die Immobilienwirtschaft vielleicht noch vielgestaltiger und schwerwiegender als für die meisten anderen Branchen.

Fairerweise muss man allerdings sagen, dass die Ukrainekrise weniger komplett neue Probleme verursacht, vielmehr werden bestehende Herausforderungen teilweise drastisch verschärft. So entsteht großer Druck, jetzt konsequent Maßnahmen umzusetzen, die auch ohne den Konflikt und seine Begleiterscheinungen sinnvoll und notwendig wären.

Die ökonomisch schwierigste Herausforderung sind wohl die dramatisch steigenden Baupreise und eine wegen der instabilen Lieferketten immer besorgniserregendere Verknappung bei Baumaterialien und Wohnungsausstattungen. Das bringt speziell den Wohnbau in eine Zwickmühle: Die deutlich steigenden Herstellungskosten können kaum in Form höherer Wohnungspreise oder -mieten weitergegeben werden, da Wohnungen ja auch leistbar bleiben müssen. Die Antwort darauf können nur nochmals verstärkte Anstrengungen zur weiteren Effizienzsteigerung sein: Digitalisierung aller Prozesse auf der Baustelle, Erhöhung des Vorfertigungsgrads und mehr Standardisierung. Hier ist die Bauwirtschaft gefordert, wirklich alle alten Zöpfe abzuschneiden und radikale Veränderungen anzugehen, statt bloß mit Trippelschritten voranzukommen.

Ebenso gefordert sind aber auch Politik und Baubehörden: Die Kostensteigerungen der vergangenen Jahre sind wesentlich auf immer neue Auflagen, komplexe, langwierige Widmungs- und Bauverfahren sowie auch politisch bedingte Baulandverknappung zurückzuführen. Wenn nun wie schon 2015 eine große Zahl von Migrant:innen Tausende, wenn nicht Zehntausende zusätzliche Wohnungen benötigt, darf auch hier nicht business as usual herrschen. Unter Berücksichtigung der ohnehin für die kommenden Jahre prognostizierten zurückgehenden Fertigstellungszahlen bei gleichzeitig zusätzlicher Erhöhung der Nachfrage durch den Flüchtlingsstrom besteht außerdem die Gefahr, dass die Angebotslücke der letzten Jahre, die sich gerade jetzt erst annähernd schließt, wieder aufklafft.

Die voraussichtlich nicht nur temporär, sondern auch längerfristig steigenden Energiepreise wiederum zwingen mehr als alle gesetzlichen Vorgaben zu noch mehr Nachhaltigkeit. Ohne konsequente Umsetzung aller Maßnahmen zur Steigerung der Energieeffizienz sowie zur eigenen Energieerzeugung – Stichworte Geothermie, Solarthermie, Photovoltaik – werden die Betriebskosten im Bereich Wohnen für viele unleistbar. Wer sich hier, wie zum Beispiel die BUWOG, in den vergangenen Jahrzehnten bereits durch proaktives Engagement einen Wettbewerbsvorsprung geschaffen hat und als Vorreiter fungiert, kann hier zumindest etwas gegensteuern.

„Immobilienanbieter und die Hotellerie können natürlich tun, was sie am besten können, um jene Menschen, die gerade in Österreich Zuflucht suchen, zu unterstützen: Wohnraum bereitstellen.“

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Mit aller Kraft Soforthilfe für wohnungssuchende Flüchtlinge schaffen

Doch trotz des berufsbedingten Fokus auf die ökonomischen Aspekte des Kriegs, ist doch klar, dass wir es hier in erster Linie mit einer humanitären Katastrophe zu tun haben. Wir alle sind gefordert, jetzt zu helfen, wo es geht – als Privatperson aber auch als Unternehmen. Gerade letztere verfügen über Mittel und Wege, in großem Stil Unterstützung anzubieten.

Immobilienanbieter und die Hotellerie können natürlich tun, was sie am besten können, um jene Menschen, die gerade in Österreich Zuflucht suchen, zu unterstützen: Wohnraum bereitstellen. Aber es braucht mehr als nur vier Wände, um ein Zuhause (auf Zeit) zu schaffen. Hier möchte ich den Einsatz unserer Mitarbeiter:innen und der vielen unterstützenden Unternehmen hervorheben: Die BUWOG stellt aus ihrem Portfolio in Wien 37 Wohnungen und in Salzburg ein Hotel mit 90 Zimmern kostenlos zur Verfügung – mehr als 450 Menschen werden darin Platz finden können. Das ist eine tolle Sache, allerdings reicht das alleine noch nicht. Unsere Mitarbeiter:innen haben mit großem Einsatz dafür gesorgt, die Wohnungen innerhalb kürzester Zeit bezugsfertig zu machen – viele von ihnen haben sich als sogenannte Wohnungspaten dazu bereit erklärt, sich in ihrer Freizeit um Hausrat (Geschirr, Bettwäsche etc.), Spielsachen und Möbel inkl. Aufbau zu kümmern, zu reinigen und auch nach dem Einzug die Geflüchteten zu unterstützen. Das, was sie hier in wenigen Tagen bzw. Wochen geleistet haben, ist wirklich beeindruckend!

Besonders ist für uns auch die großzügige Unterstützung, die uns von Seiten anderer Unternehmen erreicht hat: Von Hornbach kommen beispielweise 15 Küchenblöcke, die Firma oekostrom AG versorgt die Wohnungen mit kostenlosem Strom oder Magenta stellt kostenlos mobiles Internet zur Verfügung – um nur einige zu nennen. Wir sind jedenfalls allen, die uns geholfen haben, zu helfen, zu tiefem Dank verpflichtet.

Jede:r tut eben, was er/sie kann, und was ihm/ihr möglich ist – jeder Beitrag zählt. Ich möchte diese Plattform abschließend für einen Aufruf nutzen: Gehen Sie in sich, überlegen Sie, wie können Sie, wie kann Ihr Unternehmen etwas für die Menschen auf der Flucht tun? Wie können Sie NGOs oder andere private Hilfsaktionen unterstützen? Mit vereinten Kräften kann die Immobilienbranche viel bewegen, um die Situation der Geflüchteten in Österreich zu verbessern. Lassen Sie uns gemeinsam an einem Strang ziehen.

Autor: Andreas Holler, Geschäftsführer der BUWOG