Medienkompetenz: Was ist das wirklich?

© Marija Kanizaj

Die TOP LEADER-Stimme der Medien: Markus Mair

15.06.2022 | 4 min

Die Medienwelt im Wandel

Zwischen Print und Digital, Qualitätsjournalismus und Social Media, Tradition und Trend:

Spätestens seit den 1990ern, seit Erfindung des Internets, ist die Medienwelt in ständigem, rasantem Wandel. Kein Ende in Sicht. 

Was braucht bzw. was will der Mensch? Jede:r, die und der ein Produkt oder eine Dienstleistung bietet, muss sich zuallererst diese Frage stellen. Die klare Antwort für Medienunternehmen: Der Mensch will verstehen und fähig sein zu handeln. Dazu braucht es Information. Dazu braucht es verlässliche Information, die Komplexes verständlich macht. Immer und überall. 24/7. Information auf dem Punkt. 

Die vergangenen zwei Jahre in dieser Pandemie haben die Ansprüche noch einmal neu definiert, die andere und vor allem wir selbst, als Medienmacher:innen, ununterbrochen an uns stellen. Wir sind im Wandel, mindestens seit dem Start des Internets Mitte der 90er. Und wir sind im Wettkampf – mit zahl- und namenlosen Informationsquellen weltweit. Im Rennen um das vermutlich wertvollste menschliche Gut unserer Zeit: um Aufmerksamkeit. 

Vorbei sind die Zeiten, als etablierte Redaktionen in einer Quasi-Monopolstellung entscheiden konnten, was morgen für Welt und Mensch wichtig ist. Internet, Social Media und Digitalisierung formten ein neues, weltumspannendes, hochdynamisches Netzwerk aus Milliarden Sender:innen und Empfänger:innen. Corona hat dieses ungekannte Chaos verstärkt, und dieses Chaos bietet Chancen und Risken gleichermaßen: Generell ist die Nachfrage nach Information gestiegen, was etablierten Medien starke Zuwächse bescherte. Zugleich ist aber auch das Vertrauen in Social Media gewachsen, deren Tore für Fake News und Verschwörungstheorien schier ungefiltert offenstehen. 

Dazu kommt das veränderte Nutzungsverhalten, das jede:r an sich selbst nachvollziehen kann. „Always on“ bedeutet für Medienhäuser, den Anspruch von Echtzeit-Informationen neu festzulegen. Redaktionen buhlen nun nicht nur um die spannendsten Themen, die besten Aufmacher, sondern auch um Klickraten und digitale Performance. 

© PantherMedia/Andriy Popov

Was bleibt und immer bleiben wird: der Anspruch des Qualitätsjournalismus. Diesen Begriff verwenden wir schnell, und dabei müssen wir immer auch darüber nachdenken, was er wirklich bedeutet – wie man ihn gewährleistet, erkennbar macht und damit nutzbar für all jene, denen wir verlässliche Information bieten wollen. 

In sogenannten Krisen – nicht erst seit Corona oder in Zeiten des Krieges vor unserer Haustür – müssen wir unser Tun und Handeln als Mensch, aber auch als Medienhaus, immer wieder neu beleuchten. An Corona kommt niemand von uns vorbei, die Pandemie bewegt. Es berührt die Menschen in ihrer Arbeit, im Privaten, in ihrer Gesundheit und in ihrer Sicht auf Grundrechte und Freiheiten. 

Seriöse Medienmarken sind in diesen Zeiten umso mehr gefordert. Sie müssen sich deutlich der anerkannten Wissenschaft und der Vermittlung von Fakten an unsere Leser:innen und User:innen verschreiben. Dabei ist klar: Nur die wenigsten Infektiologen oder Epidemiologen arbeiten in Redaktionen. Kein:e Journalist:in hat das studiert oder gelernt. Redakteur:innen mussten hier ins kalte Wasser springen – und haben rasch schwimmen gelernt. Die Gesellschaft verlässt sich darauf, verlässliche Information zu bekommen. Mit diesem Vertrauen gilt es, sorgsam umzugehen, wir als Medienunternehmen müssen es uns immer wieder neu verdienen. Hochkomplexe Themen verständlich zu machen, den Menschen zu zeigen, worauf es ankommt, ihnen all jene Informationen zu bieten, die ihnen ein freies Entscheiden und Handeln ermöglichen. Daran arbeiten wir ununterbrochen.

Die direkten Reaktionen, die Befindlichkeiten in der Gesellschaft, bleiben gerade den Redaktionen nicht verborgen. Dort spürt man den sozialen Zwiespalt aus nächster Nähe. Klar ist: Seriöse Medien fördern und stärken die Demokratie. Nicht umsonst gelten Medien als vierte Gewalt im Staat. Denn wir alle müssen miteinander im Austausch bleiben, der Faden darf nicht abreißen. Dieser Austausch wird bedingt durch Vielfalt, auch durch Meinungsvielfalt und damit durch Gerechtigkeit, wenn diese Meinungsvielfalt Gehalt und Geltung hat. All das braucht aber vor allem zwei Dinge, die die Welt manchmal vermissen lässt: konstruktive Kritik und gewissenhafte Kontrolle. Gerade deshalb kommt unabhängigen Medien eine alles entscheidende Rolle zu.

© PantherMedia/Boris Zerrann

Pressefreiheit und Meinungsvielfalt ermöglichen offene, transparente politische Prozesse. Zudem bildet unabhängiger Journalismus auch im Digitalen die Grundlage für den demokratischen Diskurs. Demokratie als Verwirklichung von Freiheit, Gleichheit, Solidarität und Gerechtigkeit in Staat und Gesellschaft ist nicht vom Himmel gefallen. Sie ist das Ergebnis eines langwierigen, widersprüchlichen, zur Zukunft hin offenen Prozesses. Gerade in diesen Zeiten wird uns das wieder schmerzlich bewusst.

Die Rolle freier Medien für das Gelingen der Demokratie und das Zusammenleben als aufgeklärte Gemeinschaft erscheint wichtiger denn je: Eine Gesellschaft ergibt und erklärt sich nicht nur aus politischen und ökonomischen Verhältnissen, sondern aus ihrer Kommunikation – und gerade dort müssen wir ansetzen: In der neuen Gesellschaft, die wir gerade werden oder längst geworden sind, wird Medienkompetenz unverzichtbar. Die Fähigkeit der und des Einzelnen, mit Medien aller Gattungen verantwortungsvoll umgehen zu können und sie entsprechend zu nutzen. Medienkompetenz heißt auch digitale Kompetenz: Inhalte hinsichtlich Qualität und Quellen zu unterscheiden, die Fähigkeit, sich als Mensch die Welt sozusagen anzueignen und alle Arten von Medien dafür einzusetzen. Massenmedien und Mediendienste sind dazu allgegenwärtig. Sie informieren und unterhalten, sie strukturieren Abläufe und sie verbinden Menschen. 

Die Digitalisierung brachte zu den klassischen analogen Medien (Presse, Radio und Fernsehen) die Wende vom passiven Lesen, Hören und Sehen hin zur interaktiven Nutzung. Es stehen jederzeit enorme Mengen an Information und Wissen, aber auch an Fehlinformation und Halbwissen zur Verfügung. Im öffentlichen Raum kommt es zu einer raschen Abfolge von Nachrichten und Meinungen, zu neuen Formen demokratischer Teilhabe. Dieses digitale Kommunikationsuniversum hat längst auf die traditionellen Medien übergegriffen. Seit dem Internet sind viele gewohnt, millionenfach und rund um die Uhr Meinungen über Meinungen von Meinungen zu posten. Jede:r möchte einmal gehört werden. Sehr oft geht es da um Affekte, um momentan empfundene Defizite, Abneigungen und Ressentiments. Auch so wird heute Politik gemacht und die Gesellschaft geprägt – von uns allen. Immer mehr Menschen haben sich neben der Politik und der etablierten Wissenschaft auch die Medien als Ziel ihrer Empörung gewählt. Die Trendforschung nennt dieses Phänomen auch Empörokratie, als Produkt einer systemischen Fehlsteuerung kommunikativer Systeme. In ihr ist das Medium, der Vermittler, ausschließlich Profiteur von Botschaften, ohne jede Verantwortung und Moderation. Und sie versucht sich spielerisch an Emotionen – sie sind die Reaktion auf eine Welt, die keine Eindeutigkeit mehr bietet. 

Eines aber wird bleiben: Das urmenschliche Bedürfnis des Menschen, zu verstehen. Und danach handeln zu können. Dazu braucht es Information. Dieses Bedürfnis nach seriösen Quellen, die Meinungsvielfalt als solche zulassen und fördern, die Blickwinkel aufzeigen und damit den Horizont erweitern. Dieses ungebrochene Interesse an dem, das gerade vor sich geht und dem, was es braucht, um das alles einzuordnen, ist die Triebfeder von Wissenschaft und Medien zugleich. Und das ist unverzichtbar – für jede:n Einzelnen. Gerade in diesem großen Wandel. Wir arbeiten weiter daran.

Autor: Markus Mair