Wenn ein Medikament plötzlich nicht verfügbar ist, trifft das Patientinnen und Patienten unmittelbar. Es entsteht Unsicherheit, manchmal sogar Angst. Lieferengpässe sind längst mehr als ein abstraktes Systemproblem, sondern im Alltag vieler Menschen angekommen.
In der öffentlichen Diskussion entsteht dabei häufig der Eindruck, das Versorgungssystem habe ernsthafte Lücken. Tatsächlich zeigt sich jedoch ein differenzierteres Bild: Ein Lieferengpass bedeutet nicht automatisch, dass Patientinnen und Patienten nicht mehr versorgt werden können.
Hersteller, Großhandel und Apotheken reagieren heute mit hoher Flexibilität auf kurzfristige Unterbrechungen. Ersatzprodukte, alternative Lieferanten oder angepasste Dispositionen ermöglichen es in vielen Fällen, Versorgungslücken zu vermeiden. Gleichzeitig wird dadurch auch deutlich, wie empfindlich globale Produktions- und Lieferstrukturen geworden sind.
Stabilität durch Vorrat – aber nur begrenzt
Ein wichtiger Schritt zur Stabilisierung der Versorgung wurde in Österreich mit der verpflichtenden Einlagerung ausgewählter Arzneimittel gesetzt. Seit April 2025 müssen für bestimmte Produkte Mindestbestände eingehalten werden. Diese Maßnahme schafft Planungssicherheit und hilft, kurzfristige Lieferunterbrechungen abzufedern.
Vorratshaltung allein kann strukturelle Probleme jedoch nicht lösen. Bevor Arzneimittel eingelagert werden können, müssen sie produziert, verarbeitet, verpackt und freigegeben werden. Kommt es in einem dieser Schritte zu Störungen, wirkt sich das unmittelbar auf die Verfügbarkeit aus.

Aus meiner Sicht wird hier oft ein zentraler Aspekt unterschätzt: Lagerhaltung stabilisiert das System, sie ersetzt allerdings keine stabilen Produktionsstrukturen.
Grenzen globaler Lieferketten
Eine zentrale Ursache vieler Engpässe liegt in der Entwicklung globaler Produktionsstrukturen. Über Jahre hinweg hat der Preisdruck im Gesundheitswesen dazu geführt, dass pharmazeutische Produktion zunehmend in Niedrigkostenregionen verlagert wurde.
Dieses Modell war lange wirtschaftlich sinnvoll. Gleichzeitig sind die Lieferstrukturen dadurch aber komplexer und anfälliger geworden. Jeder zusätzliche Produktionsschritt an einem anderen Standort bedeutet mehr Schnittstellen, mehr Koordination und mehr potenzielle Störquellen. Ereignisse wie pandemiebedingte Unterbrechungen oder geopolitische Spannungen haben diese Verwundbarkeit deutlich gemacht.
Hier zeigt sich klar: Die Industrie muss gemeinsam mit der Politik Verantwortung übernehmen, um diese Abhängigkeiten gezielt zu reduzieren.
Produktion als strategischer Faktor
Vor diesem Hintergrund gewinnt die Frage regionaler Produktionskapazitäten zunehmend an Bedeutung. Ein leistungsfähiger Pharmastandort kann langfristig nicht allein auf Forschung und Entwicklung setzen. Produktion ist ein zentraler Bestandteil der pharmazeutischen Wertschöpfung.
Regionale Produktionsstrukturen ermöglichen kürzere Wege, bessere Steuerbarkeit und schnellere Reaktionsfähigkeit. Gerade in Situationen, in denen Produktionsmengen angepasst werden müssen, kann eine lokale Infrastruktur entscheidende Vorteile bieten.
Besonders unterschätzt wird dabei, meiner Meinung nach, häufig die Rolle der sogenannten sekundären Herstellung. Prozesse wie Verpackung, Serialisierung, Konfektionierung und Qualitätsprüfung entscheiden darüber, wann ein Arzneimittel tatsächlich verfügbar ist. Wenn diese Schritte regional stattfinden, lassen sich Anpassungen deutlich schneller umsetzen.

Effizienz im Hochkostenstandort
In der Diskussion wird häufig angeführt, dass Produktion in Europa wirtschaftlich nur begrenzt mit anderen Produktionsstandorten konkurrieren könne. Tatsächlich haben sich die Rahmenbedingungen industrieller Fertigung jedoch grundlegend verändert: Moderne Produktionsanlagen arbeiten hoch automatisiert und digital gesteuert. Dadurch verliert der Faktor Arbeitskosten an Bedeutung, während Prozessqualität und Stabilität wichtiger werden.
Gleichzeitig verursachen globale Lieferketten erhebliche indirekte Kosten – etwa durch Transport, Logistik und Koordinationsaufwand. Berücksichtigt man diese Faktoren, relativieren sich viele Standortunterschiede.
Versorgungssicherheit als europäische Aufgabe
Langfristig wird die Stabilität der Arzneimittelversorgung daher nicht allein durch nationale Maßnahmen gesichert werden können. Viele Lieferstrukturen sind ohnehin europäisch organisiert. Eine stärkere Abstimmung von Produktion, Lagerhaltung und regulatorischen Rahmenbedingungen könnte dazu beitragen, Ressourcen effizienter zu nutzen und Versorgungssysteme robuster zu machen.
Globale Lieferketten werden weiterhin eine wichtige Rolle spielen. Ich bin aber überzeugt, dass ihre Ergänzung durch regionale Produktionskapazitäten zu einem entscheidenden Stabilitätsfaktor wird.
Die Zukunft der pharmazeutischen Produktion liegt daher nicht in einer vollständigen Rückverlagerung, sondern in einer neuen Balance: zwischen globaler Effizienz und regionaler Versorgungssicherheit. Für mich ist klar: Wer diese Balance erreicht, stärkt nicht nur industrielle Wertschöpfung, sondern auch die Stabilität der medizinischen Versorgung.
Autor: Christoph Reinwald
