Alexander Parte: Psychoanalytische Perspektiven im Management

Mit psychoanalytischem Blick zu erfolgreichem und gesundem Management.
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Alexander Parte: Psychoanalytische Perspektiven im Management
Alexander Parte, Psychoanalytiker und Lehrgangsleiter der Wiener psychoanalytischen Akademie (psy).

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In der modernen Managementlehre werden Organisationen oft als rationale Maschinen betrachtet. Doch jeder, der Teams führt, weiß: Die entscheidenden Dynamiken spielen sich oft im Verborgenen ab und sind hochemotional.

Wer diese unbewussten Prozesse versteht, führt nicht nur effektiver, sondern schützt auch die eigene psychische Gesundheit und jene des Teams.

Das Erbe der Rangdynamik: Alpha bis Omega

Nach dem weltweit bekannten Modell von Raoul Schindler bilden sich in jeder Gruppe unbewusst vier Grundpositionen aus:

  • Alpha (Führung), die Position der Richtungsvorgabe.

  • Beta (Experte), die sachlogische Beratung.

  • Gamma (Gefolgschaft), die ausführende Gruppe, die sich mit Alpha identifiziert.

  • Omega (Gegenposition), die Position, die Skepsis, Zweifel und Pessimismus bündelt.

Die Gruppe als Katalysator für Projektionen

Gruppen wirken wie ein psychologischer Katalysator. Unangenehme Gefühle wie Furcht, Hilflosigkeit oder Resignation werden in der Gamma-Position oft abgespalten und kollektiv auf die Omega-Position projiziert. Konkret bedeutet das: Die ausführende Gruppe begegnet den „Zweifler:innen“ mit negativen Reaktionen wie Entwertung und Ablehnung.

Dies hat zwei zentrale Ziele:

1. Das Identitätsprinzip: Es schafft durch die Abgrenzung zum „Schwachen“ ein Gefühl des Zusammenhalts und der Stärke in der Gruppe und fördert dadurch die Identifizierung mit der Alpha Position, also mit den Entscheidungsträger:innen.

2. Das Ambivalenzprinzip: Die Gruppe kann so widersprüchliche Gefühle (wie Optimismus versus Angst) aushalten, indem sie die negativen Anteile bei einem Mitglied „projektiv parkt“. Omega fungiert hierbei als wichtiger „Behälter“, in der Fachsprache „Container“, der die Gruppe meist unfreiwillig stabilisiert.

Wenn die Führungskraft zum Container wird – ein Fallbeispiel

Oft rückt nicht nur ein Teammitglied, sondern die Führungskraft selbst in die Omega-Position. Dazu ein anschauliches Beispiel:

Ein Leiter eines Callcenters, der sich sehr um seine Mannschaft bemüht, ist mit nicht enden wollenden Klagen und Beschwerden seiner Mitarbeiter:innen konfrontiert. Trotz aller Verbesserungsvorschläge und Anstrengungen, die er unternimmt, die Klagen ernst zu nehmen und Veränderungen anzustoßen, nimmt der Strom an Unzufriedenheit nicht ab. Die einstmals hochmotivierte und energiegeladene Führungskraft wird zunehmend mutlos und depressiv. Auch verschiedenste Teamklausuren bringen keine Besserung. Schließlich erkrankt die Führungskraft an einem Burnout und fällt für mehrere Monate aus.

Alexander Parte Psychoanalytische Perspektiven im Management
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Es ist anzunehmen, dass die Entscheidungsträger:in die ständigen Klagen die Arbeitssituation der Mitarbeiter:innen betreffend nicht mehr aushält.

Die psychodynamische Analyse: Das Team hat seine eigenen Gefühle von Unzulänglichkeit und Belastung (durch schwierige Kundenkontakte) in die Führungskraft „hineingelegt“. Die Führungskraft wurde zum Adressaten einer unbewussten Botschaft, die sie jedoch aufgrund des enormen Drucks nicht entschlüsseln konnte. Der „Container“ lief sprichwörtlich über.

Der Ausweg: Die Container-Funktion produktiv nutzen

Aufgabe einer psychodynamischen Führung ist es, diese Prozesse sichtbar zu machen. Statt nur auf der Sachebene nach Lösungen zu suchen, hätte die Führungskraft das „Unabänderliche“ thematisieren müssen: Die Tatsache, dass der Job emotional belastend ist.

Indem die Führungskraft das Unaussprechliche in Worte fasst, hilft sie dem Team, ein emotionales Gleichgewicht herzustellen. So muss das Negative nicht mehr verleugnet, evakuiert oder als eigenes Versagen eingeordnet werden, und das Team gewinnt seinen Realitätsbezug zurück, ohne auszubrennen.

Psychodynamische Team- und Organisationsberatung setzt genau hier an: Diese zeigt durch den Blick unter die Oberfläche der Teamprozesse neue Zusammenhänge auf und ermöglicht so ein besseres Verständnis dieser Prozesse.

Über Alexander Parte

Alexander Parte ist Psychoanalytiker in Wien und berät zahlreiche Unternehmen aus unterschiedlichsten Bereichen. Seine Thesen sind Kern der Fortbildung „Psychoanalytisch orientiertes Management“, die er an der Wiener Psychoanalytischen Akademie leitet.

Autor: Alexander Parte

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