Nationaler Schulterschluss gegen erhöhtes Cholesterin dringend erforderlich!

© Roland Rudolph

v.l.n.r.: Helmut Schulter/Bundesgeschäftsführer des Österreichischen Herzverbands, Martin Clodi/Vorstand der Abteilung für Innere Medizin im Krankenhaus der Barmherzigen Brüder Linz und Präsident der Österreichischen Diabetes Gesellschaft (ÖDG), Peter Siostrzonek/Past-Präsident und Pressereferent der Österreichischen Kardiologischen Gesellschaft (ÖKG).

25.08.2022 | 3 min

Nationaler Schulterschluss gegen erhöhtes Cholesterin dringend erforderlich!

Experten kritisieren mangelndes Engagement zur Bekämpfung der Todesursache Nr. 1 in Österreich.

Führende Experten für Herz-Kreislauf-Erkrankungen appellieren an Entscheidungsträger, konkrete Lösungen für die Reduktion der alarmierend hohen Todeszahlen durch erhöhtes Cholesterin zu erarbeiten. Der Appell fußt auf einer kürzlich vorgestellten IHS-Studie(1), die belegt, dass 8,2% aller (!) Todesfälle in Österreich durch die Erreichung der LDL-C-Zielwerte vermieden werden könnten. Erhöhtes „Low Density Lipoprotein“ (kurz: LDL)-Cholesterin ist ein bedeutender Risikofaktor für die Entwicklung von atherosklerotischen kardiovaskulären Erkrankungen wie beispielsweise Herzinfarkt und Schlaganfall. Zudem ortet die Studie eine Milliarde Euro an jährlichem Einsparungspotenzial bei den volkswirtschaftlichen Kosten der Erkrankung. Durch die Senkung von Krankenstand, Invalidität und Mortalität wäre ein jährlicher Produktionsgewinn von 300 Mio. EUR für die Volkswirtschaft absolut realistisch.

Nationales Problem

„Bei diesen Zahlen müssen alle Alarmglocken läuten. Noch dazu verbirgt sich hinter jedem Einzelschicksal ein menschliches Drama“, verdeutlicht Martin Clodi, Vorstand der Abteilung für Innere Medizin im Krankenhaus der Barmherzigen Brüder Linz und Präsident der Österreichischen Diabetes Gesellschaft (ÖDG).

Clodi spricht von einem nationalen Problem, das teilweise vermeidbar wäre: „Hätten alle Personen der Risikogruppe im Jahr 2019 ihren LDL-C-Zielwert erreicht, so wären damit 6.800 Todesfälle verhindert worden. Diese Situation ist nicht akzeptabel. Wir müssen handeln!“

© PantherMedia / lightsource

Verbreiteter Irrglaube

Es sei ein weit verbreiteter Irrglaube, dass allein eine Umstellung der Ernährungsgewohnheiten und des Lebensstils das Problem lösen könnte. Bei erhöhtem LDL-Cholesterin können Lebensstilveränderungen in der Regel nur 5-10% Reduktion bewirken. „Es hilft also wenig, nur die Menschen selbst in die Pflicht zu nehmen“, so Clodi weiter. „Vielmehr muss unser Gesundheitssystem das Problem weitaus aktiver angehen.“ Er appelliert einerseits an die Verantwortlichen, den niedergelassenen Bereich wesentlich stärker einzubinden, um die Risikopatient:innen besser identifizieren zu können. Dazu brauche es einen Anschub durch die Politik. Andererseits rät der Experte zu Maßnahmen, die die Therapietreue und die Nutzung sämtlicher therapeutischer Optionen steigern. „Wir müssen durch Aufklärung und Schulung das Bewusstsein bzw. auch den Informationsstand in der Bevölkerung steigern. Der Aufwand für solche Maßnahmen käme uns wesentlich günstiger als die volkswirtschaftlichen Kosten, wenn wir keine Schritte setzen.“

Akzeptanz der Situation

Peter Siostrzonek, Past-Präsident und Pressereferent der Österreichischen Kardiologischen Gesellschaft (ÖKG), pocht darauf, die dramatische Situation anzuerkennen. Obwohl es hochwirksame Therapieoptionen gibt, die den Patient:innen zur Verfügung stehen, sei die Therapiesituation unbefriedigend. „Viel zu wenig Betroffene erhalten eine adäquate Therapie. Fast 80% der Österreicher:innen, die bereits ein kardiovaskuläres Ereignis wie Herzinfarkt oder Schlaganfall hatten, erreichen ihr Therapieziel nicht. Oft ist die nicht ordnungsgemäße Einnahme der Medikamente der Grund (2), berichtet Siostrzonek und liefert gleichzeitig einen Lösungsvorschlag: „Eine Zusammenführung der oft bereits verfügbaren Daten wäre wichtig, um die Situation zu verbessern. Auch die Ärzt:innen im niedergelassenen Bereich müssten deutlich besser eingebunden werden. Neue Technologien könnten sogar kurzfristig helfen. Zum Beispiel ein Software-Tool, das die Ärzt:innen bei der Identifikation von Risikopatient:innen unterstützt. Dieses könnte den Ärzt:innen ermöglichen, aufgrund von Risikoparametern jene Personen zu erheben, die genauer beobachtet werden müssen. Bindet man Betroffene in die Applikation ein, stärkt das die aktive Beteiligung und damit die Adhärenz. Es gibt also Möglichkeiten. Wir müssen sie nur umsetzen.“

© PantherMedia /AndreyPopov

Reparaturmedizin vorherrschend

Auch Helmut Schulter, Bundesgeschäftsführer des Österreichischen Herzverbands, unterstützt als Vertreter der Patient:innen den Appell der Experten. Er weist darauf hin, dass in Österreich noch immer das Prinzip der Reparaturmedizin vorherrscht, und sagt: „Es wäre besser, die Bedrohung früher zu erkennen und zu wissen, wer besonders gefährdet ist. Es schmerzt, tagtäglich das menschliche Leid hautnah mitzuerleben, das ein Herzinfarkt oder Schlaganfall verursacht, und zu wissen, dass dieses Leid eventuell vermeidbar gewesen wäre. Daher wünschen wir uns als Herzverband, dass das engmaschige Screening ausgebaut wird, damit die existierenden Behandlungen auch bei der Patientin und beim Patienten ankommen.“

Nationaler Schulterschluss gefordert

Damit dringend benötigte Lösungen auch realisiert werden, sehen die Experten die Politik gefordert. Clodi präzisiert: „Es ist seit langem bekannt, dass die Bekämpfung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen derzeit keine gesundheitspolitische Priorität mehr genießt, obwohl diese die Todesursache Nr. 1 in Österreich sind. Das Problem ist im Moment kaum mehr am Radar der Entscheidungsträger im Gesundheitssystem – somit fehlt bislang ein konkreter Plan für dessen Lösung. (3)

Siostrzonek betont die Notwendigkeit zu handeln: „Nur ein nationaler Schulterschluss kann die ungeheuren gesundheitlichen und volkswirtschaftlichen Schäden dieser Krankheiten reduzieren. Alle Entscheidungsträger:innen müssen gemeinsam Maßnahmen zur Früherkennung und zur Verbesserung der Therapiesituation in Angriff nehmen. Die IHS-Studie hat uns das wieder drastisch vor Augen geführt.“

Referenzen:

  1. IHS-Studie „Volkswirtschaftliche Kosten der Hypercholesterinämie in Österreich“, https://irihs.ihs.ac.at/id/eprint/6213/ 
  1. Siostrzonek, P., Brath, H., Zweiker, R. et al. Lipid lowering therapy in primary and secondary prevention in Austria: are LDL-C goals achieved?. Wien Klin Wochenschr 134, 294–301 (2022). https://doi.org/10.1007/s00508-021-01978-w 
  1. Statistik Austria, https://www.ots.at/redirect/statistik55 


Weitere Infos:  Novartis Pharma GmbH, https://www.novartis.com/at-de