Keep Calm

Die Angst geht um. Vor dem Virus, vor einem Systemcrash, vor der Pleite. Mit welchen Ansätzen man sich der Furcht konstruktiv stellen kann, erklären Experten und Unternehmen.
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THEORIE: Es mag nicht salonfähig sein, weil wir gelernt haben, selbst in schwierigen Situationen stark zu sein, aber derzeit haben viele Menschen Angst. Manche haben Angst, sich mit Covid-19 anzustecken, andere, ihren Job zu verlieren. Unternehmer, die massive Verluste eingefahren haben, fürchten, Mitarbeiter nicht halten zu können – oder sie mussten sich schon von ihnen trennen und sehen ihr Lebenswerk in Schutt und Asche. Wenn die Pro­gnosen der Wirtschaftsforscher stimmen, dürften zumindest manche Ängste berechtigt sein.

Der Autor und Vortragende Gerhard Scheucher hat sich intensiv mit Niederlagen beschäftigt und kennt diverse Unternehmer, die gerade nicht wissen, ob sie ihre Mitarbeiter halten können: „Viele stehen vor dem Nichts, obwohl sie jeden Tag alles gegeben haben.“ Scheucher hat 2008, wenige Monate vor Ausbruch der Finanzkrise, mit Christine Steindorfer das Buch „Die Kraft des Scheiterns“ veröffentlicht und damit den Nerv der Zeit getroffen. 2011 haben die beiden „Die Aufwärtsspirale – Wie man mit Erfolg Niederlagen meistert“ nachgelegt. Ihre Erkenntnisse können auch jetzt nützlich sein, wo viele Menschen – oft unverschuldet – scheitern.

Autorin, PR-Beraterin und Schreibtrainerin Steindorfer schickt voraus: „Angst kann man nicht wegzwingen. Wenn sie da ist, ist sie da.“ Sich seine Angst nicht einzugestehen, hat Steindorfer oft bei Männern beobachtet, Frauen seien eher bereit, sich Ängste einzugestehen – und das sei gut: „Je klarer man etwas benennt, desto besser kann man damit arbeiten. Dann weiß ich, dass ich vorsichtig sein muss.“ Was Angst verstärke, sei das Gefühl, der Spielball anderer zu sein – eines Virus oder der Regierung. Natürlich habe der Einzelne immer Spielräume, „aber sie zu erkennen, ist schwierig“.

Mit dem Worst Case rechnen

Kann man Scheitern vorbeugen? Steindorfer: „Eine Strategie, um Scheitern zu vermeiden, ist, es von Anfang an einzuplanen.“ In Businessplänen finde man keine Szenarien für den Ernstfall. Steindorfer hat selbst Bekannte, die Scheiter-Szenarien einkalkuliert haben: „Das hat sie flexibler gemacht. Auch sie haben verloren, aber es geht ihnen bis jetzt relativ gut.“ Meist ignoriere und verdränge man lieber, aus Angst vor den Konsequenzen.
Auch Gerhard Scheucher ist überzeugt: „Der Umgang mit dem Thema Misserfolg ist die Voraussetzung, um Erfolg zu haben.“ Beispiele hat er viele gefunden. Dazu gehören Thomas Edison, der fast 9500 Kohlefäden ausprobiert hat, bis er die erste elektrische Glühlampe erfand, oder James Dyson, der 4126 Prototypen seines Staubsaugers anfertigte, bis Nummer 4127 die Marktreife erreichte. ­Scheucher: „Wir machen in unseren Breiten den Fehler, die Vorgeschichte auszublenden, wenn wir Erfolgsgeschichten erzählen.“ Zudem sei der richtige Umgang mit dem Scheitern eine Schlüsselqualifikation im 21. Jahrhundert.

Wenn die Angst blind macht

Aber wie sieht es aus, wenn eine Niederlage durch äußere Umstände droht? Was machen die düsteren Wirtschaftsprognosen mit uns? Kann es zur selbsterfüllenden Prophezeiung werden, wenn wir einander ständig erzählen, wie schlimm alles wird? Schließlich wissen wir aus der Behavioral Finance, wie sehr sich Stimmungen auf das wirtschaftliche Verhalten auswirken können – ob Corona-Hamsterkäufe oder Börsenkurse. Scheucher: „Es ist furchtbar, wenn wir permanent davon reden, was alles passieren und wie alles den Bach runtergehen könnte.“ Stattdessen sollten wir einander Mut machen, etwas auszuprobieren: „Eine der größten Hemmschwellen, etwas nicht zu tun, ist die Angst vor dem Scheitern. Manche Menschen beklagen ein Leben lang, etwas nicht getan zu haben.“ Wer eine Idee hat, solle sie durchziehen. Scheitern sei besser, als es nie versucht zu haben: „Dann ist es wenigstens abgeschlossen.“ Die „Vollkaskomentalität“, unser Wunsch, uns gegen alles im Leben abzusichern, und die Angst vor Risiken hält Scheucher für oft kontraproduktiv. Beispiele wie die Pleite der Commerzialbank Mattersburg würden zeigen, dass auch Regelwahn und Kon­trollzwang keine Garantien für Erfolg seien.

Und was, wenn die Zukunftsangst alles verdunkelt? ­Christine Steindorfer rät, darüber zu reden – auch wenn man sich schämt. Das hat auch sie zu Beginn des Lockdowns gemacht, als sie sich ausgeliefert fühlte, in ihren persönlichen Freiheiten eingeschränkt war und erst einmal nicht wusste, ob Kunden abspringen würden: „Man wundert sich, wie viele Leute bereit sind, einem Hilfestellungen zu geben.“ Wenn man den Wald vor lauter Bäumen nicht sehe, „können einem andere aufzeigen, dass es Wege gibt“.

PRAXIS:

„Um eine Erfahrung reicher“

Andreas Fill, Geschäftsführer des oberösterreichischen Maschinen- und Anlagenbauers Fill mit 920 Mitarbeitern, setzt auf Optimismus und Mut anstatt auf Angst, die einen daran hindert, etwas aufzubauen. 

Als ich Fill mit 200 Mitarbeitern übernommen und schnell viele weitere eingestellt habe, wurde ich gefragt, ob ich nicht Angst habe, zu schnell zu wachsen. Aber vor lauter Angst nichts aufzubauen, wäre nicht gut. Du brauchst einen gewissen Optimismus und Mut, sonst kannst du kein Unternehmen entwickeln. Natürlich gab es auch bei Fill Aufs und Abs. Die Finanzkrise 2009 war eines der Abs. Doch sie war für uns nach ein paar Monaten beendet. Wir sind danach stärker gewachsen denn je. Wir sind so gut durchgekommen, weil wir schon vorher Szenarien erstellt haben, zum Beispiel: Was heißt es für Fill, wenn der Automotive-Bereich um 20 Prozent einbricht? So mussten wir in der Krise nicht bei null beginnen. 
Wir haben auch einen Belastungstest gemacht, wo wir gefragt haben: Wie viele Jahre kann die Wirtschaft schlecht laufen, ohne Fill zu stark zu treffen? Eine Krise des aktuellen Ausmaßes haben wir aber nie durchgespielt. Jetzt sind wir wieder um eine Erfahrung reicher. Trotzdem ist die Stimmung nicht schlecht, denn wir hatten 2020 ohnehin mit Rückgängen in Einzelsegmenten gerechnet. Die Automobilindustrie hätte auch ohne Corona geschwächelt, auch die Flugzeugindustrie hatte Investitionen gestoppt. Ich hatte keine Angst wegen dieser Krise, aber es war ein gewisser Stress und eine unwirkliche Situation. Wir haben zwei Wochen Betriebsurlaub eingelegt. Ich war so sehr auf die Kommunikation fokussiert, dass ich gar keine Zeit hatte, über eine Rezession nachzudenken. Ich war teilweise verärgert, weil manche Kunden und Mitarbeiter die Krise nicht erkannt haben. 
Ich bin ein eher positiver Mensch. Wir haben viele Vorteile gegenüber Wettbewerbern – zum Beispiel unsere große Fertigungstiefe und dass wir aus eigener Kraft wachsen. Wir haben immer in Mitarbeiter und Innovationen investiert und gerade einen großen Bauabschnitt fertiggestellt. Außerdem fallen jetzt auch Kosten für Reisen und Messen weg. Eine Krise ist ein guter Zeitpunkt, um über Strukturen und Märkte nachzudenken. Der Markt orientiert sich jetzt neu, und wir haben in den letzten Wochen sehr gute neue Kunden gewonnen. Unsere Vision „We are one“ heißt: Wir sind nur im Team erfolgreich, und auch durch diese Krise muss das ganze Team gehen.

„Gehen wir’s gemeinsam an!“ 

Hannes Freudenthaler ist Gründer und Geschäftsführer des Anbieters von Kaltwachs-Enthaarungsstreifen ­andmetics. Das 2014 gegründete Unternehmen vertreibt mit elf Mitarbeitern seine Produkte vor allem in Drogeriemärkten und bei Friseuren. 

Negative Schlagzeilen machen mir keine Angst, aber sie machen mich wachsam. Ich frage mich: Wo betrifft uns das? Wo muss ich aufpassen? In einem Unternehmen wie unserem, das noch keinen Speck angefressen hat, ist man laufend mit schwierigen Situationen konfrontiert. Es reicht, einen Großkunden zu verlieren und der halbe Umsatz ist womöglich weg. Dass es jetzt eine Krise gibt, macht uns nur noch wachsamer, als wir es ohnehin sind.
Ich habe keine Angst, aber Respekt vor Rückschlägen. Ich bin vielleicht einen Tag niedergeschlagen, aber dann konzentriere ich mich wieder auf die Lösung. In Krisensituationen ist es wichtig, der Wahrheit ins Auge zu blicken und nichts schönzureden. Dann kann man zusammenhelfen und schauen, wie man wieder herauskommt. Und als kleines und junges Unternehmen sind wir ja ­extrem schnell darin, das Geschäftsmodell zu ändern. 
Jedes Unternehmen braucht Voraussicht und Risikobereitschaft, aber kleine Organisationen können schneller Entscheidungen treffen. So hat uns eine frühe Entscheidung bisher gut durch die Krise geholfen: Wir haben noch vor den Lockdowns Masken importiert und waren damit einer der ersten. Wir haben sie an unsere Partner im Handel, an Flughäfen, Transport- und Logistikunternehmen verkauft. So können wir schon jetzt sagen, dass 2020 für andmetics, trotz Umsatzeinbußen im Friseur-Geschäft, positiv wird.
Es braucht Unternehmen, die sich trauen, in einer Zeit wie dieser weiterzumachen. Dazu wäre ein stärkeres Wir-Gefühl wichtig, das es kurz während des Lockdowns gab. Jetzt wird meiner Meinung nach nicht erkannt, dass wir der Staat sind: Irgendwer muss die Hilfsgelder, die jetzt ausbezahlt werden, wieder einnehmen. Und irgendwer ist der Staat. Und der Staat sind wir. Wenn wir gemeinsam positiv in die Zukunft schauen und aufhören zu jammern, müssen wir keine Angst vor der Zukunft haben. Gehen wir’s gemeinsam an, wir schaffen das!

„Angst macht krank“ 

Katharina Schneider ist Geschäftsführerin des Handelsunternehmens Mediashop mit 300 Mitarbeitern und sieben Standorten weltweit. Sie ist aus der Sendung „2 Minuten 2 Millionen“ als Start-up-Investorin bekannt.

Angst ist der größte Hemmschuh von uns Menschen. Angst lähmt uns. Je mehr Angst man hat, umso mehr steckt man in seinem Leid fest. Ich weiß das, weil Angst eine Zeit lang mein Leben bestimmt hat. Ich habe sogar erfahren, wie sich Angstzustände auf die Gesundheit auswirken. Mittlerweile habe ich gelernt, Krisen als Chance zu sehen. 
Als ich 2007, kurz vor der Finanzkrise, die Geschäftsführung von Mediashop übernommen habe, stand das Unternehmen mehrmals vor dem Konkurs. Wir hatten große Schulden, und es ging immer ums Überleben. Außerdem wurde 2006 mein Sohn geboren. Ich habe gelernt, auf die Probleme zu schauen und mich dann auf meine Stärken zu konzentrieren. Eine meiner Hauptaufgaben als Geschäftsführerin ist, in die Zukunft zu schauen und mich zu fragen: In welche Richtung gehen wir? Was gibt es Neues? Was können wir noch machen? Von der Denke her sind wir eigentlich ein Start-up. Es ist wichtig, welche Geschichten man sich anhört und sich selbst erzählt. Je öfter man etwas hört oder sieht, umso eher glaubt man daran – so arbeitet auch die Werbung. Wenn ich ständig mit dem Schlimmsten rechne, bin ich im Überlebensmodus. Aber das Leben sollte im Gestaltungsmodus gelebt werden. Wir sollten uns fragen: Welche Wege kann ich gehen? Auch im Unternehmen fokussiere ich nicht auf die negativen Prognosen, sondern sage: Wenn wir dies und jenes machen und zusammenhalten, schaffen wir das. Bei Mediashop machen wir zwei Drittel unseres Umsatzes im Distanzhandel und ein Drittel im stationären Handel. Daher waren wir vom Lockdown betroffen. Wir wussten zuerst nicht, was mit den Logistikcentern passiert. Wir haben früh auf Homeoffice umgestellt und die Shopmitarbeiter in Kurzarbeit geschickt. Wir haben eine Taskforce gebildet, die sich online getroffen und darüber beraten hat, wie wir den Warenfluss gewährleisten können. Das hat sich bewährt. Wir haben ein krisenfestes Top-Team.
Ich habe für mich gelernt, achtsam und bewusst zu leben. Ich meditiere regelmäßig, liebe Yoga, mache Sport und ernähre mich gesund. Ich mache Dinge, die mir gut tun. Es ist wichtig zu schätzen, was man hat – und das können auch Kleinigkeiten sein.

„Mut, aber mit Behutsamkeit“ 

Der Schokoladen-Unternehmer Josef Zotter ging pleite und wirtschaftet seither behutsamer. Das Unternehmen mit 250 Mitarbeitern setzt auf Bio-Zutaten, innovative Schoko-Ideen und fairen Handel und ist damit auch in der Krise erfolgreich.

Wer per se Angst hat, darf kein Unternehmer werden, weil im Unternehmen gibt es immer wieder unberechenbare Situationen. Ein Unternehmer braucht Mut, aber auch Behutsamkeit und Achtsamkeit. Es gibt Leute, die sind mutig und springen über eine Felsklippe – und kommen unten tot an. Bis zu einem gewissen Grad ist Angst also gut: Wenn ich Angst habe, muss ich nachdenken. Aber wenn man zu viel Angst hat, will man nichts mehr. Und wir müssen wieder einen Biss kriegen in Europa. Im Moment nimmt man den Leuten die Angst, indem man ihnen sagt: Es ist Corona, ihr könnt nichts dafür. Aber gäbe es Corona nicht, wären wir jetzt sicher trotzdem in einer Wirtschaftskrise, weil die Wirtschaft schon vorher am Abgrund war. Es gab in bestimmten Branchen wie der Hotellerie und der Gastronomie in den letzten Jahren zu wenig Innovationen. Außerdem haben die Leute zu viel Geld rausgeschmissen, weil sie eh keine Zinsen bekommen haben. Es wurde auch in wenig überlegte Technologien investiert. Früher hatte man ein Sparbuch für Notzeiten, dafür steigen jetzt die Börsenkurse. Es müssen wieder Zinsen her.
Gesunde Unternehmen sollten eine Eigenkapitalquote zwischen 50 und 70 Prozent haben. Dann kannst du auch so eine Krise besser übertauchen. Ich hab selbst gelernt, dass man auch ohne Kredite wirtschaften kann, nachdem ich in den 90ern mit Konditoreien in Graz pleite gegangen bin. Mir hat die Bank damals sehr gern Kredite gegeben, weil ich mit dem Unternehmen schnell sehr erfolgreich war. Wir haben Konkurs eingereicht und haben innerhalb von zwei Jahren von 50 auf zwei Mitarbeiter reduziert. Ich kämpfe sehr dafür, dass wir in Österreich eine Kultur des Scheiterns einführen. Mir war früher gar nicht bewusst, dass man hier automatisch ein Verlierer ist, wenn man mit einem Unternehmen scheitert. Wenn jetzt die Insolvenzwellen kommen sollten, dann kommen sie eben. Wichtig ist, dass man etwas daraus lernt. Wo es gebrannt hat, ist Asche, und auf Asche wächst’s meistens besonders gut.

Autor/in: Alexandra Rotter

Ersterscheinung: https: //www.die-wirtschaft.at

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