Herr Sikora, nach dem Studium der internationalen Betriebswirtschaft in Wien, mit Schwerpunkt Gesundheitsökonomie, begann ihre Zusammenarbeit mit ihrem Geschäftspartner, dem Internisten Babak Bahadori. Gemeinsam haben sie während der Corona-Zeit eine Plattform gegründet, die medizinische Informationen verständlich und gratis zur Verfügung stellte – mit großem Erfolg. Nehmen Sie uns kurz mit zurück: Wie ist daraus dann die Idee zu BerBerSan® entstanden, was hat Ihnen den letzten „Push“ gegeben diesen Schritt zu gehen und wann ist die Apothekerin Agnieszka Magg Teil des Teams geworden?
Die Gesundheitsplattform habe ich bereits während des Studiums gegründet. Die Zusammenarbeit mit Babak Bahadori begann bereits 2020, in den ersten Wochen der Pandemie. Die grundlegende Idee war es damals, kostenlose, wissenschaftliche Information dem deutschsprechenden Publikum zu Verfügung zu stellen.
Da ich noch studierte, habe ich nach einem Weg gesucht, um die erlernten Fähigkeiten abseits der Plattform zu monetarisieren – schließlich musste ich mein Studium irgendwie finanzieren. Ich habe Awareness-Kampagnen für Firmen im Pharma- und Gesundheitsbereich kreiert. Da hatte ich das Glück, mit den ganz Großen zusammenzuarbeiten: Novo Nordisk, Siemens, AstraZeneca, Daiichi Sankyo, Falk Pharma. Aber zufrieden war ich dennoch nicht. Das Thema Unternehmertum beschäftigt mich seit meiner Jugend, ich wusste schon immer, in welche Richtung es gehen soll. Was zwischen meiner damaligen Situation und meiner Vision stand, war die Skalierbarkeit.
Babak Bahadori kam 2023 mit einer Anekdote aus seinem klinischen Alltag auf mich zu. Er erzählte mir, dass ein Patient seit geraumer Zeit über chronischen Juckreiz klagte. Ratlos wandte er sich an seinen Vater, einst Arzt in Persien. Dieser vermutete, es müsse vom Leber-Galle-Trakt ausgehen; er hatte seinen Patienten, wie er es in der traditionell persischen Medizin gelernt hatte, immer ein Elixier aus der Berberitze empfohlen, einer dort heimischen Beere. Der Patient war nach der Einnahme des traditionell zubereiteten Mittels beschwerdefrei. Mein erster Satz zu Babak Bahadori war: „Wir müssen hier was machen, da ist Potenzial“.
Die Pflanze mit ihrem Hauptwirkstoff Berberin ist seit Jahrhunderten und bis heute populär im Orient, Avicenna war auch ein Bekenner der Heilkraft der Berberitze. Im Okzident? Im Spätmittelalter wurde sie viel genutzt, unter anderem von Hildegard von Bingen, geriet aber in Vergessenheit und wurde größtenteils ausgerottet. Wir schrieben daraufhin ein Fachbuch über die Berberitze im Verlagshaus der Ärzte. Das Interesse war vorhanden.
Nächster Schritt in meinem Plan war es, ein marktfähiges, skalierbares Produkt zu entwickeln – konnte aber selbst nach diversen Forschungsreisen keine nennenswerten Fortschritte machen.
Zu dieser Zeit gab es an unserem Unternehmensort Schladming einen Eigentümerwechsel der ansässigen Apotheke. Die junge Apothekerin, Agnieszka Magg, besuchte bei ihrem „Amtsantritt“ als neue Besitzerin der Apotheke auch die Kassenpraxis an der Planai von Babak Bahadori. Die Steirerin stellte sich vor als Frau Magg – forschungsinteressiert wie Babak Bahadori ist (über 70 Publikationen veröffentlicht) fragte er nach dem Forschungsgebiet ihrer Dissertation. Das mag jetzt nun wie ein Märchen klingen, aber die Antwort lautete: Berberin, in China. Sie war dazu auch noch bereit, Ihre Zeit und Expertise herzugeben, um mir meine Vision zu verwirklichen.

Sie entwickelte ein Verfahren, mit dem die Berberitzen kaltgepresst werden und Berberin flüssig dazugegeben wird. Das weltweit erste flüssige Präparat seiner Art, eine orangerote, bitter-saure Flüssigkeit, die man täglich vor der ersten Mahlzeit einnimmt. Entwickelt und hergestellt in der Steiermark. Wir gründeten die Firma BerBerSan GmbH im März 2025. Ein Jahr nach der Gründung bin ich mit der Entwicklung zufrieden.
Welche strategische Vision haben Sie für das Unternehmen in den nächsten zehn Jahren?
Das Mantra unserer Firma lautet: „Flüssig im Mund. Natürlich gesund.“ Die altbewährte Darreichungsform der Flüssigkeit geriet in Vergessenheit, ebenso ihre Vorteile. Aus Bequemlichkeit und Wirtschaftlichkeit behaupte ich. Kapseln sind einfacher zu transportieren, zu fertigen, mitzunehmen und zu schlucken. Aber wir machen die Erfahrung, dass unsere Zielgruppe genug von Kapseln hat, eine Nische, die wieder wächst.
Die Vision: BerBerSan® kreiert innovative Apothekenprodukte, basierend auf altem Wissen, unterstützt durch moderne medizinische Forschung. Wir schreiben es uns auf die Fahne, neue Wege zu gehen und die Wertschöpfung in Österreich zu belassen. Wir möchten eine in Europa bekannte Marke auf dem Apothekenmarkt werden.
Welche Ziele hatte Bernhard Sikora mit achtzehn Jahren und was würden Sie ihm Raten, wenn Sie ihm drei Ratschläge geben dürften?
Ganz grün hinter den Ohren war damals mein Motto: „Who needs university when you can get Venture Capital?“
Heute muss ich über mein damaliges amerikanisiertes Weltbild vom Unternehmertum schmunzeln. Ich bin froh, den akademischen Weg als Grundausbildung gewählt zu haben. Sich mit komplexen Themen zu beschäftigen, Studien zu lesen sowie Jahre persönlicher Entwicklung und Reflexion während des Studiums waren ganz wichtig für mein heutiges Unternehmerdasein. Es hat meine Vision vom reinen – auf Teufel komm raus – Firma aufbauen zu einer mehr „purpose driven“ Mission gemacht.
Ratschlag 1: Dinge einfach zu machen, statt nur darüber nachzudenken. Das klingt etwas pathetisch, aber im Kern stimmt es. Ich bin ein kreativer Kopf mit tausend Ideen. Keine Idee muss ausgereift sein. „Learn on the go“.
Ratschlag 2: Jede Idee ist nichts wert, solange man sie nicht ordentlich ausführt. Das kann man auch vice versa sehen. Ich bin überzeugt, dass man theoretisch auch mit der richtigen unternehmerischen Ausführung in einem übersättigten Markt Fuß fassen kann. Ich halte wenig von Businessplänen mit Marktanalysen und diffusen Milliardenmarktpotenzialfantasien.
Ratschlag 3: Das ist auch eine Maxime für mein Leben: „Short-Term“-Gratifikation vermeiden, also Befriedigung ohne großen Einsatz. Das kann man als Blaupause für jeden Lebensbereich anlegen. Im Geschäftsbereich erfordern ordentliche, gut funktionierende Prozesse Zeit und Repetition. Wenn es zu einfach wirkt, gibt es meist einen Haken, natürlich ohne zynisch zu werden.
Für unsere Leserinnen und Leser, die Ihr Produkt noch nicht kennen: Was genau steckt hinter BerBerSan® und welches Problem wollten Sie ursprünglich damit lösen?
BerBerSan® ist ein junges, steirisches Nutraceutical-Unternehmen mit Sitz in Schladming. Wir produzieren Berberstin, das weltweit erste flüssige Berberinpräparat. Eine orangerote, bittersaure Flüssigkeit, die morgens vor dem Frühstück direkt über die Mundschleimhaut eingenommen wird. Entwickelt und hergestellt in Österreich, vertrieben über Apotheken und unseren Onlineshop.
Wer landet typischerweise bei uns? Das Bild kennen viele: Man kommt vom Hausarzt, das Blutbild liegt am Tisch, der Cholesterinwert ist erhöht, die Leberwerte ebenso. Der Arzt sagt – man möge sich beim Schweinsbraten und beim Bier etwas zurückhalten. Wer in dieser Lebenslage nicht gleich zur Arznei greifen will oder seine Statine pflanzlich ergänzen möchte, ist bei uns an der richtigen Adresse. Genau hier sehen wir das größte Indikationsfeld für Berberstin: erhöhte Cholesterinwerte, auffällige Leberwerte, das ganze metabolische Spektrum. Studien zu Berberin deuten genau in diese Richtung – mit Hunderten klinischen Untersuchungen, die nahelegen, dass der Wirkstoff Stoffwechselparameter günstig beeinflussen könnte.
Eine wichtige Klarstellung möchte ich aber gleich anschließen: Berberstin ist und bleibt ein Nahrungsergänzungsmittel, kein Arzneimittel. Wir versprechen keine Heilung, das wäre weder seriös noch erlaubt. Wir sehen uns als Ergänzung. Was wir bieten, ist ein durchdachtes Produkt. Ganz pragmatisch beobachten wir noch etwas anderes: Unsere Kunden möchten den morgendlichen Bitterkick irgendwann nicht mehr missen. Was anfangs gewöhnungsbedürftig schmeckt, wird zur Routine, fast wie Espresso. Die Bitterkeit ist dabei kein Designfehler, sondern Teil des Wirkmechanismus über die Mundschleimhäute.
Wie muss man sich der Herstellung des Produktes konkret vorstellen – vom Rohstoff bis zum fertigen Endprodukt?
Der Rohstoff kommt aus dem europäischen Ausland. Dies ist schlicht eine Frage der Verfügbarkeit. Eine echte europäische Alternative gibt es derzeit nicht. Sobald wir hier eine seriöse Quelle finden, wäre uns das natürlich am liebsten.
In der Steiermark passiert dann der entscheidende Schritt. Die Berberitzen werden kaltgepresst, damit die hitzeempfindlichen Inhaltsstoffe – Vitamine, Polyphenole, Anthocyane – vollständig erhalten bleiben. Die genaue Rezeptur und das Verfahren bleiben allerdings unser kleines Betriebsgeheimnis.

Bei der Verpackung achten wir auf möglichst kurze Wege. Glasflaschen, Verschlüsse und Dosierkappen beziehen wir vollständig aus Österreich, die übrigen Inhalts und Rohstoffe von etablierten Lieferanten in Deutschland.
Themenwechsel: Als Gründer eines erfolgreichen Start-ups und bereits mit ausreichend Erfahrung ausgestattet: Wie beurteilen Sie aktuell den Wirtschaftsstandort Österreich und ist der politisch eingeschlagene Weg, zur Sicherung des Standorts, positiv zu bewerten?
Ich empfinde es als positiv, dass aktuell viel Geld und Energie in die Startup-Branche gesteckt werden und dass man versucht, die fehlende Venture-Capital-Kultur in Österreich mit gezielten Förderungen auszugleichen. Das ist nicht perfekt, aber ein pragmatischer Weg, der für junge Unternehmen einen Unterschied macht. Richtig erfolgreich sind wir hierzulande vor allem im Pharma- und Biotechbereich – dies ist unser Steckenpferd. Wir dürfen uns aber in anderen Bereichen nicht abhängen lassen.
Was mich konkret stört, ist die Lethargie der Ämter und der Konflikt mit der Verwaltung, als wäre man als Gründer ein Fremdkörper im System. Statt sich an einen Tisch zu setzen und gemeinsam an Lösungen zu arbeiten, werden Firmen formell abgemahnt und von oben herab behandelt. Wenn diese Haltung anhält, wandert Kompetenz ab. Gut ausgebildete Gründer und Forscher überlegen sich genau, wo sie ihre Wertschöpfung ansiedeln – und Österreich ist hier nicht alternativlos. Andere europäische Standorte werben aktiv mit Schnelligkeit, Verfügbarkeit und einer Verwaltung, die sich als Partner statt als Aufsichtsbehörde versteht.
Der Standort hat in den meisten Branchen alles, was er braucht – Bildung, Forschung, Kapital oder Tradition. Was wir liefern müssen, ist ein anderer institutioneller Tonfall.
Sie haben sich bewusst für Schladming (Steiermark) als Standort entschieden: Was waren die ausschlaggebenden Gründe und wie kam es zu dieser Entscheidung?
Wir sagen manchmal im Spaß: Schladming kann mehr als Skiwasser und Neuschnee. Schladming kann auch Forschung.
Hinter diesem Halbsatz steckt aber eine bewusste Standortentscheidung. Wir hätten unser Unternehmen genauso gut in Wien oder Graz aufziehen können. Wir haben uns aktiv dagegen entschieden.
Ein erster, sehr handfester Vorteil ist die Infrastruktur. Schladming ist als internationale Tourismusdestination jahrzehntelang gewachsen und hat ein dichtes Netz an Hotels, Restaurants und Verbindungen, das viele Städte in dieser Liga gar nicht haben. Wenn wir internationale Partner einladen – aus dem Pharma-, dem Forschungs- oder dem Vertriebsumfeld – können wir ihnen auf engstem Raum die Schokoladeseite Österreichs zeigen. Das beeindruckt nachhaltig. Wer hier am Fuße der Planai ein paar Tage verbringt, vergisst Schladming so schnell nicht wieder.
Der zweite, für mich entscheidende Punkt ist die Qualität der Mitarbeiter, die wir am Land finden. Die Loyalität und die Selbstverständlichkeit, mit der hier angepackt wird, sind in dieser Form in einer Großstadt schwer zu replizieren. In der Stadt würde man das vermutlich „Hands-on-Mentalität“ nennen – ein schlicht gesunder Hausverstand und Verlässlichkeit. Diese Qualität ist eines unserer wertvollsten Assets.
Drittens, und das ist eher eine Markenüberlegung: Wir sind ein dezidiert steirisches Unternehmen, mit einem Apothekenstandort, einer Kassenpraxis und einer Forschungsperspektive, die alle hier verwurzelt sind. Wir bauen lieber von dort aus, wo wir authentisch sind, als von dort aus, wo es am ambitioniertesten klingt.
Ein Start-up abseits der großen Städte aufzubauen, auch aufgrund infrastruktureller Bedingungen, ist eher ungewöhnlich: Wo stoßen Sie an Grenzen?
An Grenzen stoße ich vor allem bei einem Punkt: der Nähe zu Entscheidern. Politik, Förderagenturen, Investoren, Branchenverbände, Medien – das spielt sich überwiegend in Wien ab. Wer ausschließlich in der Provinz sitzt, läuft Gefahr, am Ohr der Entscheider vorbeizugehen.
Ich habe für mich persönlich eine pragmatische Lösung gefunden, die beides abdeckt: Ich wohne in Wien und führe den Betrieb in Schladming. Trubel und Ruhe. Stadt und Land. So bin ich dort, wo die Gespräche stattfinden, und gleichzeitig dort, wo das Produkt entsteht.
Der Iran ist mit Abstand der weltweit größte Produzent und Exporteur von Berberitzen und deckt etwa 95 % der Weltproduktion. Wie stark beeinflussen geopolitische Spannungen und insbesondere der Konflikt im Iran die Lieferketten?
Massiv. Vor dem USA-Israel-Iran-Konflikt konnten wir unseren wichtigsten Rohstoff – sonnengetrocknete, handgepflückte Berberitzen – direkt aus dem Iran beziehen. Wir hatten zwei Ansprechpartner, die unmittelbar mit den Bauern vor Ort in der Region Chorassan im Nordosten des Landes in Kontakt standen.
Für die Logistik nach Europa existierten klassischerweise drei Routen: über Russland, per Seeweg sowie über den Landweg entlang der türkischen Grenze. Die Russland-Route ist aus offensichtlichen Gründen seit Längerem für Logistiker uninteressant. Mit dem Krieg fällt nun auch die Seeroute weg. Was uns bleibt, ist einzig und allein der Landweg über die Türkei, sofern die Grenze offen ist.

Konkret heißt das: Wir haben aktuell keinen Kontakt mehr zu unseren direkten Lieferanten. Eine Ausweichadresse mit Lager in Dubai ist ebenfalls nicht mehr lieferbereit. Bei unserer letzten Lieferung, kurz vor dem Kriegsausbruch, hatten sich die Rohstoffpreise bereits verdoppelt. Geholfen hat uns die Voraussicht von Babak Bahadori – er ist als iranischer Diaspora-Angehöriger sehr nah am Geschehen und hat die Lage frühzeitig eingeschätzt. Wir haben unsere Lager rund zwei Wochen vor Kriegsausbruch noch einmal maximal gefüllt. Eine echte Herausforderung als Startup, finanziell wie logistisch, zumal wir am Ende des Tages mit einem verderblichen Lebensmittel arbeiten und Umsatzprognosen in dieser jungen Phase ohnehin anspruchsvoll sind.
Unser Runway für Berberstin – aktuell unser einziges Hauptprodukt – ist bis August gesichert. Parallel beschäftigt uns die Lage stark margentechnisch. Wir sind im Apotheken- und Onlinegeschäft mit einem Bruttopreis von 29,90 Euro eingestiegen (Monatspackung), ganz bewusst mit einer guten Marge für die Apotheke als Wiederverkäufer und für die dazwischenliegenden Großhändler. Die Krise trifft uns dabei gleich doppelt: über die Rohstoffpreise und über die Treibstoffkosten der Logistiker. Den Preis nun kurz nach Markteintritt zu erhöhen, sehe ich ambivalent. Wir haben uns bisher bewusst dagegen entschieden. „Shrinkflation“ ist für mich keine Option, auf eine andere Frucht umzusteigen, ebenso wenig. Wir stellen Vertrauen über höhere Margen.
Haben Sie bereits Alternativquellen geprüft – etwa andere Herkunftsländer oder gar synthetische Wege – wie realistisch sind diese Optionen und funktioniert der Handel im Iran unter den gegebenen Umständen überhaupt noch?
Wir haben breit gesucht. Ich habe praktisch jedes Land in der Region angeschrieben – Bauern, Großhändler, Wirtschaftscluster. Ein einziges Land baut Berberitzen aktuell noch semi-professionell an, nämlich Usbekistan. Das Problem dabei: Diese Berberitzen unterscheiden sich deutlich von den Iranischen. Sie sind schwarz mit einer anderen Inhaltsstoffmatrix, und vor allem schmecken sie anders – weniger säuerlich, mehr herb. Wir haben es getestet, aber für unsere Kunden ist es nicht zumutbar.
Synthetische Wege sind für uns kein Plan B. Berberin als Reinstoff lässt sich zwar herstellen, aber unser Produkt lebt gerade davon, dass die ganze Frucht mit ihrer Stoffmatrix, mit Polyphenolen und sekundären Pflanzeninhaltsstoffen drin ist. Synthetik wäre Reduktionismus und würde unserer Markenphilosophie diametral widersprechen.
Funktioniert der Handel mit dem Iran noch? Sehr eingeschränkt und mit einem Risikoprofil, das für ein Startup unserer Größe nicht tragbar ist. Wir arbeiten daher gerade mit erfahrenen deutschen Importpartnern an einer Lösung für den Hochsommer. Die haben durch jahrzehntelange Importerfahrung ein deutlich besseres Netzwerk als wir und sind aktuell unsere aussichtsreichste Karte. Die Meinung dort ist allerdings unisono: leicht wird es nicht.
Generell gefragt: Was bedeuten aktuelle globale Konflikte für österreichische Unternehmen, die von Importen abhängig sind, und welche Strategien halten Sie für sinnvoll, um resilienter zu werden?
Aktuelle Konflikte haben einen massiven Einfluss. Wir sind in einem Land mit hohen Abgaben, wo Margen oft ohnehin schon knapp kalkuliert sind, nur um im semi-harmonisierten europäischen Wirtschaftsraum wettbewerbsfähig zu bleiben. Es gibt viele Firmen, die wie wir direkt betroffen sind, weil sie Rohstoffe aus Krisenregionen beziehen – Lebensmittel, Kunststoff, Düngemittel und vieles mehr. Man merkt erst, wie viel aus diesen Regionen kommt, wenn es mit einem Mal wegfällt. Genauso wichtig sind aber die indirekt Betroffenen, die man nicht übersehen darf. Die ohnehin gebeutelte Wirtschaft bekommt Schlag um Schlag.
Was Resilienz angeht, glaube ich nicht an universelle Patentrezepte, aber an drei nüchterne Punkte.
Erstens: Lieferketten diversifizieren, von Anfang an. Auch und gerade als Startup. Wir sind in einer Phase, in der wir Lieferketten überhaupt erst etablieren – und müssen sie bereits parallel diversifizieren. Das kostet Zeit und Geld, das man eigentlich an anderer Stelle einsetzen wollte. Aber es ist nicht verhandelbar.

Zweitens: Scheuklappen bringen hier nichts. Auch ein junges Unternehmen muss am Ball bleiben, was globale Konflikte angeht. Wer sich darauf verlässt, dass „die Politik das schon richten wird“, wird unangenehm überrascht. Ich bin in dieser Hinsicht sehr dankbar für die Voraussicht meines Geschäftspartners. Babak Bahadori ist als Kind aus dem Iran nach Österreich gekommen und liest die Region seit Jahrzehnten anders, als man das aus mitteleuropäischer Distanz tun würde. Diese Perspektive hat uns wahrscheinlich vor einem deutlich härteren Aufprall bewahrt.
Drittens: Dies ist mehr ein politisches Anliegen: Österreich und Europa brauchen ein nüchternes Gespräch über Importabhängigkeiten, nicht nur bei Energie, sondern bei vielem, was unter dem Radar fliegt. Berberitzen sind dafür ein gutes Beispiel. Wenn 95 % einer Weltproduktion aus einer einzigen Region kommen, ist das in Friedenszeiten effizient. In Krisenzeiten ist es ein Klumpenrisiko, und es trifft am Ende immer die Kleinen zuerst.
Wenn Sie einem politischen Entscheidungsträger wie Donald Trump eine Frage stellen könnten, welche wäre das – im Hinblick auf globale Märkte, Lieferketten und Handelsbeziehungen?
Meine Frage wäre: Wie kommen Sie auf die Idee, einen Staat wie ein Unternehmen zu führen?
Das klingt provokant, aber ich meine es durchaus ernsthaft – mit einem Augenzwinkern. Ein Staat ist eben kein Hotel, das man hochziehen, vermarkten und im Notfall in die Insolvenz schicken kann. „Stakeholder“ sind kein Boardroom vermögender Menschen, sondern dreihundert Millionen Menschen mit höchst unterschiedlichen Lebensrealitäten. Im Fall der USA betrifft es sogar fast die ganze Welt.
Dazu kommt: Der „Art-of-the-Deal“-Ansatz funktioniert in der Geopolitik nicht ganz so elegant wie in der New Yorker Immobilienbranche der Achtzigerjahre. Wenn Sie mit einem Bauunternehmer pokern, kann er schlimmstenfalls woanders bauen. Wenn Sie mit einer Atommacht pokern, ist die Bandbreite möglicher Konsequenzen leider eine andere.
Herr Sikora, wir möchten Sie gerne auch als Privatperson etwas näher kennenlernen – daher noch ein paar persönliche Fragen:
Wie haben Sie Ihre Mitgründer eigentlich kennengelernt und wer hatte damals eine verrückte Idee, bei der alle anderen erst einmal skeptisch waren?
Babak Bahadori und ich kennen uns seit 2020 – das Interesse am Kampfsport brachte uns zusammen. Die Idee war ursprünglich, einen Kampfsportkurs in Schladming mit meinem Vater (Europameister in Kickboxen und Gründer eines großen Kampfsportvereins in Kärnten) zu starten. Dies verlief jedoch im Sand. Daraufhin entstand die erwähnte Gesundheitsplattform und Jahre später ist Frau Magg dazugestoßen.

Die verrückte Idee zum Flüssigpräparat kam von mir. Hanebüchene Ideen kommen aber auch regelmäßig von meinen Teamkollegen, wir haben da alle eine ähnliche Philosophie.
Mit welcher Person, aus der Gegenwart oder Vergangenheit, würden Sie gerne einen Tag verbringen und wie würde sich dieser Tag gestalten?
Das mag etwas aufgelegt klingen, aber: Didi Mateschitz. Ich wollte, dass ich seine „l’art de vivre“ erleben kann – sein Talent und seine Unermüdlichkeit. Wie ein Bub vom Land aus dem Mürztal ein Imperium aufbaut, das von Fuschl in die ganze Welt strahlt. Gerne würde ich sein Büro ansehen und mehr darüber erfahren, wie ein Mensch funktioniert, der so radikal im Hintergrund bleibt, fast keine Interviews gibt und dennoch alles auf seine Tonlage abstimmt. Und gegen eine Sichtung der historischen Flugzeuge und Autos hätte ich auch nichts einzuwenden (lacht).
Welche unmittelbaren Vorhaben von BerBerSan® möchten Sie unseren Lesern besonders ans Herz legen?
Mein unmittelbares Vorhaben in dieser Hinsicht ist klar: Wir wollen die Zahl der listenden Apotheken in Österreich konsequent ausbauen. Der Plan ist, Berberstin im Laufe der kommenden zwölf Monate flächendeckend in den österreichischen Apotheken sichtbar zu machen, mit Fokus auf jene Häuser, die sich auf Stoffwechsel- und Lebergesundheit spezialisiert haben.
Parallel – und das schließt direkt an – bereiten wir den Sprung in die MENA-Region vor. Mehrsprachige Etiketten und die Halal-Zertifizierung sind in Arbeit.
Was ist das Verrückteste, das Sie je in Ihrem Leben getan haben?
Ich bin einmal mit zwei Casino-Spielautomaten auf der Ladefläche eines Mietwagens von Slowenien bis nach London gefahren. Und wieder zurück. Ohne Papiere, ohne Konzept, was passieren würde, wenn jemand an irgendeiner Grenze auf die Idee gekommen wäre, hinten draufzuschauen. Anlass war eine Glücksspielmesse in London. Das war die erwähnte Grün-hinter-den-Ohren-Zeit.
Hatten Sie ein Vorbild, von dem Sie sich Dinge abgeschaut haben?
Mein Einstieg in die Startup-Welt erfolgte in der Glücksspielbranche. Auch wenn ich mittlerweile einen großen Bogen um diese Branche mache, war mein damaliger Mentor, der dieses Slot-Unternehmen ebenfalls gründete, prägend. Ein weiterer wichtiger Mentor auf diesem Weg, Babak Bahadori, mein jetziger Geschäftspartner, eröffnete mir die Welt der Forschung und Medizin, wofür ich dankbar bin.
Welches Buch haben Sie zuletzt gelesen?
John Maynard Keynes: Freund und Feind. Eine autobiographische Erinnerung von Keynes selbst an die Verhandlungen in Versailles.
Sie können EIN globales Problem lösen – welches wäre das?
Das zunehmende Problem der antimikrobiellen Resistenz. Eine 2024 in The Lancet publizierte Studie geht davon aus, dass bakterielle Antibiotikaresistenzen zwischen 2025 und 2050 weltweit für über 39 Millionen direkt zurechenbare Todesfälle verantwortlich sein werden – das entspricht rund drei Toten pro Minute. Allein für das Jahr 2050 werden 1,91 Millionen direkte AMR-Todesfälle prognostiziert, ein Anstieg von rund 67 Prozent gegenüber 2021. Rechnet man Todesfälle dazu, an denen eine resistente Infektion zumindest mit beteiligt ist, kommt man bei rund 8,2 Millionen pro Jahr heraus. Das ist eine Krise, die deutlich leiser eskaliert als andere Pandemiethemen, sich am Ende aber dramatischer auswirken wird.
Die Gründe sind zwar bekannt und unsexy: Über Jahrzehnte wurde mit Antibiotika gewuchert – in der Humanmedizin, in der Tierhaltung, in der Landwirtschaft. Gleichzeitig ist die Pipeline neuer Antibiotika weitgehend versiegt, weil sie für die Pharmaindustrie wirtschaftlich unattraktiv geworden ist. Wir verlieren also Werkzeuge, die wir dringend bräuchten, und der Nachschub kommt nicht.
Herr Sikora, wir wünschen Ihnen viel Erfolg, Glück sowie Gesundheit für die Zukunft und herzlichen Dank für das Interview.
Dito. Danke sehr.
