Mehrsprachigkeit gehört für viele Kinder zum Alltag. Für Fachkräfte, zum Beispiel im Bildungs- und Gesundheitswesen, stellt dies allerdings eine fachliche Herausforderung dar.
Welche Folgen das für Diagnostik, Förderung und Bildungschancen hat und warum fachliche Kompetenz in der Sprachentwicklung heute unverzichtbar ist, erklärt Angelika Jungwirth, Leiterin des Bachelor-Studiengangs „Logopädie“ an der FH Wiener Neustadt (FHWN).
Vermeiden von Fehlinterpretationen
Ob im Kindergarten, Klassenzimmer sowie in kinderärztlichen oder logopädischen Praxen: Fachkräfte arbeiten immer häufiger mit Kindern, die mit zwei oder mehr Sprachen aufwachsen. Gerade hier entscheidet fundiertes Fachwissen darüber, ob Mehrsprachigkeit korrekt verstanden oder vorschnell fehlinterpretiert wird – mit direkten Auswirkungen auf Bildungswege, therapeutische Entscheidungen und Chancengleichheit.
„Mehrsprachigkeit ist kein Sonderfall, sondern gesellschaftliche Realität. Umso wichtiger ist es, Sprachentwicklung unter mehrsprachigen Bedingungen fachlich korrekt einzuordnen – gerade, weil falsche Annahmen im Bildungs- und Gesundheitsbereich weitreichende Folgen haben können“, verdeutlicht Angelika Jungwirth.
Mythos „Überforderung“
Kinder, die mit mehreren Sprachen aufwachsen, bringen unterschiedliche sprachliche Voraussetzungen und kulturell geprägte Kommunikationsweisen mit. Das kann in der Praxis zu Missverständnissen oder vorschnellen Fehleinschätzungen führen – etwa, dass Mehrsprachigkeit Kinder sprachlich überfordert oder sogar Sprachentwicklungsstörungen verursacht.
„Die Forschung zeigt klar, dass Mehrsprachigkeit keine Sprachentwicklungsstörung verursacht“, unterstreicht Angelika Jungwirth.

Rund sieben Prozent aller Kinder, egal ob ein- oder mehrsprachig, sind betroffen. Das entspricht jedem 14. Kind. Entscheidend ist daher eine fundierte, interdisziplinär abgestimmte Diagnostik, die typische mehrsprachige Erwerbsverläufe von tatsächlichen Störungsbildern unterscheiden kann.
Mehrsprachigkeit als Ressource
„Logopädinnen und Logopäden müssen keine Angst vor Sprachen haben, die sie selbst nicht sprechen“, erklärt Angelika Jungwirth.
Ausschlaggebend sind vielmehr fundierte Kenntnisse über Spracherwerbsprozesse sowie eine fachlich abgesicherte Diagnostik. Ebenso wichtig ist eine wertschätzende Haltung gegenüber Mehrsprachigkeit, die nicht als Hindernis, sondern als Ressource verstanden werden muss.
Ein zentraler Erfolgsfaktor in der Therapie ist zudem die enge Einbindung der Bezugspersonen, da sie den Sprachalltag der Kinder maßgeblich prägen. Für eine gesunde Sprachentwicklung mehrsprachiger Kinder ist vor allem qualitativ hochwertiger Sprachinput entscheidend. Kinder profitierten von einem vielfältigen Wortschatz und korrekter Grammatik – sowohl in der Erst- als auch in der Zweitsprache.
Dieser Input muss im Austausch mit Menschen stattfinden, da Medien menschliche Kommunikation nicht ersetzen können.
Multilinguale Kompetenz in der Ausbildung fest verankern
Der Bachelor-Studiengang Logopädie an der FH Wiener Neustadt greift diese Anforderungen gezielt auf.
Themen wie Mehrsprachigkeit und Interkulturalität sind fest im Curriculum verankert und werden in Lehrveranstaltungen, Projekten und der Lehrpraxis behandelt. In der Lehrpraxis betreuen Studierende sowohl ein- als auch mehrsprachige Kinder mit Sprachentwicklungsstörungen.
„Unsere Studierenden lernen, Mehrsprachigkeit fachlich fundiert einzuordnen und professionell damit umzugehen. Ziel ist es, Absolventinnen und Absolventen auszubilden, die sprachliche Vielfalt als Selbstverständlichkeit begreifen und Kinder kompetent begleiten können“, ergänzt Angelika Jungwirth.
