Eine Reihe von hektischen US-Politikankündigungen leitete eine neue Phase globaler wirtschaftlicher Turbulenzen ein, als die neue Regierung unter Präsident Donald Trump im Januar 2025 ihr Amt antrat.
Während die anfängliche Nervosität und Panik nachgelassen hat, bleibt der Ausblick bestenfalls unsicher.
Für Führungskräfte großer internationaler Unternehmen stellten diese Turbulenzen und die damit verbundene Unsicherheit eine der größten Herausforderungen seit der COVID-19-Pandemie dar. Was bedeuten die Veränderungen für globale Lieferketten, Kundenanforderungen, Produktionsstandorte, die Energiewende sowie Umwelt-, Sozial- und Governance-Initiativen (ESG)? Welche Strategien sind notwendig, um in dieser neuen Ära erfolgreich zu bestehen?
Um diese kritischen Fragen zu beleuchten, organisierte Arthur D. Little (ADL) eine Reihe von Interviews mit 39 internationalen Top-CEOs aus verschiedenen Branchen in den USA, Europa und Asien, um ihre Perspektiven auf die Herausforderungen und ihre Anpassungsstrategien zu erkunden.
Radikal veränderte Weltordnung
Während das geopolitische Umfeld zunehmend instabil geworden ist, zeigen sich Führungskräfte, in den Interviews, aber durchwegs optimistisch gegenüber den jüngsten Unsicherheiten und Umbrüchen. Ein Großteil weist darauf hin, dass dies seit der COVID-19-Pandemie – und in geringerem Maße seit der globalen Finanzkrise 2008 – nahezu ein permanentes Merkmal des Geschäftsumfelds ist.
Die meisten haben bereits Maßnahmen ergriffen, um größere Resilienz, Reaktionsfähigkeit und Agilität aufzubauen. Daher werden die neuesten Entwicklungen eher als ein weiterer Schritt in dieselbe Richtung, denn als eine neue Krise betrachtet.
„Sich vor Trump zu-Tode-fürchten ist nicht nötig. Nicht alles, was Trump politisch angekündigt, wird auch umgesetzt. Vieles ist Schall und Rauch. Stattdessen lohnt sich der Fokus auf Deals für Ausnahmenmanagement, auch durch Lobbying“, fasst Karim Taga, Managing Partner von Arthur D. Little Austria, die CEO-Einschätzungen zusammen.
„Beeindruckende 30% des Welthandels finden zwischen den USA und der EU statt, sie sind die global am stärksten integrierten Volkswirtschaften. Das bietet auf beiden Seiten des Atlantiks große Chancen und sichert 9 Millionen Jobs. Wir in Europa sollten daher nicht über Dinge jammern, die wir nicht beeinflussen können – sondern uns bestmöglich an veränderte Gegebenheiten anpassen. Eine davon sind neue Zölle. Wir als Miba sind davon kaum betroffen, weil wir an sieben Werksstandorten in sechs Bundesstaaten direkt in den USA für unsere US-Kunden produzieren. Dank dieser breiten Präsenz sind wir auch nah am amerikanischen Markt und unseren Kunden dran. So können wir viele Wachstumschancen nutzen. Der für die USA typische Pioniergeist, Pragmatismus und Innovationsspirit helfen dabei enorm“, meint auch der Miba-CEO Peter F. Mitterbauer.

Historisches Zeitfenster?
Fast alle Führungskräfte sind sich einig, dass die Veränderungen weit mehr als nur ein kleiner Ausreißer im unvermeidlichen Fortschreiten der Globalisierung sind. Sie erkennen an, dass wir in eine neue Ära des globalen Handels eingetreten sind, die durch eine Verschiebung von regelbasiertem globalem Interdependenzdenken hin zu Protektionismus und transaktions- sowie interessenbasierten regionalen Allianzen geprägt ist.
Europa muss dies als Weckruf sehen und gezielt investieren. Der steigende Energiebedarf durch Energiewende und KI-Rechenzentren schafft, zum Beispiel, enorme Nachfrage nach innovativen Technologien.
„Der US-Markt ist ein Eldorado für österreichische Unternehmen – insbesondere bei Energietechnologien und industriellen Werkzeugen, die die Reindustrialisierung der USA ermöglichen. Die Rahmenbedingungen sind deutlich besser als in Europa. Die USA entwickeln sich zu einem autonomen Wirtschaftsraum. Die Deglobalisierung beschleunigt sich massiv. Österreichische Unternehmen müssen ihren Platz im neuen Ecosystem finden. Jetzt ist die Zeit, Exportchancen zu nutzen. Unternehmen, die jetzt nicht handeln, verpassen ein historisches Zeitfenster“, analysiert Karim Taga.
„Die Innovationskraft und Risikobereitschaft der USA sichern ihnen langfristig technologische Führerschaft und hohe Wachstumsraten – eine Realität, der sich Europa stellen muss, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Während PALFINGER mit seiner Strategie „in der Region, für die Region“ seit Jahrzehnten erfolgreich in den USA produziert und von der Reindustrialisierung profitiert, erfordert die zunehmende Entkoppelung Europas und die Deglobalisierung zugleich Initiativen für mehr Autonomie und Resilienz. Dazu gehört auch der Aufbau einer technologisch unabhängigen europäischen Industrie, um verlorene Kompetenzen zurückzugewinnen und die Zukunftsfähigkeit unseres Wirtschaftsraums zu sichern“, erörtert Palfinger-CEO Andreas Klauser.
Wachstumsfelder für Österreich
In den kommenden Jahren eröffnen sich für europäische und österreichische Unternehmen vielfältige Chancen. Geopolitische Umbrüche, technologische Durchbrüche und neue regulatorische Entwicklungen schaffen Dynamiken in zahlreichen Branchen. Unternehmen, die ihre Strategien frühzeitig anpassen und gezielt auf neue Wachstumsfelder setzen, können von diesen Entwicklungen profitieren.
Insbesondere spezialisierte Anbieter und innovative Mittelständler haben die Chance, in aufstrebenden Märkten und Zukunftstechnologien eine führende Rolle einzunehmen:
- NATO-Rüstung: Europa übernimmt Eigenverantwortung – Chance für österreichische Technologieanbieter
- KI-Infrastruktur: Europäische „Gigafactories“ für Rechenzentren entstehen – hoher Bedarf an Ausrüstung
- Reindustrialisierung der USA: Nachfrage nach Maschinen und Werkzeugen – klassische österreichische Stärken
- Zunehmende Bedeutung des Weltraum- und Luftfahrtsektors (Space und Aerospace)
- Nischenchancen für Innovation: Green Aviation, Smart – Green Cities, additive Manufacturing
„Österreichische Unternehmen agieren traditionell überparteilich und unpolitisch im Ausland. Sie setzen auf langfristige, stabile Geschäftsbeziehungen zu ihren Kundinnen und Kunden in den USA – unabhängig davon, welche Regierung gerade im Amt ist. Entsprechend planen sie mittel- bis langfristig, strategisch und konsequent am Markt orientiert“, ergänzt Irene Lack-Hageneder, Regionalmanagerin Nord- und Lateinamerika der WKO.
