Abseits steigender Aktienmärkte in Europa steht der Kontinent vor schwerwiegenden Zukunftsfragen. Neue Strategien für die europäische Industrie und die Attraktivierung des Standortes sind daher Schlüsselthemen, welche die EU derzeit auf ihrer Agenda hat.
Die EU-Kommission stellte kürzlich den Deal für eine saubere Industrie, den „Clean Industrial Deal“ (CID) vor (TOP LEADER berichtete hier). In einer Zeit des rasanten technologischen Fortschritts, der geopolitischen Verschiebungen und des wirtschaftlichen Wandels soll der ambitionierte Wirtschaftsplan zur Förderung der Wettbewerbsfähigkeit die Resilienz der europäischen Industrie sowie die Dekarbonisierung beschleunigen und gleichzeitig die Zukunft der verarbeitenden Industrie in Europa sichern.
Energie als Wettbewerbsfaktor
„Saubere, erschwingliche Energie wird der Schlüsselfaktor für die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Industriebetriebe sein“, betonen Alexander Eberan und Karl Freidl, Leiter Private Banking Wien sowie Graz, von der Steiermärkischen Sparkasse.
Da die europäische Industrie mit hohen Energiekosten sowie einem harten und oft unfairen globalen Wettbewerb zu kämpfen hat, soll mit dem CID die Dekarbonisierung als starker Wachstumsmotor für die europäische Industrie positioniert werden. Dieser Rahmen kann für mehr Wettbewerbsfähigkeit sorgen, da er Unternehmen und Investoren Sicherheit und Berechenbarkeit bietet und sie davon ausgehen können, dass Europa weiterhin fest entschlossen ist, bis 2050 fossile Brennstoffe durch erneuerbare Energiequellen zu ersetzen.
Der Deal legt seinen Fokus auf zwei eng zusammenhängenden Sektoren, nämlich energieintensive Industrien und saubere Technologien. Auch die Kreislauffähigkeit ist ein wesentliches Element, da die begrenzten Ressourcen der EU optimal eingesetzt und übermäßige Abhängigkeiten von Rohstofflieferanten aus Drittländern verringert werden müssen.
Innovation und Produktion in Europa
Europa will nicht nur ein Kontinent der industriellen Innovation sein, sondern auch ein Kontinent der industriellen Produktion. Die Nachfrage nach sauberen Produkten ist allerdings zurückgegangen, und einige Investitionen wurden in andere Teile der Welt verlagert. Bekanntlich gibt es für unsere europäischen Unternehmen immer noch zu viele Hindernisse – angefangen bei hohen Energiepreisen bis hin zu übermäßigem Regelungsaufwand. Mit dem Deal für eine saubere Industrie können die noch bestehenden Fesseln unserer Unternehmen gekappt werden. Außerdem soll ein klarer Business Case für Europa vorgelegt werden“, erklärte Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen.
Die Sicherung von Lieferketten, die Förderung von Innovationen und Bürokratieabbau werden aus derzeitiger Sicht die Wettbewerbsfähigkeit des Kontinents in den kommenden Jahren und Jahrzehnten prägen.

An vorderster Front wird aber der Energiesektor und seine Dekarbonisierung von entscheidender Bedeutung sein. Die Erhöhung des Anteils an sauberer Energie in Form von Strom soll bis 2030 von derzeit 21,3% auf 32% steigen. Laut europäischen Klimazielen wird bis 2040 der Elektrifizierungsgrad 50% betragen.
Sicherung des Industriestandorts
Um die Industrie zu ermutigen, in Europa zu blieben und nicht in Regionen mit niedrigeren Energiekosten abzuwandern, stellt die Kommission den Zugang zu erschwinglicher Energie und Energierechnungen sowie einen wettbewerbsfähigen Gasmarkt in den Mittelpunkt der Agenda des CID.
Ein weiteres, wichtiges Puzzleteil der gesamten Energieagenda ist die Förderung der Kraft-Wärme-Kopplung, die eine wichtige Rolle in den Stromsystemen der Mitgliedstaaten spielt. 70 Millionen Europäer werden per Fernwärme mit Warmwasser und Wärme versorgt. Das erwartete Maßnahmenpaket, wie die neuen vereinfachten Vorschriften für staatliche Beihilfen, sollte auch dem Übergang dieses Sektors zu Netto-Null-Emissionen Rechnung tragen.
Eine weitere Besonderheit ist der Modernisierungsfonds, der 13 Mitgliedstaaten zur Unterstützung ihres energiepolitischen und sozialen Wandels zur Verfügung steht. Dieser Fonds zur Deckung des Investitionsbedarfs in den Bereichen Erzeugung, Netz und Speicherung sollte im künftigen Rahmen der Finanzierungsinstrumente eine größere Rolle spielen.
Private Investitionen
Der Investitionsbedarf ist enorm. Die EU-Kommission schätzt, dass die Mitgliedstaaten zwischen 2031 und 2050 durchschnittlich 1,5 Billionen Euro pro Jahr investieren müssen. Die private Finanzierung wird von entscheidender Bedeutung sein und den Großteil der Energieinvestitionen ausmachen.
Dabei wird auch die Entwicklung des PPA-Marktes (langfristige Stromkaufvereinbarung zwischen einem Produzenten und einem Abnehmer – Anm. d. Red.) eine große Rolle spielen. Der CID fördert die Einführung von PPAs mit 500 Mio. EUR. Auch die die Europäische Investitionsbank (EIB-Gruppe) wird den Deal für eine saubere Industrie mit einer Reihe konkreter neuer Finanzierungsinstrumente unterstützen.
„Nicht zuletzt werden für den Wandel der Industrien qualifizierte Arbeitskräfte und Spitzentalente gebraucht. Die Kommission wird eine Union der Kompetenzen einrichten, die in die Beschäftigten investiert, Kompetenzen entwickelt und hochwertige Arbeitsplätze schafft“, ergänzen die Experten Karl Freidl und Alexander Eberan.