Zwei Jahrhunderte Wienerberger

Heimo Scheuch – seit 2009 CEO von Wienerberger: "Wir verwirklichen im 21. Jahrhundert genau denselben kundenorientierten, nachhaltigen und zukunftsgerichteten Ansatz, den auch die Gründerväter von Wienerberger bereits im 19. Jahrhundert verfolgt haben."

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Heimo Scheuch – seit 2009 CEO von Wienerberger – im Gespräch mit Paul Christian Jezek über Märkte, Produkte, Konzernstrategien, also: über die ersten 200 Jahre Wienerberger.

Herr Scheuch, bis vor einiger Zeit hat der Konzern noch mit der 3-Milliarden-Euro-Umsatzschwelle ‚gerungen‘ …

Heimo Scheuch: Diese haben wir inzwischen deutlich überschritten. Im vergangenen Jahr haben wir mit 3,3 Milliarden Euro in puncto Umsatz ein Rekordergebnis in der 200jährigen Unternehmensgeschichte erreicht. Darüber hinaus führen wir den Konzern in eine noch breitere Zukunft, d.h. wir entwickeln Wienerberger zu einem Systemanbieter über innovative Produkte und Lösungen hinaus.

Was bedeutet das im Einzelnen?

Wir offerieren tatsächlich Systeme – damit meine ich beispielsweise Wand-Fassade–Dach– und im Infrastrukturbereich Komplettlösungen, also über die Rohre hinaus auch die ganze Technik dazu, wie etwa Sensoren, etc.

Begonnen hat Wienerberger vor zwei Jahrhunderten aber sehr wohl mit Ziegeln – was hat sich denn da geändert?

Damals ging es darum, Baustoffe für stark wachsende Städte zur Verfügung zu stellen – selbstverständlich in erster Linie für das Wien der Monarchie. Und man dachte in diesem Zeitraum in Ziegel-Stückzahlen, um Gebäude zu errichten.

Heute denkt man an und in Gesamtlösungen – zum Beispiel an ein energieautarkes Haus. Das führt dazu, dass wir eben nicht ‚nur‘ die Produkte zur Verfügung stellen, sondern auch die Gesamtlösung. D.h. wir planen und entwickeln das Gebäude schon als solches und stellen es dem Kunden zur Verfügung. Wienerberger hat den Ziegel zum Hochtechnologieprodukt geformt und sich zum Anbieter innovativer Baustoff- und Infrastrukturlösungen entwickelt.

Wo überall können Sie nun mit diesem Konzept agieren?

Wir sind an rund 200 Standorten in 30 Ländern aktiv. Dabei haben wir uns sehr stark auf Tiefe, nicht auf Breite konzentriert. Die Wienerberger-Strategie geht in Richtung Marktdurchdringung, d.h. wir möchten eine stärkere Marktposition in weniger Ländern haben, als in vielen Ländern ein bisschen aktiv zu sein.

Warum?

Nur so können wir die Veränderungen beim Bauen, die Erneuerung und unsere Innovationen stärker verankern: Wenn wir starke Marktanteile haben.

Wie haben Sie das konkret realisiert?

Wir haben einige Märkte aufgegeben, die nicht mehr ausbaufähig ausgesehen haben. Darüber hinaus haben wir teilweise Aktivitäten verkauft. Wir werden das auch in Zukunft machen, weil wir unser Portfolio regelmäßig evaluieren. Wir wollen nur in Märkten bleiben, die einerseits Wachstumschancenbieten oder auch Veränderungsmöglichkeiten und Potenzial zu Innovationen bieten.

Vice versa kauft Wienerberger kontinuierlich ein …

Das werden Sie in zunehmenden Maße in den nächsten drei bis fünf Jahren sehen: dass Wienerberger ganz gezielt Unternehmen erwirbt, um deren Produkte und Lösungen mit den unseren zu kombinieren und über unsere Vertriebskanäle zu distribuieren.

In den vergangenen Jahren haben wir starke Plattformen im Vertrieb und in der Verwaltung realisiert. Wenn wir ein Unternehmen kaufen, dann docken wir dort an: beim Management, beim kompletten Back-Office sowie auch im Vertrieb, um diese Produkte mitverkaufen zu können. Das schafft Werte und damit bauen wir unsere Positionen weiter aus. Ein gutes Beispiel dafür ist das ‚System Gebäudehülle‘.

Wie arbeiten Sie noch mit anderen Unternehmen zusammen?

Wir vertreiben schon heute eine Vielzahl von Produkten anderer Hersteller in unserem Sortiment. Ein Beispiel dafür: Wir haben Ziegel mit Dämmstoffen, die wir ‚mitnehmen‘, wie etwa Steinwolle. Die wird von einem anderen Produzenten hergestellt und in unsere Ziegel verfüllt. Der Hausbauer bekommt das komplette Produkt geliefert – vom Baumeister oder durch einen Händler oder am Dach vom Dachdecker.

Sie wollen Ihr Dach sanieren? Dann sprechen Sie mit Ihrem Dachdecker, der erhebt die Daten und Sie können dann mit ihm die Oberfläche Ihrer Dachziegel und die Stärke der Dämmung besprechen. Der Dachdecker sucht sich dann einen Partner wie eben Wienerberger, wo er alles aus einer Hand bekommt. Dabei hat er Zugang zu unseren Datenbanken sowohl im technischen wie auch im kommerziellen Bereich. Der Vorteil für ihn: Er bekommt das ganze Paket und kann es bei seinem Kunden ‚installieren‘.

Kann dieser Ansatz über einzelne Häuser hinausgehen?

In England beispielsweise haben wir über unsere Plattformen bereits einen ganzen Stadtteil mit rund 40 Häusern gemeinsam mit einem sozialen Wohnbauträger geplant. Wir entwickeln dabei auch niedrige Energiehausstandards, die wir dem Kunden zur Verfügung stellen, damit er sie bauen lässt.

So weit sind wir also schon gegangen, d.h. die Planung abzunehmen und dann zu sagen: ‚Das kannst du bauen (lassen), wir liefern dir alle Komponenten, aber du bist eigenverantwortlich.‘

Wie kommen Sie zu solchen Aufträgen?

Die Industrie verändert sich auch in unserem Bereich, das wäre dann also ‚unsere‘ Industrie 4.0.(lächelt.)

Es geht hier um Partnerschaften, früher waren die Unternehmen noch viel stärker voneinander getrennt. Es gibt dabei ein Umdenken der ganzen Branche, was sicherlich dazu führen wird, dass neue Partnerschaften entstehen. Dabei werden die Baustoffproduzenten bei den Entscheidungskriterien viel stärkere Bedeutung erlangen.

Stichwort Innovation: Führt Wienerberger eine eigene F&E-Abteilung?

Bei uns arbeiten tatsächlich ziemlich viele Personen, die sich in ihrer Kernkompetenz mit einzelnen Produkten auseinandersetzen und deshalb durchaus auch forschen und entwickeln. Weiters gibt es ein Wienerberger- Innovationslab mit der Möglichkeit, zeitweise Personen freizustellen, die dann ‚über den Tellerrand hinausdenken‘.

Und das ‚Produkt Ziegel‘?

Unser ‚ewiger‘ Baustoff wurde in den zwei Dutzend Jahren, in denen ich bereits im Wienerberger-Konzern tätig bin, immer wieder totgesagt. Und das war und ist völlig falsch! Denn Ziegel kommen unverändert in allen Bereichen zum Einsatz und machen im Übrigen unverändert etwa zwei Drittel des Wienerberger-Gesamtumsatzes aus. Im eigentlichen Wandgeschäft erwirtschaften wir etwas weniger als eine Milliarde Euro.

Wie stellt sich Ihr Konzern soziologisch dar?

Wienerberger hat im Rahmen einer klaren Nachhaltigkeitspolitik immer den Anspruch, mit sämtlichen Stakeholdern fair, korrekt und transparent umzugehen – und das wird auch in Zukunft so sein.

Als Publikumsgesellschaft sind wir verpflichtet, offen, ehrlich und umfangreich zu kommunizieren.

Zum beliebten Stichwort ‚Diversity‘ ist zu sagen, dass es Wienerberger-Standorte gibt, wo Mitarbeiter aus zwölf, 15, ja bis zu 20 Nationen tätig sind.

Wo gibt es Wachstumsmärkte?

Wir haben schon vor Jahren in Indien ein Werk gebaut, entwickelt und bis heute immer wieder vergrößert. Wir sind zuversichtlich, dass wir in Indien weiterwachsen werden, während China kein Thema für Wienerberger ist.

In den USA performen wir unverändert gut, auf den Brexit sind wir gut vorbereitet. Wienerberger führt in UK mittlerweile 15 Werke, die alle voll aktiv sind, und wir schippern zusätzlich noch einiges an Ziegeln aus den Niederlanden und Belgien nach Großbritannien.

Der Heimatmarkt ist wohl der stärkste?

Nein, vom Umsatz her rangiert Deutschland auf Platz eins, da kommt der berühmte ‚Faktor 10‘ ins Spiel. Was die Performance betrifft, sind wir mit unserem großen Nachbarn aber noch nicht ganz zufrieden, da haben wir im Sinne von Verbesserung und Anpassung noch einen wichtigen Weg vor uns.

Sehr entwicklungsfähig ist Zentralosteuropa mit Tschechien oder der Slowakei oder auch – etwas abgestuft – Polen. In diesen Ländern haben wir ordentliche Wachstumsraten, in Westeuropa nicht ganz so hoch, aber sehr stabil. Belgien ist ein wichtiger Markt, man kann dort ganz gut verdienen und das trifft auch auf die Niederlande zu.

Was tut Wienerberger beim Thema Recycling?

Jedes heutige Wienerberger-Produkt ist wiederverwertbar. Man kann jeden Ziegel der Produktion hinzufügen, ebenso jedes Rohr und auch jeden Plastikteil. Unser Recyclingfaktor liegt bereits bei etwa 50 Prozent.

Es gibt bei Wienerberger zwei Kreisläufe: den geschlossenen im jeweiligen Werk mit Abfällen aus der Produktion. Und dann kann man von außerhalb der Produktion etwas zuführen. Allerdings gibt es manchmal sogar zu wenig Recycling-Material.

Der geschlossene Kreislauf ganz im Sinne von ‚Cradle-to-Cradle‘ existiert also schon heute – oft sind aber Logistik und Wirtschaftlichkeit diesbezüglich ganz wesentliche Themen!

Last but not least: Wie begehen Sie das 200-Jahre-Jubiläum?

Wir verwirklichen im 21. Jahrhundert genau denselben kundenorientierten, nachhaltigen und zukunftsgerichteten Ansatz, den auch die Gründerväter von Wienerberger bereits im 19. Jahrhundert verfolgt haben.

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