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21.11.2021 | 5 min

Wasserstoff bringt uns schneller zur sauberen Mobilität

Klimaziele allerorten: Die Dekarbonisierung der Mobilität in den Industriestaaten ist für diese globalen Anstrengungen eine vordringliche Aufgabe. Unternehmen mit Standort Österreich sind gleichzeitig Treiber und Profiteure dieser klimapolitischen Weichenstellungen.

Die Bundesregierung arbeitet unter anderem auch an einer eigenen Wasserstoff-Strategie, denn die zukünftige Nutzung von Wasserstoff, als wohl wichtigstem Energieträger, wird eine entscheidende Rolle beim Ersatz von fossilen Energien spielen. Zahlreiche heimische Unternehmen und Forscher sind schon heute ganz vorne dabei. Fünf große Forschungseinrichtungen im Bereich der H2-Spitzenforschung gibt es in Europa, zwei davon sind in Deutschland, je eine in Frankreich und Norwegen. Und eine in Österreich: Allein am Campus der TU Graz widmen sich 160 Forscher dem Wasserstoff und seiner kommerziellen Nutzung. Praktisch in jedem Bundesland gibt es überdies auf Wasserstoff spezialisierte FH- und Uni-Institute oder Spin-Offs derselbigen.

Unter diesen Bedingungen überrascht es nicht, dass eine stattliche Reihe von Unternehmen in Österreich auf das Know-how dieser Expertenpools zurückgreifen und damit auch kommerziell immer erfolgreicher werden. So etwa Worthington Industries. Der US-Konzern mit 8.000 Mitarbeitern und 53 Werken in sieben Ländern hatte 1998 den 1817 als „Josef Winter“ gegründeten Erzeuger von Stahlhochdruckgasflaschen von Weltrang in Kienberg in Niederösterreich übernommen. Heute beschäftigt das Unternehmen an diesem Standort 400 hoch motivierte Kollegen, und sichert darüber hinaus über die Wertschöpfungskette rund 1.000 Beschäftigungsverhältnisse in Österreichs Volkswirtschaft.

H2 Bussystem, das man u.a. im VanHool Bus findet

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Extreme Druckstabilität und geringes Gewicht

Erst 2020 hat Worthington Industries in Kienberg um zehn Millionen Euro ein neues Werk zur Herstellung von Composite-Hochdruckbehältern errichtet. Das Unternehmen gehörte schon bisher zu den renommiertesten Herstellern von Stahlhochdruckgasflaschen, die mit verschiedensten technischen Gasen für die Industrie oder mit medizinischem Sauerstoff für den Spitalsbereich gefüllt werden; auch die Stahl-Erdgastanks für VW-Fahrzeuge kommen aus Kienberg. Im neuen „Composite-Werk“ wird für Kunden an verschiedenen Positionen im „Ökosystem der alternativen Brennstoffe“ produziert. Im Frühjahr begann die Produktion der Typ IV-Composite-Behälter: Kunststoff-Behälter werden mit in Kunstharz getränkter Carbonfaser gewickelt, um eine extreme Druckstabilität für möglichst große Wasserstoff-Füllkapazitäten bei gleichzeitig geringem Gewicht zu erhalten.

Die hier konstruierten und hergestellten Composite-Behälter und Gastankanlagen für Wasserstoff und Erdgas unterstützen Unternehmen beim Erreichen ihrer Nachhaltigkeitsziele. Das neue „Wasserstoff-Produktportfolio“ von Worthington mit den sogenannten Composite-Behältern lässt noch weiter in die Zukunft blicken, denn solche Behälter sind für den kommerziellen Durchbruch von Wasserstoff als Energiespeicher unersetzlich. Wasserstoff kann zwar via Brennstoffzellen völlig emissionsfrei in elektrische Energie umgewandelt werden, ist aber ein heikler Stoff was seine Speicherung und den Transport betrifft. In flüssiger Form gelingt das nur bei einer Temperatur von -253 Grad. Gasförmig verlangt H2 nach High-Tech-Hochdruck-Behältern, wie sie eben Worthington herstellt. Dabei ist für Composite-Behälter bis 350 BAR (35 MPa) bei dem Füllvorgang üblicherweise keine Kühlung nötig, doch das Volumen des Behälters muss für die nötige Energiemenge deutlich größer sein als etwa bei fossilen Brennstoffen.  

Die bis zu rund 3,2 Meter langen Composite-Behälter hat Worthington bis heute hauptsächlich aus Polen, als Wasserstoffgastankanlagen für Omnibusse, ausgeliefert; unter anderem auch an den belgischen Bus-Hersteller Van Hool.

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Wasserstoffgastankanlagen für Busse in Brüssel

Die bis zu rund 3,2 Meter langen Composite-Behälter hat Worthington bis heute hauptsächlich aus Polen, als Wasserstoffgastankanlagen für Omnibusse, ausgeliefert; unter anderem auch an den belgischen Bus-Hersteller Van Hool. Seit Oktober 2021 ist für die Brüsseler Verkehrsbetriebe STIB-MIVB der erste Wasserstoffbus im Einsatz, ebenfalls mit Gastankanlagen, die bei Worthington entwickelt und produziert wurden. Das 12 Meter lange Fahrzeug mit Wasserstoffantrieb wird zwei Jahre lang auf der Straße getestet, um die Zuverlässigkeit der Wasserstoff-Technologie, die Effizienz, die Reichweite und die Wartungskosten sowie die Gesamtbetriebskosten, einschließlich der Kostenreduzierung durch die Verringerung der CO2-Emissionen, zu prüfen. Mit einer maximalen Gastankanlagenkapazität von 39 kg Wasserstoff kann dieser Bus rund 400 km pro Tag zurücklegen. Derzeit sind rund 162 Wasserstoffbusse von Van Hool auf zwei Kontinenten im Einsatz.

Wasserstoff-Tankstellen für PKWs

In Wien-Leopoldau errichtet Wien Energie gerade eine Wasserstoff-Tankstelle, an der Busse und LKWs künftig grünen Wasserstoff tanken können. Schon in diesem Winter wird der erste Wasserstoffbus im Testbetrieb in Wien unterwegs sein. Zudem plant Wien Energie eine Elektrolyse-Anlage, die Wasserstoff für den Einsatz in der Industrie, im Schwerverkehr und auch in den Wiener-Linien-Bussen herstellen wird. 2023 erfolgt der Aufbau einer Wasserstoff -Tankstelleninfrastruktur in Simmering sowie eine eigene Erzeugungsinfrastruktur von Grünem Wasserstoff (H2, der ausschließlich unter Einsatz von erneuerbaren Energien hergestellt wurde).  

Viele weitere Projekte mit Wasserstoff sind in Österreich in Entwicklung. Die Zillertalbahn soll bald mit H2 statt mit Diesel fahren, Wasserstoff-Busse waren schon in Graz und in Klagenfurt im Testbetrieb. Verbund und Fronius arbeiten dafür an der emissionsfreien Erzeugung von Wasserstoff, Gas Connect Austria und Maximator an der Infrastruktur zu dessen Bereitstellung und Speicherung. AVL List, die Wiener Linien und weitere an seiner Anwendung zum Betrieb von Straßen- und Schienenfahrzeugen.

Grüner Wasserstoff soll auch über die Donau kommen

Woher aber kommt der ganze Wasserstoff für Mobilität und Industrie in Österreich? Seine Herstellung ist sehr energieintensiv, daher ist die im Sinne der Klimaziele entscheidende Frage, welche Art von Energie zu seiner Produktion eingesetzt wird und zu welchen Kosten. Allein Österreichs Bedarf an Wasserstoff wird sich bis 2050 auf 1.200 TWh vervierfachen. Das Potential an Biomethan und Wasserstoff in Österreich wird für den 100prozentigen Ersatz von fossilem Gas nicht ausreichen.

Aufgrund der vorhandenen Infrastruktur sowie der geographischen und geopolitischen Lage hat Österreich beste Voraussetzungen, um die nötigen Grünen Gase zu importieren: Aktuell treibt die RAG Austria AG ein konkretes Wasserstoff-Projekt gemeinsam mit nationalen und internationalen Partnern voran, Wasserstoff aus Sonne und Wind soll künftig in der Ukraine hergestellt und für den saisonalen Bedarf in Österreich und Bayern gespeichert werden. Wasserstoff aus der Ukraine und anderen Ländern wird nicht auf der Straße befördert, sondern gelangt in den bestehenden Gaspipelines nach Mitteleuropa.

Doch der hierzulande nicht in ausreichenden Mengen erzeugbare Grüne Wasserstoff soll auch über das Wasser nach Österreich fließen. Beim GreenHydrogen@BlueDanube-Projekt möchte Hidroelectrica Romania gemeinsam mit Verbund Grünen Wasserstoff produzieren und diesen auf der Donau und dann via Bahn und LKW in acht europäische Länder transportieren: Der Strom aus Wind, Sonne und Wasser soll gleich direkt vor Ort in Rumänien in großen Elektrolyseanlagen zur Wasserstoffproduktion genutzt werden – die Composite-Behälter, die den Wasserstofftransport auf der Donau in komprimierter Form überhaupt möglich machen würde, könnten von Worthington Österreich kommen. 

H2 behind the cab truck system

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Europa wegen Sustainable Energy-Commitment

Worthington investiert jetzt vor allem massiv in Speicher- und Transportlösungen für Wasserstoff. Diese reichen von Gasspeicherlösungen für die stationäre Infrastruktur über die eben genannten ISO Gastransportcontainer und Gastankanlagen für Busse und LKWs bis hin zu mobilen Lösungen für Speditionen (Mobile Tankstelle auf einem LKW-Anhänger) und sogar bis zum Equipment für NASA-Raketen. „Nur im Bereich Aviation sind wir im Moment noch nicht allzu sehr aktiv, aber das wird wahrscheinlich auch bald kommen“ sagt Todd Cesaratto, Worthington‘s Direktor Communications & Marketing, Europe.

Worthington Industries hat dafür neben dem neuen Composite-Werk in Niederösterreich auch sein bestehendes Werk für Composite-Behälter in Polen erweitert und 2021 einen deutschen Hersteller von Ventilen und Komponenten, PTEC Pressure Technology GmbH, aus Burscheid übernommen. Timo Snoeren, Vice President Sustainable Energy Solutions: „Der Kauf von PTEC ergänzt unsere Investitionen in die wachsenden Märkte für nachhaltige Mobilität und erweitert unsere Systemkompetenz.“ Europa hält nun den Geschäftsbereich Sustainable Energy Solutions von Worthington Industries inne. Das Unternehmen ist der größte Hersteller von Druckbehältern in Europa und beschäftigt auf dem alten Kontinent mehr als 1.600 Mitarbeiter an Standorten in Österreich, Deutschland, Polen und Portugal. Mit den leichtesten Nieder- und Hochdruckbehältern aus Composite-Material und Stahl die es gibt, entwickelt und fertigt Worthington in Europa also nicht nur Lösungen für alternative Treibstoffe, sondern auch für Industriegase, technische Gase und Atemluftgeräte (Feuerwehren).

„Überzeugt davon, dass Wasserstoff die Antriebstechnologie der Zukunft ist“

Timo Snoeren, Vice President Sustainable Energy Solutions bei Worthington Industries, über den Worthington-Standort in Niederösterreich, über das Composite-Werk ebendort, über die Wasserstoffwirtschaft sowie mit einem Appell an die Politik und die Automotive-Industrie.

  • Es ist mein persönliches Anliegen, dass wir ein zukunftsorientiertes Unternehmen sind. Ich bin ein klarer Förderer jeglicher Neuerung, die unser Geschäft auch in der Zukunft sichert.
  • Daneben ist mein Herzensprojekt, nach außen und auch innerhalb, der Belegschaft zu vermitteln, was hinter unseren Hochdruckbehältern steckt – damit meine ich, welches Know-how, welche Kultur, welche Qualität, welcher Einsatz.
  • Die Strategie von Worthington ist es, ein führender Lösungsanbieter in der schnell wachsenden Wasserstoffwirtschaft zu sein.
  • Worthington sucht immer nach Wachstumsmöglichkeiten, um die Wertschöpfung für die Region zu steigern. Dabei geht es uns auch darum, nachhaltige Arbeitsplätze in der Region zu schaffen.
  • Ich bin überzeugt davon, dass Wasserstoff die Antriebstechnologie der Zukunft ist! Unser Anspruch war es, nachdem wir die guten Zeichen erkannt hatten, einer der Ersten auf diesem Gebiet in Europa zu werden. In den USA haben wir schon seit Jahrzehnten Composite-Behälter für Wasserstoff produziert.
  • Das Wasserstoffwerk macht uns ganz klar zukunftsfit, denn es erweitert unsere Produktpalette immens.
  • Unser Ziel ist es, in jeglicher Hinsicht am Puls der Zeit zu sein und mit unserem Lösungsangebot die Bedürfnisse unserer Kunden bereits vorauszusehen.
  • Uns ist es wichtig, dass das Thema Wasserstoff auch von der Regierung und den Automobilherstellern ernst genommen wird.

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