Was uns das Virus kostet

Wer prüft die Fakten, nennt die Zahlen? Die Corona-Krise verschont so gut wie niemanden. Hier gibt’s den fundierten Überblick über die aktuelle Situation der heimischen Wirtschaft.

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Spätestens im März wurde die grundsätzlich positive Wirtschaftsentwicklung seit dem Jahresbeginn abrupt beendet. Seitdem hat die Krise alle Wirtschaftssektoren und fast alle Branchen erfasst. Eine aktuelle Analyse der UniCredit Bank Austria geht davon aus, dass unsere Wirtschaft trotz der ersten Lockerungen der Beschränkungen im zweiten Quartal nur rund 75 bis 80 Prozent des normalen Leistungsniveaus erreichen wird. Zudem wird die erwartete Gegenbewegung zum aktuellen Konjunktureinbruch in der zweiten Jahreshälfte in Summe nicht stark genug sein, damit die Konsumnachfrage und die Investitionen noch heuer auf den Wachstumspfad vor der Krise zurückkehren können.

Die Auswirkungen der Corona-Krise auf Sektor- und Branchenebene basieren im Grundszenario auf dem „Einfrieren“ weiter Bereiche des öffentlichen und damit auch des Wirtschaftslebens bis Ende Mai, gefolgt von wenigstens zwei „Erholungsmonaten“ mit eingeschränkten Aktivitäten. Die Einschätzung der Auswirkungen von Nachholeffekten im zweiten Halbjahr basiert auf einem ausgewogenen Ansatz. Vielen Branchen, die unter dem Lockdown massiv leiden, ist gemeinsam, dass sie die Umsatzeinbußen auch nach der Aufhebung der Maßnahmen nicht wieder ausgleichen werden können. „Unter der Annahme einer stufenweisen Wiederbelebung der Wirtschaftstätigkeit ab Juni erwarten wir im Gesamtjahr 2020 eine um etwa 10 Prozent beziehungsweise 36 Milliarden Euro geringere nominelle Wirtschaftsleistung in Österreich im Vergleich zu einem Szenario ohne Auswirkungen der Pandemie“, erklärt UniCredit Bank Austria Chefökonom Stefan Bruckbauer.

Die Sektoren im Detail

Die Industrieproduktion ist schon 2019 abgekühlt und im Gesamtjahr um 0,2 Prozent gesunken. Die Anfang 2020 aufgrund der relativ optimistischen Konjunktureinschätzungen der Unternehmen noch zu erwartende Erholung endete aber schon bald, denn bereits im Februar ist die Produktionsleistung der Investitionsgüterhersteller im Vergleich zum Vorjahr um rund 10 Prozent gesunken. Das Ergebnis dürfte vor allem die Folge davon sein, dass in einigen Branchen die internationalen Zulieferketten schon frühzeitig zusammengebrochen sind.

Die Industrie erwartet zum Teil sehr hohe Rückschläge.

Da die Einschränkungen in wichtigen Zuliefer- und Absatzmärkten andauern, wird die Industrie 2020 voraussichtlich einen stärkeren Rückschlag als die Gesamtwirtschaft erleiden. Im Vergleich zum Basisszenario rechnen die Ökonomen der Bank Austria mit einem Minus der Industriewertschöpfung von 13 Prozent nominell bzw. eeinem Wertschöpfungsverlust von rund 8,5 Milliarden Euro, also beinahe einem Viertel der gesamten Wertschöpfungseinbußen, die 2020 in Österreich zu erwarten sind.

Auf Branchenebene sind zwar die Lebensmittelhersteller auch vom Lockdown betroffen, wie die schon im März stark gestiegene Zahl an arbeitslos gemeldeten Beschäftigten vermuten lässt. Allerdings hat die Branche in ihrer Funktion als versorgungsrelevanter Bereich im Gesamtjahr ebenso wie die Pharmaindustrie kaum Nachfrageeinbußen zu befürchten – im Gegensatz zu anderen Konsumgüterbranchen wie der Herstellung von Bekleidung, Möbel oder Spiel- und Sportartikel, die nicht nur mit dem Lockdown des Einzelhandels einen wichtigen Absatzkanal verloren haben. Zudem muss damit gerechnet werden, dass die Nachfrage nach Gebrauchsgütern nur langsam in Schwung kommt, gebremst von den Unsicherheiten am Arbeitsmarkt und den Einkommensverlusten großer Teile der Bevölkerung.

Bei den investitionsnahen Industrien, die Produkte für die Bauwirtschaft erzeugen, wird der Abschwung wahrscheinlich weniger stark ausfallen. Allerdings sind Investitionsgüterhersteller, die eng in internationale Lieferketten eingebunden sind und den Großteil ihrer Produkte im Export absetzen, von höheren Rückschlägen bedroht. Derzeit sind die wirtschaftlichen Aussichten für 2020 in wichtigen Exportmärkten der heimischen Industrie im Vergleich zum Inland zum Teil noch erheblich trüber. Besonders betroffen sind die Kfz-Zulieferer, die Stahlindustrie und Teile der Metall- und Kunststoffwarenherstellung, sowie der Erzeugung von elektrotechnischen Produkten.

Letztendlich wird sich die Krise auch bei den Investitionsgüterherstellern sehr unterschiedlich niederschlagen, wie die Ergebnisse einer aktuellen Befragung im Bereich der Metallerzeugung, der Metallverarbeitung und im Maschinenbau zeigen: Die meisten Unternehmen berichten für April einen deutlichen Rückgang ihrer Kapazitätsauslastung. Gleichzeitig halten sich die Anteile der Betriebe, die vollständig still stehen und jener ohne Beeinträchtigung ihrer Produktionstätigkeit mit jeweils 7 bis 8 Prozent in etwa die Waage.

Erhebliche Einbußen für den Bau

Die Bauwirtschaft verbuchte 2019 noch ein Umsatzplus von neun Prozent und profitierte auch 2020 bis zum Ausbruch der Krise von einer unverändert stabilen Auftragslage ebenso wie von günstigen Witterungsverhältnissen. Die Baustellenschließungen im März und der Ausfall von ausländischen Arbeitskräften betreffen zwar alle drei zentralen Bausparten – voraussichtlich werden aber die Umsatzeinbußen in den arbeitsintensiveren Segmenten, also im Hochbau und im Baunebengewerbe, stärker als im Tiefbau ausfallen. Zudem muss mit einer erheblichen Einschränkung der Wohnbauleistung im Vergleich zu den dynamischen Vorjahren gerechnet werden.

Die Baubranche wird die Krise relativ gut bewältigen.

Da aber der Nachfrageüberhang, nicht nur im Wohnbau, bestehen bleibt, sind in Summe die Wachstumsaussichten der Bauwirtschaft für 2020 weiterhin vorhanden. Dennoch wird der Sektor den stärksten Rückschlag seit Jahrzehnten erleiden. Die UniCredit Bank Austria Ökonomen rechnen im gesamten Jahr 2020 mit einem Wertschöpfungsverlust für den Bausektor von elf Prozent beziehungsweise 2,9 Milliarden Euro.

Im Handel muss mit einem Rückgang der Wertschöpfung von 12 Prozent beziehungsweise fünf Milliarden Euro gegenüber dem Basisszenario gerechnet werden. Der Verlust verteilt sich allerdings sehr unterschiedlich auf die einzelnen Sparten. Im Autohandel hat sich schon vor Beginn des Lockdown im Krisenmodus befunden, wie der Rückgang der Kfz-Neuzulassungszahlen im ersten Quartal von mehr als 30 Prozent unterstreicht. Auch wenn der Kfz-Handel im zweiten Halbjahr Nachholeffekte und wieder steigende Absatzzahlen erwarten kann, droht der Sparte im Gesamtjahr 2020 ein Wertschöpfungsverlust von wenigstens 25 Prozent. Etwas moderater sollte der Abschwung bei den Kfz-Werkstätten ausfallen. Auch wenn die Tankstellen als versorgungsnotwendige Sparte nicht schließen mussten und mit den Shops zusätzliche Umsätze generieren können, wird ein Umsatzminus 2020 nicht zu vermeiden sein.

Andere Einzelhandelssparten, die von den Lockdown-Maßnahmen ausgenommen waren, vor allem der Lebensmittelhandel, die Apotheken und Drogerien, sind von der Krise kaum betroffen. Hingegen erwarten die Händler, die ihre Geschäfte schließen mussten und dauerhafte Konsumgüter anbieten, zum Teil massive Einbußen. Falls sie nicht verstärkt in den Onlinehandel ausweichen können, verlieren sie nicht nur die Nachfrage heimischer Kunden, sondern im weiteren Jahresverlauf auch einen erheblichen Teil der touristischen Nachfrage.

Die Auswirkungen der Corona-Krise auf den Großhandel, der rund die Hälfte zur Handelswertschöpfung beiträgt, sind vergleichsweise moderat, in Summe aber auch negativ. Ein Wertschöpfungsrückgang 2020 von etwa zehn Prozent ist zu erwarten. Die Sparte hat den Vorteil, dass viele Geschäfte ohne Kundenkontakt abgewickelt werden und die Lieferungen an die Industrie, die Bauwirtschaft und den Lebensmittelhandel vielfach nicht ausgesetzt haben. Allerdings werden auch die Großhändler die massiven Einbußen im Gastronomiegeschäft kaum kompensieren können.

Es gibt vielleicht auch Gewinner

Die einzelnen Dienstleistungsbereiche sind sehr unterschiedlich betroffen. So sollten die Anbieter von IT-Dienstleistungen, die seit Jahren zu den wachstumsstärksten Dienstleistungsbranchen zählen, diese Position auch 2020 halten können. Dafür spricht der erhöhte Bedarf an Online- oder Teleworking-Infrastrukturen. Gleichzeitig wächst die Nachfrage nach den Leistungen der Telekomanbieter. Auch die Paketdienste werden die Krise relativ unbeschadet überstehen. Wahrscheinlich können die Unternehmen aber nicht den gesamten Auftragsrückgang im B2B-Segment mit zusätzlichen Aufträgen im B2C-Segment ausgleichen.

Paketdienste sollten die Krise einigermaßen unbeschadet überstehen.

Hingegen werden der Gütertransport ebenso wie die Anbieter sonstiger Wirtschaftsdienste, das sind u.a. die Arbeitskräftevermittler, Gebäudereiniger und Sicherheitsdienste, deutlich unter dem Rückgang der Industrie- und Exportkonjunktur leiden. Wie die Verkehrsdienste können diese Branchen auch keine nennenswerten Aufholeffekte erwarten. Hier muss mit einem Rückgang der Wirtschaftsleistung von 15 bis 25 Prozent gerechnet werden. Einige freiberufliche und technische Dienstleistungssparten können zumindest einen Teil der Nachfrageeinbußen im zweiten Halbjahr zurückholen, etwa die Rechtsberatung oder die Wirtschaftstreuhänder. Die Wertschöpfungsverluste in dem Bereich bewegen sich 2020 bei „moderaten“ zehn Prozent.

Im Tourismussektor sind hohe Einbußen zu erwarten.

Hohe Einbußen im Fremdenverkehr

Besonders hohe Einbußen erwartet der Tourismussektor, der sowohl die angeordnete Schließung der Betriebe als auch den Ausfall der Nachfrage verkraften muss. Zudem wird sich die Nachfrage auch nach Aufhebung der Beschränkungen nur sehr langsam erholen, vor allem weil die Reisebudgets großer Teile der Bevölkerung aufgrund der Einkommenseinbußen deutlich geschrumpft sind. Beherbergungsbetriebe und Gastronomie müssen laut Bank Austria-Experten heuer mit einem Wertschöpfungsminus von etwa 30 Prozent rechnen, was einem Verlust von fast sechs Milliarden Euro beziehungsweise rund 17 Prozent der geschätzten gesamtwirtschaftlichen Wertschöpfungseinbußen entspricht.

Die eingeschränkten Ausgangsmöglichkeiten und Reisefreiheiten werden zudem im Personentransport, bei den Autoverleihern, den Reisebüros und den Kultur- und Sporteinrichtungen eine Umsatzerosion auslösen. Da in dem Bereich kaum Nachholeffekte zu erwarten sind, ist hier mit einem Rückgang der nominellen Wertschöpfung 2020 von wenigstens 25 bis zu 40 Prozent im Vergleich zum Basisszenario zu rechnen.

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