Stefan Pierer

Beim Tun ist es so geworden, sagt man im Innviertel. Das gilt auch für Stefan Pierers KTM-Konzern. Sein Motto: Chancen erkennen und ergreifen. Und dann tun.

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„Lasse mir nicht ins Lenkrad greifen“

Angenommen, die KTM-Chance hätte sich 1991 nicht ergeben und Sie wären in etwa so alt wie damals: In welche Branche würden Sie heute investieren?
Ich wäre wahrscheinlich eine richtige Heuschrecke, die von einem Unternehmen zum nächsten zieht. Vielleicht wäre ich aber auch irgendwo hängen geblieben. KTM war jedenfalls eine Gelegenheit, aus der sich meine unternehmerische Liebe entwickelt hat.


Sie hätten keine Lust, aus Europa heraus einen digitalen Champion zu formen, der weltweit mitspielen kann?

Ich bin in Produktionsbetrieben aufgewachsen, weder der klassische noch der digitale Handel sind meins. Anfang des Jahrtausends hätte ich allerdings auch nie geglaubt, dass Amazon jemals so groß werden kann.

Trauern Sie der Heuschreckenkarriere nach?

Nein. Je älter ich geworden bin, umso schwerer habe ich mir damit getan. Es gibt zwar auch anständige Heuschrecken. In der Regel ist das Geschäft aber zu kurzfristig, da geht es selten um Nachhaltigkeit. Und ich tu mir auch schwer, wenn ich mit dem Geld dritter Leute arbeiten muss. Bei KTM ist es überwiegend mein eigenes.

Sie kommen aus der Restrukturierung und Sanierung. Kann man das lernen?

Abgesehen davon, dass man bestimmte Persönlichkeitsmerkmale haben sollte – das meiste über Sanierung habe ich on the Job gelernt. Da geht es um den unmittelbaren Zusammenhang zwischen Maßnahme und Wirkung. In Leoben, wo ich an der Montanuni studiert habe, habe ich Hüttenwesen, Energiewirtschaft und ansatzweise Betriebswirtschaft gelernt – aber erst in der Praxis habe ich verstanden, wie im Detail eine Deckungsbeitrags-rechnung und eine Bilanz funktionieren. Da war viel Trial and Error.

Bücher über Management und Führung waren dann wohl nicht so Ihres?

Nein, die Geduld dazu habe ich nicht, und Geduld ist nach wie vor nicht meine größte Stärke. Wobei mich meine zwölf-jährige Partnerschaft mit meinem indischen Partner Bajaj Geduld gelehrt hat.

Von wem holen Sie sich dann konstruktives Feedback?

Jemand, der so viele Jahrzehnte in der Erfolgsspur fährt wie Sie, zieht doch tendenziell Jasager an. Ich bin in der glücklichen Lage, mit Heinz Kinigadner, der ein unglaubliches Sensorium für Märkte hat, und meinem Design-Wegbegleiter Gerald Kiska zwei jahrzehntelange Gefährten zu haben, die sich nie ein Blatt vor den Mund genommen haben. Das ist eine große Hilfe.

Externe Berater und Coaches lehnen Sie grundsätzlich ab?
Es gibt gute Berater, aber grundsätzlich halte ich von externer Beratung nichts, Auch Mentoren und Vorbilder im engeren Sinn hatte ich nie. Im Innviertel heißt es: „Beim Tun ist es so geworden.“ Das beschreibt auch mich ganz gut. Ich hatte nie eine Langzeitplanung.

Sie haben Bajaj erwähnt. Ich war in Indien und habe das dortige Werk gesehen. Industriell ist das eine vergleichbare Welt, aber spirituell ganz anders. Am Eingang zum Firmensitz Ihres Partners Rajiv Bajaj hängt ein Gemälde von Mahatma Gandhi, der der Adoptivvater des Firmengründers Jamnalal Bajaj war. Wie kann so eine Partnerschaft zwischen einem mitteleuropäischen Kapitalisten und einem östlichen Unternehmer funktionieren?
Es ist eine Kombination, wo beide von einander profitieren. Rajiv Bajaj war nach indischem Maßstab in seiner Jugend ein Revoluzzer und Freigeist. Er hat sich seine Reputation dann hart erarbeiten müssen. Das verbindet uns. Persönlich haben wir Chemie für den jeweils anderen entwickelt, es ist eine Freundschaft entstanden, wo man Dinge offen ansprechen kann. Ich bin vor dem Beginn der Allianz ja vielfach gewarnt worden, aber zum Glück habe ich nicht darauf gehört. Und wie gesagt: Ich habe in dieser Part-nerschaft Geduld gelernt, die Entscheidungen dauern dort eben länger. Es gibt in Indien den Spruch: „Es kommt, wie es kommt, und es ist, wie es ist.“

Sie haben eine Reihe von Herausforderungen zu lösen, der Zweiradsektor muss sich gehörig wandeln.
Die Zweiradbranche ist ja wie die Autobranche unter Druck. Lärm und CO2 sind für uns genauso große Herausforderungen. Elektrifizierung ist ein Riesenthema. Niedrigvolt und kleine Hubräume – dieses Fahrzeugsegment wird in den nächsten zehn Jahren komplett elektrisch werden. Es wird nicht lange dauern, bis die Zweitaktmotoren verboten werden. In Barcelona wird schon jetzt darüber diskutiert.


So kritisch Sie der E-Mobilität gegenüberstehen – für Sie ist das ein Überlebensthema?
Bei uns geht es nicht um so große Reichweiten, daher brauchen wir nicht so viele Batterien – wir sind wie prädestiniert für Elektro. Wir sind die Lösung für die kurze, urbane Strecke: E-Bike, E-Mofa, E-Roller. Deshalb habe ich kein Problem mit den Grünen.

Nun verbindet man mit KTM, das für Aggressivität, Leistung, Sportlichkeit, auch Lautstärke steht, kaum eine grüne Marke. Wie wollen Sie diesen Imagewandel hinbekommen?
Wir haben ja eine Vielzahl von Marken. Unsere Zweitmarke Husqvarna Motorcycles und Bicycles hat etwa den Vorteil, dass sie eine in den Haushalten bestens vertraute Marke ist. Deshalb haben wir das E-Bike-Geschäft unter der Marke Husqvarna begonnen. Ende September 2019 haben wir GasGas in Spanien übernommen, sie ist unbelastet und hat be-reits einen Elektroroller im Programm.

Die grüne Zukunft von KTM wird mehr bei Husqvarna und GasGas statt finden?

KTM ist scharf und spitz: erste Startreihe, guter Fahrer. Das kann ich auch elektrisch interpretieren. Schauen Sie sich den Porsche Taycan an. Was KTM nicht kann, macht Husqvarna. Und jetzt kommt eine südländische, emotionale Marke dazu. Alles auf einer Plattform. Wir machen nichts anderes, als die Autowelt zu kopieren. Was Ferdinand Piëch bei VW gemacht hat, kommt bei uns in Umrissen genauso. KTM verhält sich zu Husqvarna wie Porsche zu Audi. GasGas wird unser Seat. Wir haben jetzt drei europäische Marken, mit denen wir gegen die vier Japaner konkurrieren können.

Haben Sie das Thema Klimaschutz, so wie viele andere, unterschätzt?

Fakt ist, dass wir einen Klimawandel haben. Auf dieser Basis bräuchten wir eine faktenbasierte, ganzheitliche und auf Hausverstand basierende Diskussion darüber, wo wir ansetzen. Langfristig werden wir nur mit Innovationen herauskommen. Ich habe in den Siebzigerjahren mit Hingabe die Grenzen des Wachstums des Club of Rome gelesen. Da wurde prophezeit, dass es in den Achtzigern schon keine Energie mehr gibt. Doch die Technologien, etwa zur Ausbeutung der Lagerstätten, sind viel besser geworden.
Kurzfristig kann jeder etwas tun: in der Gebäudesanierung, bei der Heizung, aber auch rund um Fragen wie „Muss ich um 48 Euro von München nach Mallorca fliegen?“. Als ich meinen Führerschein gemacht habe, war gerade Ölkrise, ein Liter Benzin kostete knapp über 13 Schilling. Das ist nur minimal weniger als heute. Diese Relationen stimmen nicht.

Ihre Kunden sind überwiegend männlich, die Motorsportwelt sowieso, der KTM-Vorstand detto. Geht das Thema Diversität spurlos an Ihnen vorüber?

Wir haben 25 Prozent Frauen bei 3.500 Mitarbeitern, in der ersten Bereichsleiterebene gibt es schon einige Frauen. Aber ich gebe Ihnen recht: Das Produkt ist männlich, und ganz oben sind Männer. Und ich will keine Pseudopositionen für Frauen schaffen, wie es in vielen Unternehmen klassischerweise das Personalressort ist. Das sage ich auch Investoren, die mich darauf ansprechen. Ich bin der Autobuschauffeur, der den Autobus fährt. Es gibt Haltestellen, bei denen kann man zu oder aussteigen. Ins Lenkrad lasse ich mir nicht greifen, das ist mir zu gefährlich. Und weil ich das seit 20 Jahren mache, bin ich relativ glaubwürdig.

„WENN MAN SICH ANSCHAUT, WIE WEIT DIE CHINESISCHEN DIGITALRIESEN ALIBABA, TENCENT ODER BAIDU INZWISCHEN SIND, WERDEN SICH GOOGLE & CO IN ZUKUNFT WARM ANZIEHEN MÜSSEN.“

Es war Ihnen immer wichtig, dass sich der Mittelstand etwas aufbauen kann. Dass sich also auch Ihre Mitarbeiter Wohlstand erarbeiten können.

Da habe ich mich auch in der Industriellenvereinigung exponiert, als ich gesagt habe, dass mir eine Senkung der Körperschaftsteuer nicht so wichtig ist wie eine Abschaffung der kalten Progression, damit mehr Netto vom Brutto rauskommt. Dazu stehe ich, denn wir leben von unseren Mitarbeitern.
Ist Wohlstandsaufbau so viel schwieriger geworden als vor 50 Jahren?
Sehr viel schwieriger. Ich höre heute viele Arbeitgeber darüber jammern, dass die Jungen nur noch 30 Stunden arbeiten wollen, Stichwort: Work-Life-Balance. Ich habe für dieses Verhalten jedoch ein bestimmtes Verständnis. Selbst wenn Sie ein Leistungsträger sind, können Sie sich heute keinen Wohlstand mehr aufbauen,unterm Strich kommt nichts mehr raus. Die Steuerquote auf Arbeit ist zu hoch.

Wir sollten also amerikanischer werden, das heißt mit den Steuern runter, und nicht skandinavischer?

Man tut den Skandinaviern unrecht. Sie haben ihre Probleme bloß viel früher und mit Hausverstand gelöst. Unser Problem ist, dass das Gelddrucken wie Gift ist. Die Staaten verharren in der Schuldenfalle, und der Staat gibt das Geld falsch aus. Dazu kommt, dass die Hälfte der Arbeitnehmer im geschützten Bereich tätig sind – wie wollen die den Wettbewerb verstehen?


Ein kleiner Ausblick auf 2020: Wird der Zerfall der Welt in große Blöcke – USA dort, China hier, Europa irgendwo dazwischen – weitergehen?
Die Chinesen sind digital ja schon stark abgeschottet, und wenn man sich anschaut, wie weit die chinesischen Digitalriesen Alibaba, Tencent oder Baidu inzwischen sind, werden sich Google & Co in Zukunft warm anziehen müssen. Auf der anderen Seite hat sich Trump entschieden, nicht mehr Weltpolizist zu spielen, womit er im Übrigen nur ein weiteres Wahlversprechen hält. Die Chancen stehen gut, dass er 2020 wiedergewählt wird und damit seinen Weg weitergeht.

Ich habe Sie immer als politischen Menschen gekannt, aber dass Sie einmal ein konkretes politisches Projekt – die neue ÖVP von Sebastian Kurz – unterstützen würden, hat mich dann doch überrascht. Warum?
Es war die Hoffnung, eine Änderung herbeizuführen. Ich habe mich von der Stunde null an dazu deklariert. Und es war ja nicht ganz umsonst: Mattighofen, wo wir unseren Hauptsitz haben, ist jetzt erstmals seit 40 Jahren wieder türkis. Die Leute wissen ja doch noch, wo oben und unten ist.


Sie haben gewusst, dass Sie mit diesem Engagement in der Auslage stehen und sich im übertragenen Sinn mit Tomaten bewerfen lassen müssen, Stichwort 12-Stunden-Tag, Spenden und Förderungen für Ihr Museum?
Ja. Mit der Zeit kriegt man eine dicke Haut. Mir geht es um das Land. Und wir haben nach wie vor gute Voraussetzungen.

Der gebürtige Steirer lebt in Wels, er hat mit seiner Frau Claudia zwei Söhne. Neben seiner Leidenschaft für Motorsport ist er auch begeisterter Kunstsammler. An der Montanuni Leoben studierte Stefan Pierer Betriebs- und Energiewirtschaft, danach begann er als Sanierer zu arbeiten. Stationen waren u. a. der Heizkesselhersteller Hoval, die Skischuhfirma Koflach und der Fassadenspezialist Eternit. 1991 stieg er beim Innviertler Motorradhersteller KTM ein, wo er bis heute CEO ist. Der Paradeunternehmer ist Vizepräsident der Industriellenvereinigung Oberösterreich.

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