„Schneller–Höher–Weiter hat ausgedient!“

Universalkünstler André Heller über Respekt für Menschen, Tiere und Pflanzen, seine Arbeit in Afrika – und seine wichtigste Botschaft.

Lesezeit: ca. 3 min

Wir befinden uns an einem endgültigen Wendepunkt, an dem eine Neuausrichtung unseres Denkens und Handelns absolut unausweichlich geworden ist, meint André Heller. Warum nie mehr alles so werden darf, wie es war, und wie wir als Gesellschaft an der Herausforderung des Klimawandels wachsen können, erklärt er im Interview.

Was hat Sie dazu veranlasst, als Klimaaktivist Verantwortung übernehmen zu wollen?

Zu diesem Thema habe ich in den vergangenen 35 Jahren zahlreiche große Projekte in Europa, Asien und Afrika verwirklicht. Allerdings halte ich die derzeitigen vielfältigen, weltweiten und tragödienintensiven Parallelgeschehnisse für einen endgültigen Wendepunkt, an dem eine Neuausrichtung unseres Denkens und Handelns absolut unausweichlich geworden ist.

Es wird – und aus meiner Sicht soll auch – nie mehr alles so werden, wie es vorher war. Weder in unserem generellen Verhalten untereinander, noch in der Wirtschaft, noch in der Politik. Die giftige Maxime „Schneller–Höher–Weiter“ hat ausgedient.

Anima Garten in Marrakesch/Marokko

Vom Klimawandel sind alle Menschen betroffen, und es mangelt nicht an Wissen oder Lösungsansätzen. Was ist es, das uns so beharrlich davon abhält zu tun, was getan werden müsste?

Wir müssen eine solidarisch gerechte, von tiefem Respekt für Menschen, Tiere, Pflanzen, das Wasser und alle wundersamen Qualitäten dieses Planeten bestimmte Weltgemeinschaft bilden. Das ist keine naive Utopie, sondern überfälligste Grundvoraussetzung, damit es für unsere Kinder, Enkel und Urenkel ein Leben in Würde und ohne monströse Nöte geben kann.

Milliarden noch ungeborene Erdenbürger sind in der Zukunft auf unsere jetzige Vernunft, unsere Einsichten und unsere leidenschaftliche Fähigkeit zu handeln angewiesen und werden uns zu Recht verfluchen, wenn wir diese Rettungs- und Hilfsoffensive, diese Frieden stiftende Neuordnung und eine Revolution der Güte und der Fürsorge für den Planeten nicht stabil und bleibend wahr machen.

Ihre zweite Heimat ist Afrika, wo Sie viel Zeit verbringen. Welche Veränderungen konnten Sie dort beobachten?

Afrika ist eine der funkelndsten Liebesgeschichten meiner bisher 74 Jahre. Ein gewaltiger Kontinent, der mit seinem uferlosen und machtvollen Qualitätspotenzial, seiner betörenden Schönheit, seinen verstörenden Nöten und schmerzgeladenen Überforderungen, seinen hohen spirituellen Energien und seinen Lähmungen und Behinderungen durch Zynismus, Ignoranz, Ausbeutung, Korruption, aber eben auch durch den erbarmungslosen Klimawandel unserer andauernden Solidarität bedarf, vor allem der Hilfe zur Selbsthilfe.

Ich habe mich vor zwölf Jahren entschieden, meine Kraft, meine Liebe und meinen Lebensmittelpunkt nach Afrika zu verlagern und diesen Umstand keine Sekunde bereut.

Worin besteht Ihre Arbeit in Afrika?

Anima* ist mein persönlicher Versuch einer sinnhaften Gegenposition zu dem vielen erschreckenden, unverantwortlichen, von Gier, Neid, Chauvinismus, Menschenverachtung, Primitivität, Hybris und maßloser Dummheit geschaffenen Wahnsinn, den wir tagtäglich wahrnehmen.

Anima ist also ein paradiesischer, sinnlicher Ort des Friedens, des Respekts vor der Natur und der gesamten Schöpfung. Eine Art Glücksdepot voll der segensreichen Energien, die jedem Besucher helfen, loszulassen und die als Inspiration dienen. Wir würden – als wirksames Heilmittel und als eine zentrale Maßnahme zum Thema Klimawandel – weltweit Millionen neue, für jedermann öffentlich zugängliche Parks und Gärten benötigen.

© Anima Garden, Marrakesch

Wie hat sich die Errichtung dieses botanischen Gartens auf Marrakesch und seine Bevölkerung ausgewirkt?

Die Ambition bei Anima war, ganz eindeutig, in Afrika substanzielle, langfristige, dringend benötigte Arbeitsplätze zu schaffen und gleichzeitig Besuchern jeden Alters und aus aller Welt eine fantasiegeladene Kraftquelle zu bieten. So besteht dieser Ort aus einem privaten Refugium und dem öffentlich zugänglichen Garten mit Museum und Restaurant.

Weiters haben wir in der Nachbarschaft eine Schule zur Alphabetisierung von Müttern und ihren Kindern mit ins Leben gerufen, große Solaranlagen für die Bauernschaft installiert und die Wasserversorgung für 3.500 Menschen in unserer unmittelbaren Umgebung sichergestellt.

Aus der Sicht eines Künstlers und Weltenbürgers gedacht: Was könnten wir für eine Gesellschaft werden, wenn wir die Erde so behandeln würden, dass sie uns noch lange beheimaten kann?

Wir werden als Entwurf eines Menschen geboren und müssen dann zeitlebens versuchen, aus uns einen gelungenen Menschen zu erarbeiten. Die Erschaffung eines höheren, souveräneren und nicht mehr von Ängsten manipulierbaren Bewusstseins halte ich in diesem Zusammenhang für eine der wichtigsten Aufgaben.

Mit einem höheren Bewusstsein werden wir dankbarer, weniger egogesteuert, gelassener und bieten den Einschüchterungen weniger bis gar keine Nahrung mehr. Das bedarf allerdings des unbedingten Willens, sich lernend zu verwandeln und ist kein Spaziergang. Wenn die Wandlung dann zu wirken beginnt, verändern sich auch unsere Gedanken und daraus abgeleitet unsere Taten und unser generelles Verhalten zum Freudvolleren hin, und wir werden qualitätsfähiger.

Sind wir auf dem richtigen Weg dorthin?

Zumindest das Bewusstsein der Mehrheit jener, die in Wirtschaft, Politik, den Religionsgemeinschaften, der Beamtenschaft, den Medien aller Art, auch in der Kultur Verantwortung innehaben, muss ein höheres werden. Eines, das Mut und Kompetenz für die gewaltigen Herausforderungen ermöglicht.

Aber es gibt immerhin bereits viele, viele Millionen Menschen, die für diese Haltung engagiert und beispielhaft Zeugnis geben.

Und es werden täglich mehr!

Was ist die eine, wesentliche Botschaft, die wir verinnerlichen müssen?

Jeder einzelne Mensch trägt Verantwortung, möglichst leidenschaftlich daran mitzuwirken, dass unser Planet für jetzige und künftige Bewohner auf allen Ebenen beschützt und in seiner Schönheit, Heilungskraft und umfassenden Qualität nachhaltig abgesichert wird.

* Anima wird als einer der schönsten und fantasievollsten Gärten der Welt beschrieben. Die drei Hektar große, opulente, botanische Inszenierung des Universalkünstlers André Heller ist ein magischer Ort der Sinnlichkeit, des Staunens, der Kontemplation, der Freude, der Heilung und der Inspiration für Menschen jeden Alters, die Unvergessliches erleben wollen.

Autor: Mag. Stephan Strzyzowski

Ersterscheinung: https: //www.die-wirtschaft.at

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