Roter Alarm!

In einem halben Jahrhundert sind die Wildtierbestände um zwei Drittel eingebrochen. An der Börse wäre dies „die größte Panik aller Zeiten“!

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© Archiv Lexpress

Man kann es gar nicht eindringlich genug formulieren: Laut dem neuen Living Planet Report der Naturschutzorganisation WWF wurden die weltweit untersuchten Populationen von Säugetieren, Vögeln, Amphibien, Reptilien und Fischen im Schnitt um über zwei Drittel reduziert. In den am stärksten betroffenen Süßwasser-Lebensräumen haben die untersuchten Bestände sogar einen Verlust von im Schnitt 84 Prozent erlitten. Insgesamt fällt das Barometer des Living-Planet-Berichts in seiner 13. Auflage auf einen neuen Tiefstand.

 „Unsere Natur wird rücksichtslos ausgebeutet und zerstört, obwohl sie absolut systemrelevant ist“, warnt Georg Scattolin, Leiter des internationalen Programms beim WWF Österreich. „Das schadet nicht nur unzähligen Tieren, sondern auch unseren eigenen Lebensgrundlagen. Denn die Ernährungssicherheit und Gesundheit von Milliarden Menschen hängt direkt von intakten Ökosystemen ab. Werden sie weiter vernichtet, steigt auch die Wahrscheinlichkeit künftiger Pandemien!“

Zu den wesentlichen Treibern des Negativtrends zählen laut WWF-Report die Zerstörung und Übernutzung von Lebensräumen, die Entwaldung, der illegale Wildtierhandel und die Wilderei. Dazu kommen die negativen Folgen der menschgemachten Erderhitzung. Der WWF fordert daher einen grundlegenden Systemwechsel, um den systematischen Raubbau zu stoppen und innerhalb der planetaren Grenzen zu wirtschaften. „Wäre der Living-Planet-Index an der Börse, würde die größte Panik aller Zeiten ausbrechen“, bringt es Scattolin auf den Punkt. „Sofort-Hilfe-Pakete der Politik wären die Folge. Genau das brauchen wir auch zum Schutz der biologischen Vielfalt!“

„Der Flächenfraß zerschneidet und zerstört wertvolle Lebensräume für Wildtiere und beraubt sie damit ihrer Lebensgrundlage.“

© Stefan Guttmann

Flächenfraß zerstört Lebensräume in Österreich

Die Wildtierbestände gehen nicht „nur“ in Regenwäldern und Meeren zurück, sondern auch vor unseren eigenen vier Wänden, wo es im Langzeit-Vergleich sogar besonders massive Einbrüche gibt. Neben der Übernutzung durch intensive Landwirtschaft ist vor allem der hohe Bodenverbrauch ein wachsendes Problem. Von fossilen Großprojekten im Straßenbau über Skigebietsverbauungen bis zu immer neuen Supermärkten am Ortsrand verliert Österreich tagtäglich im Schnitt 13 Hektar Boden. „Österreich ist schon lange kein Umweltmusterland mehr“, kritisiert WWF-Bodenschutz-Sprecherin Maria Schachinger. „Der Flächenfraß zerschneidet und zerstört wertvolle Lebensräume für Wildtiere und beraubt sie damit ihrer Lebensgrundlage.“

Besonders schlecht ist es um die Flüsse bestellt, die vor allem durch den extremen Ausbau der Wasserkraft immer stärker belastet werden. Nur noch 15 Prozent der Flüsse sind ökologisch intakt. Laut einer BOKU-Studie gelten rund 60 Prozent der heimischen Fischarten als gefährdet, stark gefährdet oder sogar vom Aussterben bedroht. „Wir haben beim Bodenverbrauch jedes naturverträgliche Maß überschnitten – daher braucht es auch hier einen Systemwechsel“, fordert Schachinger.

„Arten und ihre Lebensräume gehören besser geschützt.“

© Andreas Walschek

Ernährungswende muss her!

 „Einerseits gehören Arten und ihre Lebensräume überall besser geschützt, andererseits müssen wir an den Wurzeln der Probleme ansetzen und eine Ernährungswende einleiten“, fordert Georg Scattolin. „Das heißt: Lebensmittel sehr viel umweltfreundlicher erzeugen und konsumieren. Parallel dazu muss der extrem hohe Bodenverbrauch gestoppt werden.“ Vor allem der Amazonas wird rücksichtslos abgeholzt, um neue Flächen für die Agrarindustrie und die Produktion von Futtermitteln zu gewinnen, die wiederum für die Tierhaltung nach Europa exportiert werden. Auch deswegen sind die untersuchten Wildtier-Bestände in Süd- und Zentralamerika noch stärker geschrumpft als anderswo.

Gewässer und Feuchtgebiete sind am stärksten betroffen, weil diese Lebensräume massiv unter übermäßiger Wasser-Verschmutzung, Wasser-Entnahme und Verbauung leiden. Darüber hinaus zeigen Beobachtungen und Langzeitstudien in Westeuropa und Nordamerika einen Rückgang der Insektenzahlen und ihrer Biomasse. In zwei Worten: Roter Alarm!

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