Markus Huemer

Nur der Bua vom Chef? Von wegen. Bevor Markus Huemer seinen Vater Friedrich als Firmenchef ablöste, hat er viele Berufsstationen durchlaufen und auch in den Abgrund geschaut. Deshalb ist ein Leuchtturm jetzt auch sein Vorbild.

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Der Sohn am Steuer

Privat
Geboren 1981 in Wels. Verheiratet, eine Tochter. Hobbys: Urlaub, am liebsten mit Boot, Kochen, Aktivitäten mit Familie und Freunden, Cardio-Training (ungern, aber doch).

Karriere
Chemische Betriebstechnik HTL Wels. Studium Produktion & Management an der FH Steyr, DI (FH). Finanz management an der JKU Linz, MBA. Auslandsjahre u. a. in Schweden, Deutschland und Spanien.

Polytec
Die Polytec-Gruppe aus Oberösterreich ist mit 28 Standorten in 13 Ländern und mehr als 4.500 Mitarbeitern ein führender Entwickler und Hersteller von hochwertigen Kunststofflösungen. Das börsenotierte Unternehmen ist Komplettanbieter im Bereich Spritzguss, Spezialist für faserverstärkte Kunststoffe sowie Produzent von Originalzubehörteilen aus Kunststoff und Edelstahl. Hauptkunde ist die Automobilindustrie, zudem liefert Polytec auch individuelle Industrielösungen aus Polyurethan.

Hörsching bei Linz, Polytec-Straße 1. Es ist einer der heißesten Tage des an heißen Tagen nicht gerade armen Sommers 2019. Geduldig lässt sich Markus Huemer vom Fotografen zu immer neuen Aufnahmeorten dirigieren. „Das gehört zum Job“, lächelt er. Zum „neuen Job“ als CEO der Polytec Group, den er seit Anfang 2019 bekleidet.
Dass Markus Huemer im für den CEO eines ATX-Prime-Unternehmens durchaus „zarten Alter“ von 37 Jahren einmal das Szepter übernehmen wird, war ihm nicht in die Wiege gelegt. „Willst dir das wirklich antun?“, hatte ihn sein Vater, Unternehmensgründer Friedrich Huemer, eindringlich gefragt, als die Übergabe anstand. Eine Frage, die angesichts der Ereignisse im Jahr 2008/09 nicht ganz unberechtigt war. Doch davon später. Markus Huemer wollte – was auch daran liegt, dass er das Unternehmen so gut kennt wie kaum ein anderer. Schon mit zehn Jahren stand er das erste Mal in der Produktion. „Meine Eltern haben mich in die Firma mitgenommen, weil es niemanden gab, der sonst auf mich aufpassen konnte. Damit ich den Arbeitern nicht auf die Nerven gehe, habe ich halt eine Beschäftigung bekommen“, erzählt er. „Ich wurde auch pro Werkstück bezahlt, gar nicht mal so schlecht“, fügt er schmunzelnd hinzu.

Sexy Branche

Als die Polytec 1995 mit dem Zukauf in Hörsching in die Automobilbranche einstieg, gab es für ihn ohnehin keinen Zweifel mehr. „Für einen Teenager von damals war die Automobilindustrie natürlich sehr sexy“, erinnert er sich. Seine Ferien verbrachte er an den Maschinen in den Werkshallen, 2005 – unmittelbar nach Absolvierung seines FH-Studiums – startete er als Vorstandsassistent bei der Holding. Als solcher war er bei verschiedenen Töchtern in Schweden, Deutschland und Spanien im Einsatz. 2012 avancierte er zum Vice President Business Development, und 2014 übernahm er den Posten des COO. „Das Schöne an meinen Tätigkeiten egal ob an der Werkbank oder später im Projektmanagement war, dass es niemals geheißen hat, da kommt ‚der Bua‘ vom Chef.“
Gab es wirklich niemals die Überlegung, etwas anderes zu machen? „Nur ganz kurz. Als wir an die Börse gegangen sind, habe ich kurz daran gedacht, in die Investmentbanking-Welt hinein zu schnuppern. Einfach um auch diese Welt kennenzulernen, was mit der Geschichte unseres Unternehmens zu tun hat. Wir sind ja in all den Jahren über Akquisitionen gewachsen, und das hätte in diesem Zusammenhang eine interessante Erfahrung sein können.“ „Akquisitionen“ ist auch das Stichwort, das unweigerlich zu den Ereignissen des Jahres 2008/09 zurückführt. „David kauft Goliath“ titelte das Wirtschaftsblatt 2008, als die Polytec die ungleich größere deutsche Peguform übernahm. In den Jahren davor hatte die Polytec ein Unter-nehmen nach dem anderen zugekauft und die Neuübernahmen binnen kürzester Zeit zum Turnaround geführt. „Es war eine tolle Leistung, und wir sind in dieser Zeit auf einer echten Erfolgswelle geschwommen“, erinnert sich Markus Huemer. Eine Erfolgsgeschichte, die sich auch in den Zahlen niederschlug: 2005 – im Jahr vor dem Börsegang erzielte die Gruppe einen Umsatz von 502 Millionen Euro. 2007 lag er bei 665 Millionen. Mit Übernahme der Peguform wäre der Umsatz auf annähernd 2 Milliarden Euro hochgeschossen.

Am großen Brocken fast verschluckt
Die Tinte auf den Verträgen zur Peguform Übernahme war noch nicht trocken, als die Lehman-Pleite wie ein Tsunami zuerst die Finanzmärkte und dann die Weltwirtschaft überrollte. Auch bei den meisten Banken, die den Polytec Deal finanziert hatten, geriet die Welt ins Wanken. In einem Interview schilderte Friedrich Huemer die Situation mit folgenden Worten: „Für mich war in einer Rückschau sehr prägend, dass alle Banken erst ‚dabei sein wollten‘ und das Projekt auch von Kundenseite unterstützt worden war, dann aber plötzlich alle nur noch ihre eigenen Interessen sahen und nicht mehr ihrer Verantwortung nach kamen.“ Die Polytec-Gruppe geriet jedenfalls an den Rand des Abgrundes. Dass es das Unternehmen heute noch gibt, ist wohl vor allem dem Firmengründer Friedrich Huemer zu verdanken, der verbissen um das Überleben seines Lebenswerkes kämpfte. Mit Erfolg: Binnen zwei Jahren schaffte die Gruppe den Turnaround, die Nettofinanzverschuldung wurde von 346,4 Millionen Euro (2008) bis 2010 auf 26,7 Millionen Euro zurückgefahren, im Jahr darauf wies die Polytec sogar ein Nettofinanzvermögen aus.

Markus Huemer: „Der Sohn am Steuer“. Nur der Bua vom Chef? Von wegen. Bevor Markus Huemer seinen Vater Friedrich als Firmenchef ablöste, hat er viele Berufsstationen durchlaufen und auch in den Abgrund geschaut. Deshalb ist ein Leuchtturm jetzt auch sein Vorbild.

Von der Krise geprägt

Die Erfahrungen aus dieser Zeit haben auch Markus Huemer geprägt – „sehr geprägt“ wie er unumwunden zugibt. „Damals habe ich gesehen, wie schnell Erfolge vergessen werden, wie schnell es gehen kann, dass man von 100 auf null gebremst wird. Die Erfahrungen von damals haben definitiv mein Risikobewusstsein beeinflusst“, erzählt er im Gespräch. Inwiefern? „Ohne diese Erfahrungen wäre ich – was das Wachstum betrifft – möglicherweise etwas aggressiver.“
2017, als Markus Huemer schon drei Jahre als COO tätig war, schaffte die Gruppe dann das beste Ergebnis ihrer Geschichte, 2018 war wieder alles anders. „Die letzten drei, vier Jahre waren herausfordernd, aber die letzten 12 bis 18 Monate haben alles übertroffen“, meint er. Zuerst das Dieselfahrverbot in den deutschen Innenstädten, dann die Brexit Abstim-mung und der Trump’sche Handelskrieg, und am Ende die WLTP-Verordnung zur neuen Abgasnorm, die die Konsumenten verunsichert hat. „Veränderungen in dieser Geschwindigkeit haben wir vorher noch nie erlebt, die globale Ungewissheit war in diesem Umfang noch nie da.“
Doch „vor Angst im Boden zu versinken“ ist nicht das Seine. Deshalb arbeitet er – im Team mit Verve daran, das Unternehmen neu auszurichten, neue Produkte zu kreieren, neue Geschäftsfelder zu erschließen und das Unternehmen mithilfe digitaler Werkzeuge flexibler zu machen.

Leistungsteams statt Ellbogenkämpfer

Team – diesen Begriff rückt Markus Huemer im Lauf des Gespräches immer wieder in den Vordergrund. „Die Welt ist für den Einzelnen zu komplex ge- worden, deshalb brauchen wir in den Führungsetagen Teams. Teams, die sich ergänzen und miteinander können – auch menschlich.“ Entsprechend dieser Erkenntnis wurden in den wichtigsten Business Units der Gruppe Leistungsteams installiert. Teams, die miteinander können? „Ich will keine Leute, die mit Ellbogentechnik arbeiten. Mir ist es wichtig, das Rempeln draußen zu halten.“ Was ihm sonst noch wichtig ist bei Mitarbeitern bzw. Menschen? „Offenheit, darauf lege ich besonders viel Wert.“ Dabei kann Markus Huemer durchaus fordernd sein. „Ich bin davon überzeugt, dass Menschen sich ändern können. Das mag vielleicht auch eine Schwäche von mir sein, dass ich zu lange darauf vertraue. Aber wenn eine Grenze über-schritten wird, dann kann ich ziemlich scharf sein – manchmal auch explodieren. Das tut mir dann leid, und ich stehe auch nicht an, mich für übertriebene Reaktionen zu entschuldigen“, meint er. Wie er Leadership definiert? „In der Polytec verwenden wir einen Leuchtturm als Symbol. Eine Führungsperson sollte leuchten, um den Weg anzuzeigen, aber gleichzeitig auch ein solides Fundament haben, um Sicherheit im Sturm zu geben.“ Klingt kitschig, ist es aber nicht, denn nicht wenige „Führungspersönlichkeiten“ in Wirtschaft und Politik haben sich letztendlich als Leuchtraketen erwiesen. Und wie geht der junge Chef mit Verantwortung um? „Ich trage sie gerne und bin Optimist, sonst würde ich den Job auch nicht machen. Aber so richtig Spaß am Job hatte ich schon mal mehr.“

„ICH WILL KEINE LEUTE, DIE MIT ELLBOGENTECHNIK ARBEITEN. MIR IST ES WICHTIG, DAS REMPELN DRAUSSEN ZU HALTEN.“

Markus Huemer
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