Geld, das keine Banken brauchen

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Geld, das keine Banken braucht Bitcoin

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Oktober 2008: Die Finanzwelt steht Kopf. Nach der Pleite von Lehman Brothers herrscht Panik. Börsenkurse krachen wie die warmen Kaisersemmeln. Um einen Kollaps des Finanzsystems zu verhindern, müssen Staaten rund um den Globus den Banken mit milliardenschweren Garantien zur Seite springen. Das Vertrauen der Menschen in das Finanzsystem ist in seinen Grundfesten erschüttert. Genau zu diesem Zeitpunkt taucht erstmals ein Papier auf, in dem das Konzept eines Peer-to-Peer funktionierenden elektronischen Cash-Systems beschrieben wird. Auf neun Seiten erklärt der Verfasser des Dokuments ein Austauschsystem, das auf Kryptographie samt digitalem Kassenbuch und dezentraler Buchführung beruht. Veröffentlicht wurde das Papier unter dem Namen Satoshi Nakamoto, ein Pseudonym, wie sich bald herausstellen sollte. Bis heute rätseln Hundertschaften von Kryptologen, Sprachwissenschaftlern und anderen detektivisch veranlagten Menschen, wer sich hinter dem mittlerweile mythenumrankten Namen tatsächlich verbirgt. Das von ihm verfasste Papier gilt heute als „Gründungsurkunde” von Bitcoin.

Warum überhaupt Bitcoin?

Dazu ein Zitat von Nakamoto, welches mittlerweile zum Standardrepertoire jedes Vortragenden zum Thema Bitcoin gehört: „Das Kernproblem konventioneller Währungen ist das Ausmaß an Vertrauen, das nötig ist, damit sie funktionieren. Der Zentralbank muss vertraut werden, dass sie die Währung nicht entwertet, doch die Geschichte des Fiatgeldes ist voll von Verrat an diesem Vertrauen. Banken muss vertraut werden, dass sie unser Geld aufbewahren und es elektronisch transferieren, doch sie verleihen es in Wellen von Kreditblasen mit einem kleinen Bruchteil an Deckung. Wir müssen den Banken unsere Privatsphäre anvertrauen und darauf vertrauen, dass sie Identitätsdieben nicht die Möglichkeit geben, unsere Konten leerzuräumen. Ihre massiven Zusatzkosten machen Micropayments unmöglich.” Sprich, das „moderne Geld” beruht auf dem Vertrauen in für die Geldwirtschaft zentrale Institutionen wie National- bzw. Zentralbanken oder Geschäftsbanken. Demgegenüber steht das Bitcoin-Konzept, das ohne zentrale Institutionen auskommt. Der Austausch des Geldes funktioniert – zumindest in der Theorie – Peer-to-Peer, also unter Gleichgestellten, ohne dass ein Zwischenhändler wie eine Bank beauftragt werden muss.

Wie funktioniert Bitcoin?

Für den einzelnen Nutzer ist Bitcoin nicht viel mehr als eine App oder ein Computerprogramm, welches ein persönliches Bitcoin-Wallet zur Verfügung stellt. Diese elektronische Brieftasche ermöglicht es dem Nutzer, Bitcoins zu senden und zu empfangen. Dahinter steht ein gemeinsam genutztes öffentliches Buchungssystem, die sogenannte Blockchain. In dieser Blockchain wird jede bestätigte Transaktion gespeichert. Neue Transaktionen werden nur durchgeführt, wenn der vom Wallet errechnete Kontostand gedeckt und sichergestellt ist, dass die versendeten Bitcoins tatsächlich dem Sender gehören. Die Wallets enthalten einen geheimen Datenblock (privater Schlüssel oder Seed genannt), der verwendet wird, um eine Transaktion zu signieren. Die Signatur verhindert, dass Transaktionen im Nachhinein verändert werden können.

Was ist Bitcoin-Mining?

Wird eine Transaktion bzw. Überweisung von Bitcoins in Gang gesetzt, so wird diese über das Netzwerk verbreitet und innerhalb von zehn bis 20 Minuten beginnt die Bestätigung durch das Netzwerk mithilfe eines Prozesses, der Mining genannt wird. Dabei führen im Netzwerk vorhandene Computer mathematische Berechnungen durch, die die Bitcoin-Transaktion bestätigen bzw. die Sicherheit erhöhen sollen. Als Belohnung für diese Dienste können Bitcoin-Miner Transaktionsgebühren für die von ihren Rechnern bestätigten Transaktionen erhalten und neu geschaffene Bitcoins sammeln. Die Belohnungen werden je nach geleisteter Rechenarbeit aufgeteilt.

© PantherMedia/Anton_Medvedev
Geld, das keine Banken braucht Bitcoin
Angesichts der „Wechselkurs-Schwankungen” zwischen Bitcoin und z. B. dem Euro empfiehlt es sich nicht unbedingt, Bitcoins zum Einkaufen zu verwenden.

Mit Bitcoins auch Waren des Alltags kaufen?

Ja, es gibt eine ganze Reihe von (zumeist Online-)Händlern, die Bitcoins oder andere Kryptowährungen als Zahlungsmittel akzeptieren. Manche von ihnen gewähren sogar ein Skonto, wenn die Waren mit einer Kryptowährung bezahlt werden. Abrufen kann man Händler, die Kryptowährungen akzeptieren, über spezialisierte Suchmaschinen wie etwa spendabit. Dort finden sich u. a. Onlineshops wie Sugartrends, die es sich – laut Eigenbeschreibung – zur Aufgabe gemacht haben, lokale Geschäfte mit speziellen Produkten einem internationalen Publikum online zu präsentieren. Einziges Problem: Angesichts der „Wechselkurs-Schwankungen” zwischen Bitcoin und z. B. dem Euro empfiehlt es sich nicht unbedingt, Bitcoins zum Einkaufen zu verwenden. Dazu ein kleines Rechenbeispiel: Angenommen, Sie hätten am ersten Februar 2021 eine Halskette im Gegenwert von 140 Euro in Bitcoins bezahlt, dann hätten Sie an diesem Tag 0,00503 Bitcoins transferieren müssen. Am 6. Mai hätten ihre ausgegebenen Bitcoins einen Gegenwert von 235,10 Euro. Aus Sicht des Käufers ein schlechtes Geschäft. Womit wir auch schon bei der nächsten Frage wären.

Weshalb schwankt der Bitcoin-Kurs?

Dafür gibt es gleich mehrere Gründe. Einerseits neigen Anleger dazu in Krisenzeiten – wie jetzt in der Corona-Pandemie –, ihre Depots breiter aufzustellen. So mancher wird dabei – wohl auch angezogen von der starken Entwicklung – einen Teil seines Geldes in Bitcoins investiert haben. Die Ankündigung von Tesla, Bitcoins als Zahlungsmittel zu akzeptieren und selbst in die Währung investieren zu wollen, tat ein Übriges. Dazu kommt, dass Bitcoins und andere Kryptowährungen über diverse Krypto-Börsen wie Bitpanda heute deutlich einfacher zu handeln sind. Auch die Diskussion über die Möglichkeit von digitalen Währungen, die durch Notenbanken ausgegeben werden, zeigt, dass die Blockchain-Technologie von der Finanzwelt zunehmend ernst genommen wird. Zusätzlich gibt es mittlerweile eine Menge an Finanzprodukten (Zertifikate, Futures) etc., die auf Bitcoin begeben werden und für die Spekulation geeignet sind. Last, but not least sorgt die Bitcoin-Konstruktion selbst dafür, dass der Wert steigt. Die Anzahl der Bitcoins ist nämlich endlich – sprich auf 21 Millionen begrenzt. Derzeit sind Schätzungen zufolge bereits an die 18,6 Millionen im Umlauf.

Ist Bitcoin sicher?

Zugegeben, eine schwer zu beantwortende Frage. Wie im realen Leben gilt auch für die virtuelle Währung, dass wohl nichts absolut sicher ist. Dennoch:Die hinter Bitcoin stehende Technologie Blockchain ist trotzdem die wohl sicherste Technologie, die es derzeit gibt. Hacker haben es bisher noch nie geschafft, die Blockchain zu knacken. Obwohl es sicher Tausende gibt, die es probiert haben. Die Belohnung wäre jedenfalls immens. Ein Hacker, dem es gelingt, in die Blockchain einzudringen bzw. diese zu verfälschen, müsste nur vorher Bitcoin am Markt shorten. Wenn der Markt merkt, dass die Technologie geknackt wurde, verliert er das Vertrauen, der Bitcoin-Kurs sinkt gegen null, und der Hacker sammelt seine Millionen ein. Bei den bisher bekanntgewordenen Hacks im Zusammenhang mit Bitcoin, die weltweit für Aufregung sorgten, gelang es den Hackern nicht, die Blockchain zu knacken, sondern lediglich das Sicherheitssystem, das die Schlüssel von Kunden vor einem unerlaubten Zugriff schützen sollte. So wie ein Bankräuber Bargeld mitnimmt, konnten die Hacker Bitcoins einfach auf ein anderes Konto transferieren.

Gibt es noch andere Kryptowährungen?

Es gibt mittlerweile Hunderte, und es werden mehr. Das liegt daran, dass prinzipiell jeder mit dem entsprechenden Know-how Kryptowährungen auf Basis der Blockchain-Technologie kreieren kann. Er muss nur einen oder mehrere Counterparts finden, die bereit sind, mit der Kryptowährung zu handeln oder sie als Zahlungsart zu akzeptieren.

Autor: Harald Fercher

Erstveröffentlichung: die-wirtschaft.at

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