Gibt’s heuer um 15 Prozent mehr Unternehmens-Insolvenzen?

Dank massiver staatlicher Interventionen ist die Zahl der Unternehmenspleiten bis dato sogar rückläufig.

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© Lexpress

Allerdings ergeben die Durchschnittsprognosen der vier führenden Kreditgesellschaften Acredia, Atradius, Coface und Euler Hermes, dass die Insolvenzanträge hierzulande heuer um rund 15 Prozent ansteigen werden.

Aufgrund staatlicher Interventionen, wie zum Beispiel der Stundung von Steuern und Sozialversicherungsbeiträgen oder Moratorien bei den Insolvenzantragspflichten, werden sich wohl zahlreiche Insolvenzen auf dieses Jahr erschieben. Denn in den ersten neun Monaten des Vorjahres ist die Zahl der Unternehmensinsolvenzen im Vergleich zu den ersten neun Monaten 2019 in Österreich noch um ein Drittel gesunken. Zugleich haben sich allerdings die Schulden der Unternehmen verdoppelt.

Weltweiter Anstieg der Pleiten um 31 Prozent erwartet

Bei einigen für heimische Betriebe sehr wichtigen Exportnationen sind die Befürchtungen noch pessimistischer. Bei Österreichs laut Außenhandelsstatistik zweitwichtigster Export-Nation, den USA, wird ein Plus von 46 Prozent erwartet, in Italien 24 und in Frankreich 28 Prozent.

Unser wichtigster Exportpartner Deutschland dürfte mit einem Anstieg um neun Prozent etwas glimpflicher davonkommen. Global wird ein Anstieg um 31 Prozent erwartet. Das Problem dabei: Österreich hat eine stark exportorientierte Wirtschaft und wird daher von steigenden Insolvenzzahlen bei seinen wichtigsten Handelspartnern besonders betroffen sein.

Tourismus, Luftfahrt und Kfz leiden

Es gibt drei Branchen, in denen es bereits jetzt erhebliche Schwierigkeiten gibt, neue Kreditversicherungsdeckungen zu bekommen: Im Tourismus, in der Luftfahrtindustrie und in der Automobilbranche. Schlimm sieht es auch für den Textilhandel aus, der deshalb besonders stark leidet, weil die Kollektionen bereits vor den Lockdowns bezahlt oder auf Schulden gekauft wurden, dann aber nur zu einem geringen Teil verkauft werden konnten.

Spürbar betroffen sind in weiterer Folge auch die in Österreich traditionell stark etablierten Zulieferer der Auto- und Luftfahrtindustrie. Kreditversicherungen dienen generell der Absicherung von Lieferforderungen gegen Zahlungsausfälle. Seitens der österreichischen Kreditversicherer gibt es Deckungszusagen in Höhe von rund 56 Milliarden Euro, davon 39,2 Milliarden für Exportgeschäfte und 16,8 Milliarden für innerösterreichische Geschäfte.

Möglicherweise steht man noch knapp vor der Pleitewelle und noch nicht IN der Pleitewelle. Unternehmen, die ihre Forderungen absichern wollen, sollten sich allerdings genau aus diesem Grund ziemlich dringend an einen Spezialmakler wenden: Wenn die Insolvenzwelle bereits rollt, werden zahlreiche Lieferanten keine Deckungszusagen mehr bekommen. Das ist wie bei einem Haus, das bereits in Brand geraten ist, und für das man noch schnell eine Feuerversicherung abschließen will.

Generell dienen Kreditversicherungen dem Risikomanagement, indem sie Lieferanten Schutz vor der Zahlungsunfähigkeit ihrer Kunden bieten. Der Gesamtmarkt gemessen an Prämieneinnahmen der Kreditversicherer bewegt sich in Österreich bei jährlich rund 140 Millionen Euro. „Nur“ etwa 6000 Unternehmen sind einer Schätzung zufolge entsprechend versichert.

Ein kurzer Blick auf die „Kleinen“

Bei den Unternehmen mit wenig oder gar keinen Mitarbeitern (EPUs) sind es in erster Linie die Berufsgruppen Gastronomen, Handwerker und Künstler, welche die Folgen der Pandemie immer deutlicher spüren. Immer mehr müssen schauen, wie sie über die Runden kommen – und das spürt auch die Schuldnerberatung.

Nicht nur vor nach vielen Wochen gerade wieder geöffneten Läden und Geschäften in Wien bildeten sich in den vergangenen Tagen Schlangen von Kunden. Auch Second-Hand-Geschäfte verzeichneten viele Kundenbesuche. Sie bieten gebrauchtes Gewand oder Spielzeug aus zweiter Hand um nur wenige Euro an. Mit der Pandemie und ihren Folgen stieg die Zahl der Neukunden. Ein 22-Jähriger, der als Elektriker arbeitete und gekündigt wurde, bringt es auf den Punkt: „Der Grund ist Corona-Jobverlust. Es ist halt billiger, hier einzukaufen als woanders.“

Für ihn und viele andere Österreicher heißt es nun, jeden Cent umzudrehen. Die Konsequenz: Man könne jetzt nicht „einfach shoppen gehen, wie man will, oder einen Shoppingday in der Mariahilferstraße einlegen: das geht halt nicht“. Man müsse auch aufpassen, welche Lebensmittel man kaufe. Dabei ist der 22-Jährige Wiener mit seiner finanziellen Notlage beileibe nicht alleine. Bei der Schuldnerberatung gibt es 25 bis 30 neue Anrufer pro Tag, sagt Gudrun Steinmann von der Schuldnerberatung Wien. „Wir haben seit Jänner sehr viele Anfragen. Der Unterschied zu den vergangenen Jahren: Es suchen uns noch mehr neue Selbständige auf, das heißt, es gibt viele Fragen zu ‚Wie kann ich meinen Betrieb schließen?‘ und ‚Wie schaut da die Entschuldgung aus?‘.“

Es melden sich aber auch Personen und Familien, die ein fixes Einkommen hatten, die jetzt seit Monaten in Kurzarbeit sind oder die Arbeit verloren haben, und jetzt die letzten Reserven aufgebraucht haben. Zahlungen an das Finanzamt oder Bankkredite konnten monatelang von den Betroffenen ausgesetzt werden, seit Jänner aber sind die Stundungen ausgelaufen.

„In solchen Situationen sei Beratung besonders gefragt“, rät Steinmann. Man schaut sich an, ob es Einsparungsmöglichkeiten gibt, zum Beispiel ein Auto. Aber auch Versicherungen hätten Einsparungspotenzial, viele Menschen seien oft sehr gut versichert, hätten Kranken-, Unfall- und Pensionsvorsorgeversicherung. Da könne man sich durchaus die Frage stellen, ob manches nicht vielleicht besser ruhend gestellt werden kann. Hilfreich ist es auch, das direkte Gespräch mit Banken oder Gläubigern zu suchen, statt den Kopf in den Sand zu stecken …

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