Firmeninsolvenztrends 1. Halbjahr 2021: 9 Insolvenzen pro Werktag

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Gerhard M. Weinhofer Geschäftsführer von Creditreform und TL-Stimme der Gläubiger.

11.09.2021 | 2 min

Firmeninsolvenztrends 1. Halbjahr 2021: 9 Insolvenzen pro Werktag

Der Gläubigerschutzverband Creditreform hat den aktuellen Trend bei den Firmeninsolvenzen für das 1. Halbjahr 2021 in Österreich im Detail analysiert.

Die Zahl der eröffneten Verfahren ging in den ersten sechs Monaten um rund 44% auf 1.100 Fälle zurück. Die mangels Vermögen abgewiesenen Verfahren sanken um knapp 55% auf 379 Fälle. Die Insolvenzverbindlichkeiten beliefen sich auf geschätzte 360 Mio. Euro. Etwas mehr als 3.000 Arbeitsplätze waren bedroht.

Ursache für diesen weiteren massiven Rückgang der Insolvenzen sind die fortgesetzten Corona-Hilfen der Bundesregierung. Seit 1. Juli gilt nun aber wieder uneingeschränkt die Insolvenzantragspflicht. Ebenso sind Ende Juni die Stundungen der öffentlichen Abgaben und Steuern ausgelaufen. Es wird spannend zu beobachten sein, wie sich das auf das weitere Insolvenzgeschehen auswirken wird. Im Juli und August sind die eröffneten Firmeninsolvenzen um fast 30% angestiegen. Das kann schon ein erster Hinweis auf eine Trendumkehr sein.

Quelle: Creditreform

Branchenvergleich

Der Rückgang erfolgte quer über alle Branchen, am meisten im Tourismus („Beherbergungs- und Gaststättenwesen“) mit minus 58,8%, gefolgt von der Industrie („Sachgütererzeugung“) mit -55,2% und dem Kredit- und Versicherungswesen (-54,3%). Das Bauwesen blieb die nach wie vor am stärksten betroffene Branche, wenn man die Insolvenzen pro 1.000 Branchenunternehmen betrachtet.

Quelle: Creditreform

Conclusio – Ausblick 2021

Seit Mitte des Jahres gibt es eine langsame Rückkehr zur wirtschaftspolitischen Realität. Die Insolvenzantragspflicht besteht wieder in vollem Umfang, Abgaben-Stundungen sind ausgelaufen, stattdessen kann man eine großzügige Ratenvereinbarung zur Rückzahlung treffen, Härtefonds und Co sind aufgestockt und sogar die Kurzarbeit geht in eine 5. Phase. Dazu kommt, dass die Konjunktur sehr stark anzieht und Österreich eine so genannte V-förmige Wirtschaftsentwicklung erlebt, nach dem massiven Einbruch im letzten Jahr ein steiles Bergauf im laufenden. Auch die Arbeitslosigkeit geht stetig zurück.

Die Inflation, die aufgrund des Vergleichs mit den Vorjahresmonaten wahrscheinlich nur kurzfristig ansteigt, sollte keine großen Sorgenfalten hervorrufen. Auch die Neugründungen ziehen wieder an und werden aufs Jahr gerechnet bei rund 40.000 landen. Da stellt sich nun die Frage, wann es zur „Normalisierung“ des Insolvenzgeschehens kommen wird. Die Beantwortung hängt davon ab, wann die staatlichen Hilfsprogramme auslaufen und wie sich die Pandemie generell entwickelt. Letzteres ist vor allem für den heimischen Tourismus entscheidend. Ein neuerlicher Lockdown würde für viele Unternehmen das endgültige Aus bedeuten.

Eine vorsichtige Schätzung sieht erst im nächsten Jahr einen langsamen, aber steten Anstieg der Firmeninsolvenzen auf das Vorcorona-Niveau. Mittelfristig wird es wieder um die 5.000 Insolvenzen in Österreich geben. Gläubigern sei daher empfohlen, bei ihrem Risiko- und Forderungsmanagement nun besonders vorsichtig zu sein. Dabei sollte stets die Frage im Hinterkopf bleiben, ob es den Geschäftspartner ohne die staatlichen Eingriffe in das Insolvenzgeschehen und ohne die Corona-Hilfsmaßnahmen überhaupt noch gäbe. „Trau, schau, wem“ gilt in diesen volatilen Zeiten mehr denn je.

Gerhard M. Weinhofer