Start-up-Barometer Europa 2020

Rekordjahr für Europas Start-ups trotz Corona und Brexit – deutlicher Anstieg auch in Österreich.

Lesezeit: ca. 6 min

  • Europaweit wurden 2020 knapp 6.700 Finanzierungsrunden gezählt – 58 Prozent mehr als im Vorjahr
  • Zweite Jahreshälfte mit dem höchsten Finanzierungsvolumen überhaupt in einem Halbjahr
  • Starker Anstieg auch in Österreich: Zahl der Finanzierungsrunden steigt um 65 Prozent auf 145, das Investmentvolumen um 16 Prozent auf 212 Millionen Euro
  • Italienische The Telepass Group erhielt mit 1,1 Milliarden Euro die größte Finanzspritze Europas – in Österreich erhielten 2020 Bitpanda, PlanRadar und Adverity die größten Finanzierungen
  • Große Finanzierungsrunden bleiben Ausnahme in Österreich
  • London Europas Startup-Hauptstadt vor Paris und Berlin – Wien schafft es nach Verdoppelung der Finanzierungsrunden auf Platz elf

Weder die Corona-Pandemie noch der Brexit haben die Start-up-Finanzierung in Europa im Jahr 2020 ausgebremst – im Gegenteil: Die Zahl und der Wert der Finanzierungsrunden erreichten im vergangenen Jahr Rekordwerte: So stieg die Zahl der Finanzierungsrunden in Europa auf knapp 6.700 – ein Plus von 58 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Das Volumen machte einen Sprung um 17 Prozent auf rund 36,5 Milliarden Euro.

Der Anstieg ist vor allem auf ein sehr starkes zweites Halbjahr zurückzuführen, das Finanzierungsvolumen zog deutlich an und erreichte mit 21,2 Milliarden Euro den höchsten Wert für ein Halbjahr überhaupt. So fielen auch die größten drei Start-up-Finanzierungen 2020 in diesen Zeitraum: Der italienische Anbieter von Mobilitäts-Serviceleistungen, The Telepass Group, sammelte im Oktober knapp 1,1 Milliarden Euro ein. Das britische Versicherungs-Start-up Inigo erhielt im November mehr als 700 Milliarden Euro und der Batteriehersteller Northvolt aus Schweden 526 Millionen Euro.

Insbesondere Großbritannien hat den europäischen Start-up-Markt angetrieben: Trotz des Ende 2020 endgültig vollzogenen Brexits hat sich die Anzahl der Finanzierungsrunden auf 2.113 mehr als verdoppelt. Auch das Finanzierungsvolumen stieg deutlich um ein Viertel auf 13,9 Milliarden Euro.

Damit hat Großbritannien den Vorsprung gegenüber dem Rest Europas weiter ausgebaut. In Deutschland sank das Finanzierungsvolumen sogar um 15 Prozent auf 5,3 Milliarden Euro, während die Zahl der Finanzierungsrunden von 704 auf 743 anstieg. Frankreich als drittgrößter Start-up-Standort Europas hat 2020 nur noch 619 Finanzierungsrunden gezählt, nach 736 im Vorjahr. Dafür stieg das Volumen um 3,4 Prozent auf 5,2 Milliarden Euro.

Das sind Ergebnisse des Start-up-Barometers der Prüfungs- und Beratungsorganisation EY. Die Studie basiert auf einer Analyse der Investitionen in europäische Start-ups. Als Start-ups werden dabei Unternehmen gewertet, die nicht älter als zehn Jahre sind.

„Da zahlreiche Investoren nach Anlagemöglichkeiten suchen und in den Start-ups Potenzial erkennen, rechnen wir mit einem weiteren starken Finanzierungsjahr“, sagt Thomas Gabriel, Leiter Start-up bei EY Österreich.

© EY/Robert Herbst

„In der Corona-Krise sind zahlreiche Herausforderungen für die Unternehmen noch offensichtlicher geworden – etwa die dringend notwendige Digitalisierung, die Anfälligkeit von Logistikketten oder auch die große Bedeutung der Sicherheit von IT-Netzwerken“, sagt Thomas Gabriel, Partner Strategy bei EY-Parthenon. „Viele Start-ups haben dafür die passenden Lösungen parat. Das hat sie bei Kapitalgebern attraktiv gemacht.“

Gabriel geht davon aus, dass die hohe Dynamik auch 2021 im Markt erhalten bleibt: „Zahlreiche Jungunternehmen haben überzeugende Storys zu erzählen, bei denen es oft um gesellschaftliche Megatrends geht – Digitalisierung, Klima- und Umweltschutz oder Gesundheit beispielsweise. Da zahlreiche Investoren nach Anlagemöglichkeiten suchen und in den Start-ups Potenzial erkennen, rechnen wir mit einem weiteren starken Finanzierungsjahr.“

Finanzierungsrunden und Volumen 2020 auch in Österreich deutlich gestiegen


In Österreich ist der Gesamtwert des Investitionsvolumens 2020 um rund 16 Prozent von 183 Millionen Euro auf 212 Millionen Euro gestiegen. Damit belegt Österreich Rang 16 im europäischen Vergleich. Gleichzeitig ist auch die Zahl der Finanzierungsrunden österreichweit deutlich nach oben gegangen: Sie stieg von 88 auf 145 – somit rangiert Österreich weiterhin unter den Top-10-Start-up-Standorten in Europa und belegt den neunten Platz. In Wien stieg das Investitionsvolumen von 140 Millionen Euro auf rund 177 Millionen Euro – damit stößt die österreichische Hauptstadt in die europäischen Top-20 vor und verbessert sich von Platz 23 auf Rang 16. Die Anzahl der Finanzierungsrunden hat sich gegenüber dem Vorjahr hingegen sogar von 46 auf 92 verdoppelt – das bedeutet Platz elf im europaweiten Vergleich.

Die größte Finanzierung des Jahres konnte sich der Neobroker Bitpanda mit 45,6 Millionen Euro sichern. PlanRadar, das Unternehmen mit der Software für Baudokumentation, erhielt die zweitgrößte Finanzierung mit 30 Millionen Euro. Komplettiert werden die Top-3 vom Marketing-Analytics-Unternehmen Adverity, das 26,3 Millionen Euro erhielt.

„Für den Start-up-Standort Österreich war das Jahr 2020 insbesondere in Anbetracht der Umstände sehr erfolgreich“ so Florian Haas, Leiter Start-up-Ökosystem bei EY.

© EY/Robert Herbst

Finanzierungsengpässe bremsen Wachstum – positive Aussicht für 2021


Auch in einem durch die Corona-Pandemie und viel Unsicherheit gekennzeichneten Jahr ist wieder sehr viel Geld an europäische Jungunternehmen geflossen – allerdings ging das Gros der Summe erneut an einige große und bereits mit viel Kapital ausgestattete Unternehmen, so Florian Haas, Leiter des Start-up-Ökosystems bei EY. „Für den Start-up-Standort Österreich war das Jahr 2020 insbesondere in Anbetracht der Umstände sehr erfolgreich – das Volumen der Investitionen stieg wie schon 2019 auf ein neues Rekordniveau. Allerdings hat sich der Trend fortgesetzt, dass es in Österreich viele kleine Finanzierungen gibt: Die Top-10-Deals in Österreich hatten 2020 ein Durchschnittsvolumen von knapp 17 Millionen Euro – die Schweiz liegt bei 67 Millionen Euro, Deutschland bei 154 Millionen Euro. Das Rekord-Investment Anfang 2021 für Bitpanda, die auch schon 2020 die größte Finanzierungsrunde verzeichnen, ist daher – zumindest noch – nur ein erfreulicher Ausreißer nach oben. Für das Start-up-Ökosystem in Österreich wäre es sehr wichtig, dass Großinvestitionen keine Ausnahme bleiben. Für eine internationale Skalierung und den länderübergreifenden Erfolg braucht es eine gut gefüllte Kassa für Investitionen, die momentan nur einzelne heimische Start-ups haben“, so Haas.

Abseits weniger großer Investments sei die Situation bei vielen Start-ups in Österreich durch die Coronakrise weiter angespannt, so Haas: „An Expansion ist bei vielen Unternehmen derzeit nicht zu denken – insbesondere auch nach dem Auslaufen der staatlichen Hilfen wird es beim Großteil der Start-ups darum gehen, den Geschäftsbetrieb aufrechtzuerhalten, den Kapitalabfluss zu minimieren und möglichst viel Geld im Unternehmen zu halten“, sagt Haas. „Die Mehrzahl der Start-ups ist nur für einige Monate durchfinanziert, danach benötigen sie frisches Geld. Das Anstoßen von privaten Investitionen, wie es zum Beispiel durch den Covid-Start-up-Hilfsfonds geschafft wurde, ist dafür essenziell. Eine Neuauflage wäre daher gerade in der aktuellen Situation ein dringend notwendiger Impuls“.

Für das Gesamtjahr 2021 für die österreichische Start-up-Szene ist Haas hingegen optimistisch: „Die deutlich gestiegene Zahl an Finanzierungsrunden im Corona-Jahr 2020 unterstreicht, dass insbesondere die anhaltende Niedrigzinspolitik sehr viel Geld ins System bringt und gerade VC-Investoren gleichzeitig volle Taschen und Finanzierungsdruck haben. Profitieren davon werden vor allem Tech- und Health-Unternehmen, weil dort starke Skalierungen möglich sind. Bei den größten Finanzierungsrunden wie Bitpanda, PlanRadar oder Adverity haben immer US-Investoren in heimische Tech-Unternehmen investiert. Dieses Muster werden wir auch 2021 sehen“.

© PantherMedia/AndrewLozovyi

Start-ups in Großbritannien profitierten am meisten


Die Start-ups im traditionell risikofreudigeren Großbritannien mit vielen stark kapitalmarktorientierten Jungunternehmen hätten von der Entwicklung am meisten profitiert, betont Gabriel: „Großbritannien steht schon seit Jahren an der Spitze der europäischen Start-up-Finanzierung. Das hat dazu geführt, dass sich die dortigen Investoren bei der Bewertung von Start-ups zunehmend professionalisiert haben und die Risiken auch von noch recht jungen Unternehmen besser einschätzen können. Jetzt in der Corona-Krise haben viele dieser Investoren in innovativen, digital aufgestellten Start-ups eine gute Anlagemöglichkeit gesehen.“

London hebt sich in der Konsequenz als Europas Start-up-Hauptstadt deutlich vom Rest ab: In der englischen Metropole wurden im vergangenen Jahr 1.370 Deals gezählt – das sind mehr als in Deutschland und Frankreich insgesamt getätigt wurden. Paris mit 351 Deals und Berlin mit 313 Deals folgen im Städteranking deutlich dahinter. Wien schafft es nach der Verdoppelung auf Platz elf.

London habe auch davon profitiert, dass die britische Start-up-Szene insgesamt deutlich besser internationalisiert sei, so Gabriel: „Auch der Brexit hat nichts daran geändert, dass viele Investoren aus dem Ausland stärker nach Großbritannien als in andere europäische Länder blicken. In Großbritannien hat sich zudem ein Ökosystem aus Start-ups, Inkubatoren und Geldgebern gebildet, das konsequent auf Internationalisierung setzt. London als internationale Finanzmetropole ist hierfür ein gutes Sprungbrett.“

Positiv-Trend in den meisten europäischen Start-up-Hotspots


Von den nach Anzahl der Finanzierungsrunden 15 wichtigsten europäischen Start-up-Standorten verzeichneten nur zwei – Paris und Stockholm – Rückgänge bei der Zahl der Finanzierungen. „Wir haben im vergangenen Jahr europaweit einen deutlichen Trend zu mehr Investitionen gesehen, von dem auch kleinere Standorte wie Wien, Kopenhagen oder Tallinn profitiert haben, wo sich die Zahl der Finanzierungsrunden jeweils zumindest verdoppelt hat. Das ist ein sehr ermutigendes Signal für Gründer:innen, aber auch für diese Regionen, die viel dafür tun, ihre Wettbewerbsfähigkeit und Attraktivität für Gründer:innen zu erhöhen“, beobachtet Gabriel.

EY im Überblick

EY* ist eine der führenden Prüfungs- und Beratungsorganisationen in Österreich. Das Unternehmen beschäftigt rund 1.000 Mitarbeiter an vier Standorten und erzielte im Geschäftsjahr 2019/2020 einen Umsatz von 157 Millionen Euro. Gemeinsam mit den insgesamt rund 300.000 Mitarbeiter:innen der internationalen EY-Organisation betreut EY Kunden überall auf der Welt.
EY bietet sowohl großen als auch mittelständischen Unternehmen ein umfangreiches Portfolio von Dienstleistungen an: Wirtschaftsprüfung, Steuerberatung sowie Transaktionsberatung und Managementberatung.

Weitere Informationen finden Sie unter www.ey.com/at 

*Der Name EY bezieht sich in diesem Profil auf alle österreichischen Mitgliedsunternehmen von Ernst &Young Global Limited (EYG), einer Gesellschaft mit beschränkter Haftung nach englischem Recht. Jedes EYG Mitgliedsunternehmen ist rechtlich selbstständig und unabhängig und haftet nicht für das Handeln und Unterlassen der jeweils anderen Mitgliedsunternehmen.

News

E-Fuels statt höherer Steuern für Verbrennungs-Motoren

Nachhaltige Kraftstoffe ermöglichen den CO2-neutralen Betrieb von Verbrennungsmotoren. Nur auf E-Mobilität zu setzen und für Motoren massiv Steuern zu erhöhen, sei weder zielführend noch sozial gerecht, so die Experten.

Lesezeit: ca. 2 min

© VBV/Tanzer

Was sich 3.000 Führungskräfte für den Standort wünschen

Familienfreundliche Rahmenbedingungen haben für den Wirtschaftsstandort höchste Priorität, Bildung und Ausbildung Richtung Ökologie müssen gefördert werden.

Lesezeit: ca. 2 min

Innovation für ein gesundes Leben

Österreichische Top-Unternehmen gründen einen regionalen Innovationshub unter dem Dach von EIT Health, dem größten europäischen Gesundheitsnetzwerk.

Lesezeit: ca. 4 min

© Microsoft

Internationale Studie unter Führungskräften zeigt: In Krisensituationen hilft digitale Einsatzbereitschaft

Die Corona-Pandemie sorgt in Unternehmen weltweit für stärkere Konzentration auf das Wohlbefinden der MitarbeiterInnen und auf gesellschaftlich relevante Themen

Lesezeit: ca. 4 min

© Renault Communications

RENAULT PRÄSENTIERT NEUE CSR-STRATEGIE – GESELLSCHAFTLICHE UND SOZIALE VERANTWORTUNG IM FOKUS

Auf ihrer Hauptversammlung am 23. April hat die Renault Group ihre neue CSR-Strategie (CSR = Corporate Social Responsibility) vorgestellt. Sie ist Teil des Strategieplans Renaulution und fußt auf drei Säulen: Ökologischer Wandel, Sicherheit von Kunden und Mitarbeitern sowie Inklusion. Mit klar definierten Zielen und konkreten Aktionsplänen will das Unternehmen seine gesellschaftliche und soziale Verantwortung weiter stärken.

Lesezeit: ca. 4 min

© PantherMedia/majorosl66

Tourismus-Comeback: Marketing-Kampagnen starten wieder

47 Prozent der einen Urlaub Planenden aus Österreich und gleich 60 Prozent aus Deutschland wollen so bald wie möglich eine längere Reise von mehr als fünf Tagen unternehmen.

Lesezeit: ca. 2 min

© PantherMedia/DedMityay

Verkehrsmanagement in Buenos Aires mit Austro-Technik

Der Transportsektor ist weltweit der am schnellsten wachsende Emittent klimaschädlicher Treibhausgase mit einem Anteil von rund 25 Prozent des globalen CO2- Ausstoßes.

Lesezeit: ca. 2 min

© RLB NÖ-Wien/Karin Steppan

Windkraft ist in Österreich bisher nur ein Lüfterl

Weltweit wurde 2020 so viel Windkraftleistung errichtet wie nie zuvor. „Das Erneuerbaren-Ausbau-Gesetz könnte bei uns ein Windkraft-Turbo sein“, ist Stefan Moidl, Geschäftsführer der IG Windkraft, überzeugt.

Lesezeit: ca. 2 min

TOP LEADER Premium-News, kostenlos abonnieren!

Jetzt registrieren