Eigenkapital stärken und Investitionsanreize setzen

Eine neue Studie gibt Einblick in handelstechnische Verfassung heimischer Städte: Erste Corona-Effekte in Ortskernen zeichnen sich bereits ab.

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© Stephan Doleschal

Rainer Will Geschäftsführer Handelsverband.

Seit 2013 erfasst Standort + Markt in den 20 größten Städten Österreichs sämtliche Shopflächen und verfügt damit über ein unabhängiges Monitoring zum Zustand und den Veränderungen der österreichischen Cities. Der jährliche „S+M City-Retail Health Check“ geht mittlerweile in seine achte Runde. Durch die Analyse von 24 Geschäftsbereichen plus 16 ausgewählten Kleinstädten mit insgesamt 13.327 Shops auf einer Fläche von über zwei Millionen Quadratmetern liegt eine sehr hohe Transparenz zum Shopflächen-Geschehen in Österreich vor.

„Die rückläufige Flächenentwicklung der letzten 10 Jahre ist stiller Zeuge der veränderten Konsumgewohnheiten“, fasst Handelsverband-Geschäftsführer Rainer Will die wichtigsten Studienergebnisse zusammen. Der Modehandel verliert an den eCommerce und Corona verstärkt diese Entwicklung. Gleichzeitig nimmt der Bekleidungssektor in den innerstädtischen Toplagen noch immer fast die Hälfte der Handelsflächen ein. Die Gastronomie konnte in den letzten Jahren ordentlich zulegen, leidet seit 2020 aber ebenfalls stark unter den Corona-Lockdowns. „Wachstumskaiser ist der Leerstand“, warnt Will. „Die Leerstandsquote in den österreichischen Innenstädten liegt mittlerweile bei 7,5 Prozent. Die tatsächlichen Auswirkungen von Covid-19 werden wir erst ab der zweiten Jahreshälfte 2021 sehen!“

Shopflächenrückgang hält an

Mittlerweile finden sich nur mehr zehn Geschäftsbereiche, die eine positive Shopflächenentwicklung aufweisen. Der Flächenverlust war insbesondere in den letzten beiden Jahren deutlich spürbarer als zuvor. Die größten Flächenzugewinne sind in Dornbirn, der Wiener Landstraßer Hauptstraße, in Amstetten und in der Wiener Mariahilfer Straße zu verzeichnen. Krisengeschüttelte Innenstädte der letzten Jahre mit hohen Leerstands- und Fluktuationsraten wie Steyr, Villach und Wiener Neustadt haben auch 2020 eine Gesamtverkaufsflächenreduktion erfahren.

Angesichts der Veränderung des Branchenmix bei Primär- und Sekundärstädten wird deutlich, dass das Kurzfristbedarfsangebot in den österreichischen Cities – wenn auch nur leicht – zunimmt. „Die Bekleidungsbranche hingegen hat deutliche Verluste hinnehmen müssen, seit 2014 ist deren Anteil auf 29 Prozent gefallen“, erklärt Standort + Markt Geschäftsführer Hannes Lindner. „Diese Veränderung fiel signifikanter aus als in jeder anderen Branche. Der Bekleidungssektor hat rund 72.500 m² Verkaufsfläche in den vergangenen sieben Jahren verloren, ist aber weiterhin die mit Abstand dominanteste Branche im Mix“

© PantherMedia/elmar

Leerstandsrate steigt weiter

Die Leerstandsrate der Innenstadtbereiche liegt mit 5,9 Prozent etwas höher als in Österreichs Shoppingcentern (4,5 Prozent). „Die durchschnittliche Leerstandsquote inkl. Kleinstädte-Sample erhöht sich auf 7,5 Prozent, da Kleinstädte grundsätzlich eine signifikant höhere Leerstandsrate aufweisen und daher auch nur bedingt mit den Groß- und Sekundarstädten vergleichbar sind“, erläutert Standort + Markt Gesellschafter Roman Schwarzenecker. Insgesamt hat sich die Leerstandsrate in Primär- und Sekundärstädten seit dem letzten Jahr kaum erhöht, in den A-Lagen kam es sogar zu einer leichten Verbesserung. Schwarzenecker: „Es bleibt allerdings abzuwarten, welche Auswirkungen die Covid-19 Pandemie auf das Shopflächengerüst der Cities haben wird.“

Traditionell liegen Salzburg, Innsbruck und die Wiener City – allesamt Tourismus-Hochburgen mit entsprechend hoher Passantenfrequenz – auf den vorderen Plätzen des Städtevergleiches. Im Corona-Jahr 2020 sind es genau diese Cities, welche die höchsten Leerstandszugewinne zu verzeichnen haben. Als problembehaftet werden auch Sekundarstädte mit hohem Verkaufsflächenaufkommen respektive dezentralen Einzelhandelsentwicklungen an der Peripherie angesehen, etwa Wiener Neustadt, Steyr und Krems. Kleinstädte mit hoher innerstädtischer Leerstandsquote wie Bruck an der Leitha, Knittelfeld oder Liezen fallen ebenso in diese Kategorie.

Zu den diesjährigen „Gewinnern“ zählen die Geschäftsbereiche der Wiener Favoritenstraße und Mariahilfer Straße sowie die Innenstadt von Leoben. Zu den „Verlierern“ zählen Krems, Dornbirn und Wiener Neustadt, welche mit den stärksten Zugewinnen von Leerständen in der diesjährigen Studie konfrontiert sind. Schwarzenecker: „Generell ist zu beobachten, dass sich die Einzelhandelsensembles tendenziell von der Mitte wegbewegen, es ist somit ein Auseinanderdriften der Städte feststellbar. Die gesunde Mitte geht mehr und mehr verloren, während die Konzentration an den Rändern zunimmt. Die Extreme werden somit immer größer.“

Zu den diesjährigen „Gewinnern“ zählen die Geschäftsbereiche der Wiener Favoritenstraße und Mariahilfer Straße sowie die Innenstadt von Leoben.

© Walk-space.at

Die Ruhe vor dem Sturm?

Einerseits hat sich herausgestellt, dass die Auswirkungen der Pandemie noch nicht auf der stationären Shopfläche angekommen sind, die Leerstandsquote in den Cities blieb gegenüber dem Vorjahr im Durchschnitt betrachtet nahezu unverändert. „Erst nach dem Stopp von staatlicher Unterstützungsleistungen wird sich zeigen, welche Shops tatsächlich weiterhin offenbleiben oder aber von der Bildfläche verschwinden“, meint Lindner. „Hier erwarten wir in den kommenden Beobachtungsperioden definitiv eine erhöhte Dynamik, die sich sowohl im Leerstand als auch in einer deutlich erhöhten Fluktuationsrate bemerkbar machen.“

Corona befeuert nicht nur den eCommerce, sondern mittelfristig auch die Stadt- und Ortskernverödung. „Der Handelsverband hat bereits zum Jahreswechsel das Motto für 2021 mit ,Leben und Wirtschaften mit dem Virus’ ausgegeben“, sagt Rainer Will. „Durch eine Branchendifferenzierung sollen Kollateralschäden bestmöglich eingedämmt werden. Neben der Arbeitsplatzsicherheit sind hier auch soziale und psychologische Faktoren zu nennen. Die staatlichen Hilfen federn zwar das Schlimmste ab, jetzt braucht es aber auch Planungssicherheit und damit eine Strategie für den Weg in die Zukunft. Nur so können wir verhindern, dass die Coronakrise unsere Städte ökonomisch leerfegt.“ Daher hat der Handelsverband das AID-Modell ausgearbeitet – einen umfassenden Corona-Masterplan mit drei Schwerpunkten:

1) Arbeitsplätze retten, sichern und schaffen

Entscheidend ist, die 600.000 Arbeitsplätze im österreichischen Handel nachhaltig abzusichern und zukunftssicher aufzustellen. Die Kurzarbeit ist essenziell, um Jobs zu retten. Flankierend dazu braucht es einen befristeten Covid-Arbeitsplatzsicherungs-Bonus für die Zeit nach dem Ende der Kurzarbeit, um Jobs dauerhaft zu sichern. Zur Förderung neuer Beschäftigungsverhältnisse empfiehlt der HV einen temporären Covid-Arbeitsplatzschaffungs-Bonus in Form eines finanziellen Zuschusses oder eines Erlasses der Sozialversicherungsbeiträge für Arbeitgeber.

2) Insolvenzen verhindern, Eigenkapital stärken und Investitionsanreize setzen

Die Politik hat durch staatliche Hilfen wesentlich zum Erhalt des Wirtschaftsstandortes beigetragen. Mit einer stärkeren Verankerung der „zweiten Chance“ in den staatlichen Corona-Maßnahmen, präventiven Restrukturierungsmöglichkeiten und einem leichteren Zugang zu Eigenkapital würde man ein wichtiges Signal setzen, idealerweise schon bevor die Insolvenzregelungen wieder in Kraft gesetzt werden. Das wäre ein win-win für den österreichischen Wirtschaftsstandort und alle Beteiligten – Arbeitnehmer, Arbeitgeber, Banken, Gläubiger und Zulieferbetriebe. Mit dieser Maßnahme sollen 7.500 Handelsbetriebe, die coronabedingt mit dem Geschäftsbetrieb in Schieflage geraten sind und heuer aufgeben müssten, aufgefangen werden.

3) Digitalisierung vorantreiben und digitales Fair Play schaffen

Die heimische Wirtschaft bewegt sich in einem Korsett an strengen Vorgaben, während die internationalen Online-Giganten frei wie ein Vogel agieren können. „Wir müssen sicherstellen, dass Europa seine Verbraucher nicht länger als Kunden an digitale Giganten anderer Regionen der Welt verliert und obendrein noch Steuergutschriften nachschickt und den Abfall der Drittstaatensendungen auf eigene Kosten entsorgt“, fordert Will. „Die Einführung der digitalen Betriebsstätte in der Europäischen Union ist daher überfällig, wenn die EU-Kommission will, dass unsere Wirtschaft im digitalen, globalen Wettbewerb morgen noch eine Rolle spielen soll.“

Diese Maßnahme soll einen Beitrag leisten, um Österreich unter die EU Top 10 im Bereich der Digitalisierung zu katapultieren und zum Innovation-Leader zu machen. Gleichzeitig soll damit dem Kaufkraftabfluss von fast 60 Prozent im Onlinehandel entgegengewirkt und die steuerliche Gleichstellung von Old Economy (23 Prozent) und New Economy (neun Prozent) erreicht werden. Rainer Will: „Darüber hinaus ist es jetzt an der Zeit, endlich die Vereinfachung des Zuschlagswesens im Handelskollektivvertrag und die Abschaffung der Mietvertragsgebühr anzugehen.“

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