Der Fachkräfte- & Lehrlingsmangel bremst den Wirtschaftsaufschwung

Die Corona-Krise hat zu einem massiven Lehrlingsmangel in Österreich geführt und den Fachkräftemangel verschärft. Viele Handelsbetriebe klagen über zu wenige IT-Fachkräfte und einen quantitativen wie qualitativen Rückgang der Bewerber:innen für Lehrstellen seit Beginn der Pandemie. Der Handelsverband fordert daher eine rasche Implementierung des neuen Aufbaulehrgangs "eCommerce-Fachwirt/in" in Österreich. Die Basis dafür wurde nun mit dem neuen Hochschullegistikpaket der österreichischen Bundesregierung gelegt.

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© Stephan Doleschal

Rainer Will, Geschäftsführer Handelsverband

Der österreichische Handel gehört mit 15.300 Lehrlingen zu den größten Lehrlingsausbildern des Landes. Alle Lehrpläne wurden zuletzt grundlegend überarbeitet. Die vom Handelsverband initiierte und 2018 umgesetzte eCommerce-Lehre hat sich sogar zum beliebtesten aller neuen Lehrberufe Österreichs entwickelt. Nun soll der nächste logische Schritt folgen: die Schaffung eines eigenen, 3-jährigen Lehrgangs zum „eCommerce-Fachwirt“ bzw. zur „eCommerce-Fachwirtin“. Der Abschluss soll dem Bachelor entsprechen. Die Fortbildung wäre insbesondere für jene Menschen interessant, die eine kaufmännische Ausbildung erfolgreich abgeschlossen haben oder bereits fünf Jahre lang im Onlinehandel tätig sind und sich gezielt weiterbilden möchten. Absolvent:innen hätten in der Folge die Möglichkeit, an einer Hochschule (berufsbegleitend) weiter zu studieren.

Eine Umfrage von Mindtake Research im Auftrag des Handelsverbandes hat ergeben, dass fast zwei Drittel der heimischen KonsumentInnen vom Potenzial einer eigenen Ausbildung zum eCommerce-Fachwirt überzeugt sind. In Deutschland ist das schon gelebte Realität und die heimischen Unternehmen wollen nicht nur die Fachkräfte aus der Bundesrepublik rekrutieren. Der HV-Vorschlag wird auch von 75 Prozent der österreichischen Händler unterstützt. Erfreulicherweise hat nun auch die heimische Politik die Empfehlung des Handelsverbandes aufgegriffen und im neuen Hochschullegistikpaket die Grundlagen für den Ausbildungslehrgang gelegt. Spätestens im Oktober 2021 soll dieses Paket in Kraft treten, der HV arbeitet bereits mit einigen Partner-Fachhochschulen und Universitäten an den entsprechenden Lehrgängen. Das Ende der Corona-Krise wird gleichzeitig der Startschuss für neue, betriebsnahe Qualifizierungsmaßnahmen sein – denn der Fachkräftemangel wird uns auch 2022 begleiten.

Die eCommerce-Lehre ist ein Erfolgsbeispiel, das innerhalb von zwei Jahren Wirkung entfaltet hat.

© PantherMedia/doomu

Nur bestens ausgebildete Fachkräfte im Bereich Digitalisierung können Österreich zum Innovation Leader machen. Die eCommerce-Lehre ist ein Erfolgsbeispiel, das innerhalb von zwei Jahren Wirkung entfaltet hat. Nun wird es Zeit, das nächste Kapitel zu schreiben und darauf aufzubauen. Wir brauchen für den boomenden Online-Handel eine Weiterbildungsmöglichkeit, welche die Vertiefung des fachspezifischen Wissens erlaubt und den Lehrlingen eine weitere Stufe auf der Karriere-Leiter anbietet. Somit gehen hochschulische Weiterbildung und betriebliche Spezialisierung Hand in Hand. Die Zeit ist mehr als reif dafür, denn die Corona-Krise hat schonungslos aufgezeigt, wie wichtig digitale Kompetenzen für den Wirtschaftsstandort sind.

Unser großer Nachbar Deutschland ist – wie bereits erwähnt – schon einen Schritt weiter. In der Bundesrepublik fiel der Startschuss für den Fortbildungsberuf „Fachwirt/in im eCommerce“ bereits im Dezember 2019. Der Fachwirt soll an den großen Erfolg des ebenfalls 2018 eingeführten Ausbildungsberufes „Kaufmann/Kauffrau im eCommerce“ anknüpfen. Die Fortbildungsbereiche des eCommerce-Fachwirts umfassen in Deutschland u.a. das Entwickeln von Strategien sowie die Analyse und Weiterentwicklung von Prozessen im Onlinehandel, aber auch die Sicherstellung der Kommunikation und Zusammenarbeit mit internen und externen Partnern, Grundlagen der Buchhaltung und Bilanzierung, uvm. Mit dem am 1.1.2020 in Kraft getretenen, adaptierten Berufsbildungsgesetz erfolgte in Deutschland auch eine Aufwertung des klassischen „Meisters“. Dieser wurde zum „Bachelor Professional“, wobei die bisherigen Berufsbezeichnungen fortgeführt werden dürfen. Eine analoge Umsetzung ist im Sinne der grenzüberschreitenden Einheitlichkeit auch in Österreich sinnvoll.

Die heimischen Universitäten waren zwar schon immer dazu berechtigt, Universitätslehrgänge einzurichten, dank dem neuen Hochschullegistikpaket können sie künftig auch Hochschullehrgänge als außerordentliche Bachelorstudien bzw. außerordentliche Masterstudien implementieren. Diese Lehrgänge sind gleichwertig zu ordentlichen Bachelorstudien und ordentlichen Masterstudien, sie berechtigen nach Maßgabe der weiteren gesetzlichen Bestimmungen auch zur Zulassung zu ordentlichen Masterstudien und Doktoratsstudien. Die Voraussetzung für die Zulassung zu einem außerordentlichen Bachelorstudium, in dem der akademische Grad „Bachelor Professional“ verliehen wird, sind einschlägige berufliche Qualifikationen oder eine mehrjährige einschlägige Berufserfahrung.

Rund die Hälfte der ÖsterreicherInnen würde eine Ausbildung zum eCommerce-Fachwirt für sich selbst oder den eigenen Nachwuchs in Betracht ziehen. In Bezug auf die generelle Digitalisierung des Handels sowie des eCommerce-Marktes in Post-Corona Zeiten gehen 24 Prozent der Befragten von einer starken Zunahme und weitere 48 Prozent zumindest von einer moderaten Steigerung aus. Diese massive digitale Transformation kann nur gelingen, wenn Österreich die dafür erforderlichen Fachkräfte bestmöglich ausbildet.

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